Zöllner an Flughafen-Ausgängen haben einen sicheren Blick für Schmuggler – jene Missetäter, die hochpreisige Ware mit sich führen, auf die eigentlich eine Zollabgabe fällig wäre. Und auch hier oben auf dem Alptrider Sattel in den Paznauer Alpen, 2488 Meter hoch gelegen, erkennen die Zollbeamten ihre „Kundschaft“ an bestimmten Verhaltensweisen, über die sie aber nicht allzu viel verraten wollen.

Nur so viel: „Wer sich nach seiner Ankunft mit der Gondelbahn sehr beeilt und nicht einmal mehr die Zeit nimmt, Mütze und Stöcke für die nächste Skiabfahrt ordentlich zu richten, kommt schnell in unseren Fokus“, erzählt einer der österreichischen Staatsbeamten, die in normaler Skikleidung entlang der Grenze, die quer durch das Skigebiet Silvretta Ski-Arena Samnaun/Ischgl verläuft, unterwegs sind. Und auch große Rucksäcke seien ein guter Hinweis.

Wer hier oben aussteigt, ist wenige Minuten zuvor in der Schweiz gestartet, genauer gesagt in Samnaun, gelegen im Ostzipfel des Kantons Graubünden. Weil das Örtchen zwar eine strategische Bedeutung für Handelsrouten hatte, aber ansonsten weit weg von der Zivilisation der Eidgenossenschaft lag, wurde die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Schweizer Zollgebiet entlassen, um sie für eine Ansiedlung attraktiver zu machen. Das gab es in den Alpen in der Zeit vor der Tourismusblüte häufiger, das italienische Livigno ist ein weiteres Beispiel. Dort wie hier hat das Zollprivileg bis heute Bestand.

Unten in Samnaun gibt es inmitten uralter Häuser deswegen eine Sammlung an Duty-free-Shops, wie man sie in dieser Dichte in Deutschland am ehesten von Helgoland kennt, das ebenfalls außerhalb des Zollgebiets liegt. Zigaretten, Alkohol, Parfums, Schmuck, Uhren – all das gibt es in den Läden in großen Mengen. Zollfrei; die Preise liegen bis zu 20 Prozent unter dem Verkehrswert in der EU. Der Haken: Man darf das günstiger Erworbene nur in geringen Mengen zurück ins lebensfrohe Ischgl mitnehmen, das auf der anderen Seite des Gebirgszugs in Österreich liegt.

Nylonstrümpfe als Luxus

Heute ist das Schmuggeln eher ein Ausdruck der Gier nach Luxus, erst kürzlich flog ein Mann mit acht Luxusuhren in den Taschen auf. Aber Gottlieb Jehle hat Zeiten erlebt, in denen der kleine Grenzverkehr über die Bergpfade noch zur Grundversorgung gehörte.

Er war damals, in den Jahren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Kind. Sein Vater gehörte zu den Schmugglern, wie fast alle Männer in Ischgl und den Nachbardörfern, verrät der Zeitzeuge. Es ging um Reis, Gewürze, Tabak, Kaffee, aber auch schon um den ersten kleinen Luxus, etwa Nylonstrümpfe, die es nur auf der Schweizer Seite gab. Wenn sich die Frauen dann am Sonntag beim Kirchgang mit dem begehrten Accessoire zeigten, wussten alle: Eine neue Lieferung ist angekommen.

„Das lief aber in beide Richtungen“, sagt Jehle, inzwischen 76 Jahre alt. Fleisch war in der Schweiz viel teurer, und so wurden Schnitzel und Würste, aber auch lebende Tiere aus Österreich über den Bergkamm gebracht. Bei Bauernhof-Kontrollen auf helvetischer Seite sei dann manchmal aufgefallen, dass sich zum Beispiel der Schafbestand deutlich erhöht hatte –„stärker, als das auf natürlichem Wege möglich gewesen wäre“, sagt Jehle lachend. Er ist nicht nur ein begnadeter Zither-Spieler, sondern trotz seines Alters besser auf Skiern unterwegs als viele der jungen Pistenfahrer des Skigebiets.

Der Tourismusverband Ischgl hat ihn deshalb als den ältesten Guide angeheuert, den Touristen buchen können. Er begleitet die Gäste auf speziellen Ski-Rundfahrten durch den Schnee: „Schmugglerrunde“ heißt die Tour, die sich grob an den Wegen der frühen Warentransporte orientiert. Drei unterschiedliche Varianten und Schwierigkeitsgrade gibt es, gekennzeichnet in Gold, Silber und Bronze, die je nach Zeit und Können abgefahren werden können.

Schutzhütten als Zeugnisse der Zeit

Manchmal gibt es außer Hinweisschildern, auf denen ein „Original-Schmuggler“ abgebildet ist, auch noch tatsächliche Zeugnisse dieser Zeit zu sehen, etwa einen alten Bretterzaun, der die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz markiert. Es steht auch noch eine der gemauerten Schutzhütten, in denen die Zöllner früher ihren Unterschlupf hatten – sie dienen längst nicht mehr diesem Zweck, auch sie sollen in die Route eingebunden werden.

Solche abwechslungsreichen Kreisverkehre im Schnee, also ausgeschilderte Skirundtouren, sind bei Winterurlaubern beliebt, es gibt sie nicht nur zwischen Ischgl und Samnaun, sondern an verschiedenen Orten in den Alpen.

Jehle schlüpft für seine Rundfahrten in ein historisches Outfit, seine Skistöcke sehen aus wie lange Äste, auch einen alten Wanderrucksack hat er dabei. „Bis zu 40 Kilo haben die Männer damals auf den Rücken gewuchtet“, erzählt er – manchmal waren es auch Kisten mit lebenden Hühnern oder Schafe, die zusätzlich an der Leine geführt wurden.

Schon damals hätten die Zöllner kontrolliert, immer wieder sei es beim „Schmuggler-und-Gendarm-Spiel“ zu gefährlichen Situationen im Gelände gekommen. Er schildert einen Fall, in dem bei einem Absturz ein verletzter Mann lange im unzugänglichen Gelände ausharren musste, bis er gerade noch rechtzeitig gefunden werden konnte.

Wer mehr über die lokale Geschichte erfahren möchte, macht beim Zwischenstopp auf Schweizer Seite nicht nur Station in den Duty-free-Shops, sondern schaut sich dort das Talmuseum Samnaun an, in dem Skier, Schuhe, Transportkisten und Fotos der damaligen Zeit zu sehen sind – Zeugnisse einer gar nicht so lange vergangenen Zeit, in der hüben wie drüben in Ischgl die Menschen noch Bauern oder Handwerker waren, und die gerade in den Wintern sehen mussten, wie ein Überleben möglich war.

Aus großer Armut wurde großer Reichtum

Einige Gondeltouren und Pisten später könnte der Kontrast kaum größer sein. Ischgl ist längst eines der Epizentren des modernen Skisports in den Alpen – auch die Corona-Zeit, die wegen einer frühen Virusverbreitung noch heute mit dem Ferien- und Partyort verbunden wird, hat daran nichts geändert. Selbst in Wochen, in denen es früher im Winter eher ruhiger war, sind die Hotels nahezu ausgebucht.

An manchen Vormittagen reihen sich die Skifahrer Hunderte Meter an der Talstation auf, um in das Skigebiet zu gondeln. Die Silvrettaseilbahn AG, an der viele Ischgler mit Namensaktien beteiligt sind, sammelt viel Geld ein, ein Tagespass kostet in der aktuellen Wintersaison für Erwachsene 76 Euro.

Dividenden werden an die Aktionäre nicht gezahlt, die Einnahmen fließen direkt in Bauvorhaben – zuletzt eine neue Therme inklusive Eislaufbahn für 80 Millionen Euro, demnächst steht die Erneuerung von Liften an, 120 Millionen Euro liegen dafür schon bereit. Zuletzt wurde auch den Samnaunern beim Bau ihrer großen Seilbahn hinauf in das gemeinsame Skigebiet finanziell kräftig unter die Arme gegriffen. Aus großer Armut ist großer Reichtum geworden.

Jeweils zum Start und zum Ende einer Saison werden Stars der Musikbranche eingeflogen, Zehntausende feiern dann oben auf der Idalp im Schnee. Rund die Hälfte der Gäste reisen aus Deutschland an. Im Hotel „Ischglerhof“, gelegen in unmittelbarer Nähe zu den berühmten Après-Ski-Stätten „Trofana Alm“ und „Kuhstall“, hängen Fotos prominenter Besucher an der Wand, von Elton John über Mariah Carey bis Helene Fischer. Immer auf den Bildern zu sehen: Hotelchef Jürgen Kurz, der auch Mitglied im Aufsichtsrat der Seilbahn ist.

Ohne ihn geht wenig im Ort. Fragt man Kurz nach den größten Herausforderungen für Ischgl, muss er länger nachdenken. Dann erzählt er von der Corona-Zeit, als Ischgl als früher Pandemie-Ausbruchsort in Europa in den Schlagzeilen gestanden habe, aber auch davon, wie schnell die Gäste zurückgekehrt seien: „Die standen fest zu uns.“

Die meisten würden wegen des Skivergnügens auf 239 Pistenkilometern herkommen, die wenigsten zum Feiern und Saufen, sagt Kurz. Wer spätabends durch Ischgls Gassen spaziert, bekommt allerdings einen anderen Eindruck. In Innovationen müsse weiter investiert werden, sagt Kurz, in die Seilbahn, aber auch in sonstige Attraktionen abseits des Skisports.

Vor dem Hotel hängt ein Schild, das an die Pioniere des Seilbahnbaus erinnert. 1963 wurde die erste Anlage in Betrieb genommen, heute befördern 46 Lifte und Gondeln Wintersportler bis auf 2872 Meter hinauf. „Diese Herren hatten damals den Mut, Kredite aufzunehmen, um dem Ort neue Einnahmequellen zu verschaffen. Von da an ging es hier in doppeltem Wortsinn bergauf.“

Eigentlich hätten die Zeiten des Schmuggelns damit ein Ende haben können, sagt Kurz – aber die Aussicht auf Schnäppchen beim Luxuskonsum sei einfach zu verlockend. Bis heute.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Ischgl und die Nachbarorte Galtür, Kappl und See, die über jeweils eigene Skigebiete verfügen, sind über einen Linienbus mit dem Fernbahnhof Landeck-Zams angebunden. Bahnfahrer aus Deutschland reisen in der Regel über München und Innsbruck nach Landeck-Zams. In und zwischen den Ortschaften verkehren zudem Skibusse. Autofahrer erreichen Ischgl ebenfalls über Landeck.

Wo wohnt man gut? Ischgl bietet eine große Auswahl an Vier- und Fünf-Sterne-Hotels sowie mehrere Dutzend Unterkünfte mit drei oder zwei Sternen. Opulent-luxuriös ausgestattet ist das „Schlosshotel Ischgl“, Spa mit Außenbereich und das Restaurant „Schlossherrnstube“ (mit Michelin-Stern ausgezeichnet) zählen zu den Highlights, Doppelzimmer ab 520 Euro (schlosshotelischgl.com). Vier-Sterne-Komfort und einen Infinity-Pool auf dem Dach bietet das Adult-only-Hotel „Sunshine“ im Nachbarort Kappl, Doppelzimmer ab 365 Euro (sunshine-superior.at).

Skigebiet: Die Silvretta-Arena bietet grenzüberschreitend 239 Pistenkilometer; die Schmugglerrunde misst insgesamt knapp 62 Kilometer. Ein Sechs-Tage-Skipass kostet ab 425 Euro, Tagesticket 79 Euro (die aktuelle Skisaison läuft bis 3. Mai 2026).

Weitere Infos: ischgl.com/de/; samnaun.ch/de

Weitere Ski-Rundkurse in den Alpen:

Da viele alpine Skigebiete durch neue Lift- und Gondelverbindungen immer größer werden, liegen ausgeschilderte Routen und Rundfahrten im Trend – sie erleichtern die Tagesplanung, und man erfährt mehr über Land und Leute. Drei Beispiele.

Sellaronda: Die Runde rund um das Sellamassiv in den italienischen Alpen ist der Klassiker unter den ausgeschilderten Routen und ein Traumziel vieler Skifahrer. In verschiedenen Orten wie Wolkenstein, Corvara oder Arabba kann es losgehen (und enden). Es gibt zwei Richtungen, in denen die Sellaronda mit Skiern befahren werden kann: im oder gegen den Uhrzeigersinn. Insgesamt legen Skifahrer auf der Runde 44 Kilometer zurück, wobei knapp die Hälfte davon mit Lift oder Gondel bestritten wird. Immer im Blick: die imposanten Zacken der Dolomiten.

Run of Fame: Auch St. Anton am Arlberg hat eine Runde zusammengestellt, und wie es sich für den auf Superlative bedachten Ort gehört, ist diese mit 85 Kilometern die längste im Alpenraum. Man muss früh starten, will man die ganze Strecke an einem Tag schaffen. Sie führt über Arlberg-, Flexen- und Hochtannbergpass mit 18.000 Höhenmetern führt von St. Anton/Rendl über Stuben, Zürs, Lech und Schröcken nach Warth – und zurück. Dabei ist nur ein Skipass nötig. Die „Run of Fame“-Runde erinnert an manchen Stellen an Skipioniere, Skistars sowie Filmstars, die hier auf Skiern unterwegs waren.

Gebirgsjägerrunde: Ähnlich wie die Schmugglerrunde in Ischgl hat auch diese Tour einen historischen Kern. Die 80 Kilometer lange Gebirgsjägertour verbindet Orte in den Dolomiten, die während des Ersten Weltkriegs eine Rolle spielten: Tunnel, Gänge, Schießscharten. In einer imposanten Bergkulisse verläuft die Runde in Südtirol und Venetien um den 1915/16 stark umkämpften Col di Lana. Beliebter Startpunkt ist das Skigebiet Civetta, weitere Einstiege sind in Arabba, Corvara und St. Kassian möglich. Einzelne Abschnitte sind per Skibus miteinander verbunden.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Ischgl/Paznaun, der Deutschen Bahn und den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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