Lange haben Polen und Deutsche um Oberschlesien gestritten. Ursprünglich slawisch besiedelt, gehörte die Region jahrhundertelang überwiegend zu Österreich, Preußen und Deutschland (in der Karte orange markiert). Bei einer Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg stimmten knapp 60 Prozent für Deutschland, in der Folge wurde Oberschlesien geteilt. Seit 1945 ist die Region komplett polnisch, aufgeteilt auf die heutigen Woiwodschaften Oppeln und Schlesien (dunkelgrau markiert).

Oberschlesien – auf Polnisch Górny Śląsk – existiert in Deutschland und Polen heute vor allem als historische Erinnerungslandschaft, ist aber noch erfreulich lebendig. Und als Reiseziel unbedingt sehenswert.

Anders als in Niederschlesien, Pommern und Ostpreußen wurde die deutsche Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg nur teilweise vertrieben, weshalb es in Oberschlesien bis heute eine deutsche Minderheit mit rund 350.000 Mitgliedern gibt, viele haben auch deutsche Pässe.

Wer bei einer Oberschlesien-Tour aufmerksam durchs Land fährt, findet vor allem rund um Oppeln (Opole) Orte mit zweisprachigen polnisch-deutschen Ortsnamen, polenweit sind es mehr als 380. Voraussetzung ist, dass mindestens 20 Prozent der Bewohner der deutschen Minderheit angehören oder wenn eine Gemeinde das per Einwohnerbefragung beschlossen hat.

Früher war der Anteil der Deutschsprachigen noch größer: Seit den 50er-Jahren haben Hunderttausende Aussiedler Oberschlesien Richtung Deutschland verlassen und dort wesentlich zum Wirtschaftswunder beigetragen.

Zwei davon haben es in die deutsche Nationalmannschaft geschafft und sind 2014 Fußball-Weltmeister geworden: Miroslav Klose, geboren in Oppeln, und Lukas Podolski aus Gleiwitz (Gliwice).

Es ist noch nicht lange her, da war Oberschlesien verrufen als polnischer Ruhrpott, doch die Region ist weit mehr als ein verqualmtes Industrierevier mit Kohlezechen und Schloten. Wie das Ruhrgebiet durchläuft Oberschlesien einen Strukturwandel, sprich: Schwerindustrie und Bergbau werden schrittweise ersetzt durch neue, saubere Wirtschaftszweige.

Jenseits des dicht besiedelten Reviers wechseln sich Wälder, Felder, Hügel und Berge ab. Die Landschaft ist gespickt mit Dutzenden Burgen und Schlössern, die Kriege und Kommunismus überstanden haben und zu den schönsten Sehenswürdigkeiten Oberschlesiens zählen.

Allen voran Schloss Moschen (Moszna), ein Barock-Gotik-Neorenaissance-Palast mit 99 Türmchen und Zinnen (Foto). Zu deutscher Zeit war Kaiser Wilhelm hier öfter zu Gast, heute steht das restaurierte Schloss Besuchern für Führungen und Übernachtungen offen – ein Teil wurde zu einem luxuriösen Schlosshotel umgebaut.

Polens tiefstgelegene Kneipe: 320 Meter unter der Erde

320 Meter tief ins Erdinnere kommt man im Schaubergwerk Guido in Hindenburg (Zabrze) – es ist die tiefste Kohlemine Europas, die für Touristen zugänglich ist. Man fährt mit der alten Bergarbeiter-U-Bahn rund 100 Stockwerke hinab in das stillgelegte Steinkohlebergwerk und erfährt in dem Labyrinth aus Stollen und Gängen viel zur Geschichte der Kohlegewinnung und zu den harten Arbeitsbedingungen unter Tage, wo anfangs Pferde und später Maschinen eingesetzt wurden.

Eine Station ist die 170 Meter tief gelegene St.-Barbara-Kapelle, eine andere die 320 Meter unter der Erdoberfläche in den Stein gehauene tiefstgelegene Kneipe Europas, wo man hausgemachtes Bier und Bigos probieren kann. Eine weitere unterirdische Top-Attraktion in Oberschlesien ist das Silberbergwerk in Tarnowitz (Tarnowskie Góry), seit 2017 Unesco-Weltkulturerbe. Die Förderung von Bleierz mit Silberanteilen begann hier im 18. Jahrhundert, wo ab 1788 die erste Dampfmaschine Schlesiens ratterte. 1912 wurde der Minenbetrieb eingestellt.

Seit 1957 wird das rund 40 Meter tief gelegene Gängegewirr touristisch genutzt: Es gibt einen Rundweg und einen unterirdischen Fluss, von dem ein längerer Abschnitt per Boot erkundet wird. 

Gleich zwei Oberschlesien-Museen

Oberschlesien ist so interessant, dass es gleich zwei große Museen über die Region gibt: Zum einen im polnischen Kattowitz (Katowice) das Schlesische Museum, seit 2015 großzügig untergebracht in einer früheren Zeche und modern gestaltet. Es präsentiert Oberschlesien als Teil der polnischen Geschichte, gewürdigt werden aber auch die preußisch-deutsche Periode, Mehrsprachigkeit und konkurrierende Identitäten. 1945 wird klar als Befreiung und Rückkehr zum polnischen Mutterland dargestellt.

Zum anderen das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen/NRW. Hier wird 1945 auf gänzlich andere Art definiert: als Bruch und Verlust. Die jahrhundertelange Zugehörigkeit der Region zum deutschen Kulturkreis steht im Vordergrund. Flucht, Vertreibung, Zwangsmigration und Neuanfang der Oberschlesier im Westen nehmen einen breiten Raum ein.

Ende 2025 drohte eine Schließung dieses Museums wegen fehlender Mittel, die dank Protesten, Petitionen und Bereitstellung von Bundesmitteln abgewendet werden konnte. Beschlossen ist eine Neugestaltung der Dauerausstellung, die das Museum dauerhaft sichern soll. Wer sich ein umfassendes Bild von Oberschlesien und seiner komplizierten Geschichte machen will, besucht am besten beide Häuser.

Himmlische schlesische Spezialität

Ein traditionelles, heute weitgehend in Vergessenheit geratenes Festtagsgericht ist Schlesisches Himmelreich: Dafür wird geräucherter oder gepökelter Schweinebauch zusammen mit eingeweichtem Backobst, Zimt und Zitronenschale gekocht und mit reichlich Soße sowie flachen schlesischen Kartoffelklößen, im Dialekt bekannt als Kließla, serviert.

Der süß-salzige Geschmack ist heutzutage ungewohnt, war im 18. Jahrhundert, als das Rezept kreiert wurde, aber sehr beliebt: Üppig-süßliche Fleischgerichte galten im katholisch geprägten Schlesien als Vorgeschmack des Himmlischen und als Kontrast zu der kargen Kost der Fastenzeit, daher der Name.

Im heutigen Oberschlesien wird die kalorienreiche Spezialität nur noch selten aufgetischt, man findet sie vor allem auf Speisekarten touristischer Lokale. In Deutschland wird das Gericht noch in Familien mit schlesischen Wurzeln gekocht sowie in und um Görlitz – in jener Region Niederschlesiens westlich der Neiße, die nach 1945 deutsch geblieben ist.

Die Tigerente ist eine Oberschlesierin

Neben Klose und Podolski zählt der Zeichner und Schriftsteller Janosch, der 1931 im oberschlesischen Hindenburg (Zabrze) unter dem Namen Horst Eckert geboren wurde, zu den bekanntesten Oberschlesiern. Zu Janoschs beliebtesten Figuren zählen ein Tiger, ein Bär und eine gestreifte Tigerente.

Dank Janoschs Herkunft haben die Figuren ebenfalls oberschlesische Wurzeln. Ihren ersten großen Auftritt hatten sie 1978 in dem liebevoll gestalteten Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“, das 2006 als Zeichentrickfilm in die Kinos kam.

Janosch wurde mit seinen Eltern 1946 vertrieben und landete in Westdeutschland. Eine nostalgische Heimatverklärung betrieb er nie, er fühlt sich bis heute „als Schlesier, dies ist meine Nationalität, dies ist meine Religion“.

Kampf um die Identität bis heute

„Ich bin kein Pole. Ich bin Oberschlesier“ – das sagte Szczepan Twardoch, geboren 1979 in einem oberschlesischen Dorf und einer der populärsten, meistverkauften Schriftsteller in Polen, in einem Social-Media-Post. Viele seiner Romane wie „Drach“ und „Demut“ sind auch auf Deutsch erschienen.

Das Thema der schlesischen Identität, die von nationalkonservativen Kreisen in Polen regelmäßig geleugnet wird, taucht in Twardochs Werken immer wieder auf. Er setzt sich vehement ein für die Anerkennung der Schlesier als nationale Minderheit in Polen und des Schlesischen als Regionalsprache – sie basiert auf Polnisch, weist aber viele tschechische Einflüsse auf sowie deutsche Lehnwörter wie Banhof oder Prezwurszt.

Auf Deutsch wird die Sprache auch als Schlonsakisch oder abwertend als Wasserpolnisch bezeichnet. Heute gibt es rund eine halbe Million aktiver Sprecher.

Neuerdings gibt es einen Fortschritt: Das polnische Parlament hat im Januar 2026 ein Gesetz verabschiedet, das das Schlesische offiziell als Regionalsprache anerkennen würde. Es fehlt allerdings noch die Zustimmung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki. Sein Vorgänger hatte gegen ein ähnliches Gesetz 2024 sein Veto eingelegt und die schlesische Sprache als polnischen Dialekt kleingeredet.

Davon unterscheidet sich übrigens die oberschlesische Mundart: Das ist ein deutscher Dialekt, der vor 1945 in Oberschlesien weitverbreitet war. Durch Vertreibung und Aussiedlung sowie aufgrund der Unterdrückung der deutschen Sprache in Oberschlesien durch die kommunistischen Behörden bis 1989/1990 ist er mittlerweile fast ausgestorben.

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