Es ist nicht lange her, da war die Rotwand ein Abenteuer. Wer zum höchsten Punkt des Skigebiets hinauf wollte, wo die Dolomitengipfel senkrecht in den Himmel ragen, der fror im 50 Jahre alten Tellerlift – und sah beim Bergaufzuckeln manchmal Rentiere. Die liefen frei über die Pisten, wenn mal wieder Schneemassen den Zaun ihres Geheges unter sich begraben hatten.

Heute ist von Südtirols einziger Rentierherde nur ein Exemplar geblieben. Und zur neuen Bergstation auf 1977 Metern surrt nun ein hochmoderner Sechsersessellift. Vor dem Einstieg hebt oder senkt sich das Förderband automatisch, ein Sensor misst dafür die Körpergröße. Die schwarz-roten Kunstledersitze sind kräftig beheizt, um Rücken und Po zu wärmen. Und unter der Plexiglashaube sitzt es sich selbst im Flockengestöber bequem.

Ähnlichen Komfort bieten im Skigebiet 3 Zinnen alle Lifte der neuesten Generation – und das sind einige. „Wer bei uns eine Woche lang Ski fährt, soll sich nicht langweilen“, sagt Franz Senfter. Der 82-Jährige stammt aus dem Pustertal, aus der Metzgerei des Vaters in Innichen baute er ein Wurst- und Speckimperium mit 14 Fabriken in Italien auf. Nachdem er sie 2018 verkauft hatte, widmete er sich ganz dem Skigebiet, dessen Präsident er seit Langem war.

150 Millionen Euro hat seine 3 Zinnen AG in den vergangenen Jahren investiert, 115 Pistenkilometer kann sie Gästen mittlerweile bieten. Doch der Speckkönig, wie die Einheimischen Senfter nennen, will mehr. Sein Herzensprojekt sind zwei neue Skischaukeln: eine grenzüberschreitende von Sexten im Pustertal nach Sillian in Osttirol, die das Skigebiet 3 Zinnen um 22 Pistenkilometer ergänzen würde; und eine nach Padola in Venetien, dessen Pisten bisher nur per Bus erreichbar sind.

Scharfe Kritik an „überdimensionierten“ Plänen

Vor Ort sind Senfters große Pläne umstritten. Die Naturschutzorganisation WWF und die Alpenvereine Südtirols, Italiens und Österreichs kritisieren das Projekt scharf. Der Ausbau sei mit 27,5 Hektar neuen Pisten, einem Speicherteich, 20 Meter hohen Stützen für die Seilbahn und der Bergstation nahe der Sillianer Hütte überdimensioniert, argumentiert der Verein Osttirol Natur, seine Petition „Nein zur Skischaukel Sillian–Sexten“ unterzeichneten Tausende.

Zudem zerstörten die Anlagen das Wandergebiet, gefährdeten bedrohte Arten und brächten noch mehr Verkehr ins Tal. Man dürfe nicht die letzten ruhigen Hänge in diesem überlaufenen Gebiet opfern, sagt Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereins Südtirol.

Senfter sieht es naturgemäß anders: „Wir hatten 20 Jahre Invesitionsstau und Klein-Klein.“ Die lokalen Skigebiete konkurrierten miteinander, es hätten Neid und Missgunst geherrscht. Während sich andere Wintersportreviere in den Dolomiten stark entwickelten, habe das Hochpustertal den Anschluss und Besucher verloren.

Um gegenzusteuern, setzte Senfter auf Wachstum, sicherte sich nach und nach die Mehrheiten an den Seilbahnen und wagte 2014 den großen Schritt: Trotz heftiger Proteste von Umweltschützern baute die 3 Zinnen AG, deren Präsident er bis 2021 war, zwei neue Kabinenbahnen durch den Bergwald zur Station Stiergarten.

Mit den dazugehörigen Pisten schlossen sie die Lücke zwischen den Skigebieten Helm und Rotwand, wo zuvor ein Skibus pendelte. Als Bonus bietet die Bergstation in knapp 2100 Metern Höhe einen perfekten Blick auf die Sextner Sonnenuhr, ein berühmtes Dolomitenmassiv, wo fünf Gipfel im Tagesverlauf jeweils den Stand der Sonne anzeigen.

Zahl der Skifahrer hat sich verdreifacht

Senfter investierte weiter: Zum Hasenköpfl surrt seit 2019 ein Achterlift mit Sitzheizung, 2020 ersetzte eine Zehner-Kabinenbahn die alte Pendelbahn, vor der die Urlauber in den Weihnachtsferien manchmal zwei Stunden warteten. Die Zahl der Skifahrer im Skigebiet hat sich inzwischen verdreifacht, an Spitzentagen kurven heute 12.500 Wintersportler über die Pisten. „5000 Gäste mehr pro Tag dürften es schon sein“, findet Senfter. Noch wichtiger sei aber, dass sich die Urlauber besser verteilten. Und dabei sollen die Skischaukeln helfen.

Tatsächlich wird es morgens besonders im Teilgebiet Helm trubelig, wenn die Gäste aus Sexten und vom Bahnhof Vierschach mit den Kabinenbahnen bergan strömen. Aber mehr Seilbahnen mit hoher Kapazität brächten noch mehr Touristen, sagt Simeoni. „Man müsste auch mal mit dem zufrieden sein, was man hat.“

Zumal man schon heute in ruhige Teilgebiete wechseln kann, und das auf sehr idyllische Weise. „Psssst!“, steht über dem großen Tor neben der Bergstation des neuen Porzen-Lifts, „Pure Nature!“. Dahinter beginnt der Unesco-Skiweg, ein schmaler Pfad, der sich durch wundervoll verschneiten Winterwald im Weltnaturerbe schlängelt.

Ab und an hört man Vögel zwitschern, ansonsten gleitet man still hinüber zum Kreuzbergpass. Der Trubel der Hauptgebiete ist hier weit weg, nur ein alter Schlepplift zuckelt den Hang hinauf. Die Kinder vom Skiclub trainieren Slalom, daneben darf man auf der fast leeren Piste ausgreifende Carvingschwünge üben.

Der Kreuzbergpass ist die Kulturgrenze nach Venetien, von hier führt ein weiterer Skiweg in engen Kurven durch den Wald nach Bagni di Valgrande, wo der Bus nach Padola startet. „Wie Cortina vor 100 Jahren“ sei das Bergdorf, sagt Senfter. Die wenigen Hotels um die Piazza mit dem romanischen Kirchturm wirken bescheiden, das ganze Dorf verschlafen. Senfter will Padola aus diesem Winterschlaf erwecken.

Ende des Luxus‘

Vor 15 Jahren erst hatte Padola den ersten Schlepplift gebaut, mit dem zusätzlichen Sessellift verhob sich das winzige Skigebiet finanziell. Die 3 Zinnen AG übernahm. Momentan darf man noch im gemütlichen Vierer-Sessellift zum „Rifugio Col d’la Tenda“ fahren, der einzigen Hütte im Skigebiet. Die Terrasse bietet einen fantastischen Blick auf den Karnischen Kamm, aber selbst an Sonnentagen ist die Hälfte der Tische hier unbesetzt.

Was Vorteile hat: Die Pisten sind leer, ungestört kann man hier rasant über ihre ganze Breite carven. Wenn Senfters Plan aufgeht, könnte dieser Luxus bald vorbei sein. Zwei neue Kabinenbahnen sollen das Val Comelico mit dem Kreuzbergpass und den Hauptgebieten der 3-Zinnen-Arena verknüpfen. Am Ende der Pisten werden bereits die drei Häuser von Senfters neuem Hotel gebaut, das die Bettenzahl in Padola verdreifachen wird.

Die inneritalienische Skischaukel über die Südtiroler Grenze hinweg nach Venetien ist bereits genehmigt. Priorität habe für ihn allerdings die Verbindung nach Sillian, sagt Senfter. Das Skigebiet in Osttirol biete zusätzliche Pistenkilometer, vor allem aber habe das Dorf 3000 Gästebetten – sechsmal mehr als Padola.

Kernstück dieser italienisch-österreichischen Skischaukel zwischen Süd- und Osttirol ist die Zehner-Kabinenbahn zur Bergstation Hochgruben, die neben der Sillianer Hütte auf 2538 Meter Höhe gebaut werden soll. Allein die neue Talabfahrt wäre sechseinhalb Kilometer lang. Auf Südtiroler Seite ist die Verbindung bereits seit 2020 genehmigt, die Umweltverträglichkeitsprüfung in Osttirol steht jedoch aus.

Der Österreichische Alpenverein geht fest davon aus, dass sie abgelehnt wird. Denn die neuen Pisten würden den Lebensraum des extrem seltenen Steinhuhns beeinträchtigen, erklärt Liliana Dagostin, die Leiterin der Abteilung Raumplanung und Naturschutz. „Das ist unser stärkster Trumpf im Ärmel.“

Selbst Touristiker üben Kritik

Sogar Touristiker vor Ort sehen den Ausbau kritisch. Denn mit ihm würden die Preise weiter steigen, fürchtet Joachim Messner, der für Südtirols Tourismusorganisation IDM arbeitet. „Der Wintersport wird immer elitärer.“ Ein Gegenentwurf wäre der sanfte Wintertourismus. Er würde abgelegenen Tälern helfen, sich über Wasser zu halten, sagt Messner. Bei der IDM ist er verantwortlich fürs Langlaufen, ein Aushängeschild des Hochpustertals – und eine weitere Möglichkeit, den stillen Charme der Region zu erleben.

Durch Lärchenwald sanft bergauf ins Fischleintal führt eine der schönsten Loipen. Die Kulisse ist gewaltig, man läuft in ein natürliches Amphitheater aus Fels und Eis, immer höher wachsen die Türme und Zacken der Sextner Sonnenuhr in den blauen Himmel.

Am Beginn der Talschluss-Schleife kontrolliert ein älterer Herr mit guter Laune die Tickets. An diesem Sonntag hat er viel zu tun. Urlauber gleiten gemächlich durch die Schneespur, Könner überholen im dynamischen Skatingschritt. Junge Eltern ziehen langlaufend einen Kinderwagen auf Kufen hinter sich her, auf dem parallelen Weg spaziert eine Karawane von Wanderern.

Die Zahl der Langläufer habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, sagt Messner. Mit 75.000 Tagestickets pro Winter sind sie freilich nur eine kleine Nische im Vergleich zum großen Skizirkus. Langlaufen gelte als wirtschaftlich unbedeutend, sagt Messner. Zumal die Loipen jeden Abend frisch gespurt würden – die meisten mit Kunstschnee. Ohne ihn würde es in einem schneearmen Winter 90 Prozent der Loipen nicht geben.

Doch das Präparieren kostet die Tourismusvereine viel Geld. Messner ist dafür, die Seilbahngesellschaften an den Kosten zu beteiligen: „Mir fehlt die Solidarität, Loipen und Winterwanderwege zu finanzieren.“ Er hat schon eine Idee, wie die Seilbahnen quasi zur Solidarität gezwungen werden könnten: Kompensationen für die Förderung des sanften Wintertourismus sollten Bedingung für die Erweiterung von Skigebieten werden.

Profitieren würde davon auch das Winterwandern. Seit vergangenem Winter wird beispielsweise der Wanderpfad ins Rienztal mit Schneekatzen planiert, vorher konnte man hier nur mit Schneeschuhen gehen. Neue Holzschilder mit orangefarbenen Pfeilen und Wanderstiefeln weisen den Weg.

Vielleicht sollten die Skischaukelbefürworter hier auch einmal entlangspazieren – um die Stille und den Blick auf die weltberühmten Felstürme der Drei Zinnen zu genießen. Und um zu erkennen, dass es für einen gelungenen Winterurlaub mehr braucht als Skischaukeln und unentwegten Pistenrummel.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit dem Zug von München über Franzensfeste (Südtirol) oder über Lienz (Osttirol) nach Innichen, mit dem Bus weiter nach Sexten. Mit dem Auto über Brenner und Pustertal nach Sexten.

Wo wohnt man gut? In Sexten gibt es eine Reihe Pensionen und Hotels (sexten.org/unterkuenfte/hotels). Luxuriöses Highlight ist das „Bad Moos Aqua Spa Resort“, das im 19. Jahrhundert ein „Bauernbadl“ war und Ende der 1970er-Jahre Südtirols erste Saunalandschaft bot mit Innen- und Außenpool, Schwefel-Quellwasser, Dampfbädern und Saunen, Doppelzimmer ab 534 Euro (badmoos.it/de). Ein Muss für Design- und Architekturfans ist das „Hotel Drei Zinnen“, 1929 im Tiroler Bauhausstil errichtet, schnörkelfrei gestaltet mit vielen Originalmöbeln, Doppelzimmer ab 270 Euro (hotel-drei-zinnen.com/de).

Wintersport: Das Skigebiet 3 Zinnen bietet 115 Pistenkilometer, verteilt auf sechs Berge. Der Tagespass kostet ab 72 Euro. Die meisten Urlauber starten ihren Skitag am Helm, fahren mittags zur Rotwand und nachmittags zurück. Wer entgegengesetzt fährt, hat ruhigere Pisten. Im Teilskigebiet Haunold finden Familien und Anfänger leichte Pisten und Ruhe; dienstags- und freitagabends kann man dort bei Flutlicht Ski fahren und rodeln. Für Langläufer gibt es 200 Kilometer gespurte Loipen, das Tagesticket kostet 14 Euro (dreizinnen.com/de).

Weitere Infos: suedtirol.info, sexten.it

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von IDM Südtirol. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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