Das Thermometer zeigt minus 20 Grad. Als feiner Nebel verliert sich der Atem in der beißend kalten Luft. Ringsherum am zugefrorenen See Vurrusjøen: endlos weiße Weite und eine mystische Stille. Über allem liegt ein goldener Schleier der ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Die Magie des Augenblicks lässt einen die eiskalten Füße, unter denen das dicke Eis manchmal knackt und ächzt, glatt vergessen.

Plötzlich Geräusche – ein feines Läuten von Schellen und das sich nähernde Knirschen von Kufen im Schnee. In der Ferne sind einige dunkle Punkte auszumachen, die langsam zu Silhouetten heranwachsen. Schon bald lassen sich die Umrisse von Pferdeschlitten erahnen, die als Karawane im Takt der Hufe das Eis überqueren.

Sie folgen der historischen Kupferroute Kopparleden, die seit dem 17. Jahrhundert die schwedische Bergbaustadt Falun mit dem norwegischen Røros verbindet. Über verschneite Pässe und zugefrorene Seen hinweg wurden hier jahrhundertelang nicht nur Metalle, Erze und Werkzeuge transportiert – auch Lebensmittel, Nachrichten und Geschichten fanden auf dieser Handelsroute ihren Weg durch die winterlich-frostigen Landschaften im Herzen Skandinaviens.

Die schwer beladenen Holzschlitten werden von schnaufenden, mit Glöckchen behängten Pferden gezogen und von einigen Skifahrern in historischen Gewändern begleitet. Die Zügel haben Lasskjører in der Hand – so nennt man die traditionellen, in dicke Pelze gehüllten Schlittenfahrer in Norwegen.

Kaum mehr als 30 Kilometer am Tag

Gemächlich ziehen die Gespanne weiter. Ihr Ziel ist der legendäre Wintermarkt im mittelnorwegischen Städtchen Røros. Sie sind nicht allein. Seit der norwegische König 1853 per Erlass verfügte, dass „ab 1854 in Røros ein Markt stattfinden soll, der am vorletzten Dienstag im Februar beginnt und bis zum darauffolgenden Freitag dauert“, brechen in der kältesten Zeit des Jahres immer wieder zahlreiche Händler und Handwerker auf, um in Røros ihre Waren feilzubieten und am Lagerfeuer die alten Geschichten zu erzählen. Einer Sternfahrt gleich sind alljährlich acht Pferdeschlitten-Karawanen aus verschiedenen Himmelsrichtungen unterwegs.

Wie ihre Vorfahren folgen sie bis heute den historischen Winterwegen, trotzen heftigen Schneestürmen und dunklen Winternächten. Teilweise sind sie mehrere Wochen unterwegs – mehr als 30 Kilometer pro Tag sind bei Schnee und Eis nicht zu schaffen, auch wenn Pferde und Begleiter zehn, zwölf Stunden auf den Beinen sind.

Gerastet wird unter freiem Himmel, auf Bauernhöfen oder in den sogenannten Ferdasgårder – jenen traditionellen Herbergen, die einst entlang der historischen Winterrouten errichtet wurden. Dort wird am offenen Feuer gescherzt, musiziert und gemeinsam gegessen, bevor der Weg am nächsten Morgen durch die Stille der verschneiten Weite weiterführt.

Rechtzeitig zum vorletzten Februar-Dienstag sind dann auch die letzten Schlitten am Ziel: dem Wintermarkt Rørosmartnan im Herzen der 300 Jahre alten Bergstadt. Bis heute bilden die zahlreichen farbenfrohen Holzhäuser und die prägnante Kirche von Røros eine stimmungsvolle Kulisse für dieses lebendige Schauspiel, das eine einzigartige Melange aus winterlichem Idyll, nordischer Lebensart, skandinavischem Genuss und lebendigen Traditionen ist. Die Unesco war von Røros unverwechselbarem, fast verwunschenem Charakter begeistert, was dem Ort bereits 1980 einen Platz auf der Liste des Weltkulturerbes eingebracht hat.

Jubel beim Einzug

Am Dienstagmittag Punkt zwölf Uhr erwacht der Markt. Tausende Einheimische und Besucher haben sich versammelt, dicht gedrängt entlang der Absperrungen vor dem Rørosmuseum, warm eingepackt und mit erwartungsvollen Blicken. Schließlich gilt die Eröffnung mit der Einfahrt der Pferdeschlitten und dem Einmarsch der Händler als Höhepunkt und würdevoller Auftakt der folgenden Markttage. Die Wichtigkeit der Zeremonie zeigt sich auch daran, dass sie im Programm des landesweiten Fernsehsenders NRK live übertragen wird.

Sobald die ersten Schellen erklingen, geht ein Raunen durch die Menge. Und dann ziehen sie ein: Rund 80 Schlitten, begleitet von Musik und „Hipp, hipp, hurra“-Jubel. Kaum ist das letzte Gespann angekommen und der Markt offiziell eröffnet, geht die feierliche Zeremonie in ein quirliges, buntes Durcheinander über. Die Gassen, Plätze und Höfe füllen sich mit gut gelaunten Menschen, die Rufe der Marktschreier mischen sich unter das Knistern der Feuerstellen.

Hier und da duftet es nach frisch gebackenen Waffeln und Gløgg, der norwegischen Glühwein-Variante. Zwischen den jahrhundertealten Holzhäusern öffnen sich die Tore zu einigen historischen Innenhöfen – sie sind das wahre Herz des Wintermarkts und ein Zuhause auf Zeit für die angereisten Schlittenfahrer und ihre Pferde.

Wer durch eines dieser Tore tritt, betritt eine andere Welt, in der sich Vergangenheit und Gegenwart auf stille, eindrucksvolle Weise begegnen. Zwischen schiefen Fassaden und verblichenen Balken lodern Flammen in offenen Feuerstellen, an denen gekocht, gelacht und gesungen wird und wo neue Freundschaften entstehen.

Ein Lächeln, ein freundliches „hei“, eine geteilte Schokolade – und schon gehört man dazu, bekommt einen dampfenden Becher Kaffee gereicht und wird in Gespräche verwickelt. Der Wintermarkt ist eben nicht nur ein Ort des Warenhandels, sondern ein willkommenes Instrument zum Kontakte knüpfen, ein wirksames Mittel gegen die Einsamkeit, die im weiten, menschenleeren Norden natürlich Teil des Alltags ist.

Wer will, kann auch einzelne Höfe erkunden. Zum Beispiel den Langknutgården, nur wenige Schritte von der alten Kirche im Ortszentrum entfernt. Im Hof spielt jemand auf einer traditionellen Fidel, über eine schmale, knarrende Stiege geht es hinauf in eine der Speicherstuben des Hofes. In einer Ecke unter der Schräge sitzt ein alter Mann im fahlen Licht.

Versunken in seine Arbeit, unberührt vom Markttreiben wenige Schritte unter ihm, schnitzt er mit ruhiger, geübter Hand den Griff für einen kunstvoll geflochtenen Korb. Die Späne tanzen in der Luft, ihr Duft vermischt sich mit dem der alten Balken und dem Rauch des Feuers unten im Hof. Nur ein kleines Kartenlesegerät auf dem Tisch erinnert daran, dass wir längst nicht mehr im 19. Jahrhundert sind und man die Körbe auch kaufen kann.

Warmes Licht, kalte Füße

Der Markt bietet auch jede Menge kulinarischer Überraschungen. Überall kann man kosten und genießen: Frische Zimtschnecken in der Trygstad Bakeri, Rentierburger vom Marktgrill, das norwegische Nationalgericht Rømmegrøt (eine Art Sauerrahmbrei) in der Røros-Molkerei.

Eine Entdeckung ist Kolbulle – ein schlichtes Pfannengericht aus Wasser, Mehl und Salz, direkt über offenem Feuer im Hof Rasmusgården zubereitet. Die Masse wird über knusprig gebratenen Speck gegossen, goldbraun gebacken und mit Preiselbeermarmelade oder Zucker serviert.

Als dann eine der Frauen hinter den Pfannen plötzlich ihre Mundharmonika aus der Tasche zieht und zu spielen beginnt, ist der Moment perfekt. Das Prasseln der Flammen, der melodische Klang, das Stimmengewirr: Alles fügt sich zu einer herzerwärmenden Magie, die auch die kalten Füße erträglich macht.

Schon am frühen Abend senkt sich die Dämmerung über Røros, aus den Höfen steigen Rauchfahnen in den Himmel, das warme Licht in den Fenstern erhellt die Gassen. Und das Gemüt. Denn der Rørosmartnan ist eben keines der auswechselbaren Volksfeste, kein grelles Event und kein durchkommerzialisierter Jahrmarkt.

Vielmehr ist er eine Oase der Wärme in einem frostigen Winterland, eine Stätte des Friedens und liebevoll gepflegter Traditionen. Kurz: Ein Sehnsuchtsort in einer immer lauteren Welt, den es tatsächlich gibt.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Von Deutschland aus fliegt man am besten nach Oslo. Von dort fährt die Bahn direkt nach Røros, die Fahrt dauert etwa fünf Stunden. Eine weitere Möglichkeit ist ein Flug nach Trondheim; von dort erreicht man Røros per Zug in ungefähr zweieinhalb Stunden.

Wo wohnt man gut? Beliebte Unterkünfte sind das nordisch-funktionale „Røros Hotell“, Doppelzimmer ab 132 Euro (roroshotellene.no) und das gemütlich-rustikale „Bergstadens Hotel“, Doppelzimmer ab 148 Euro (bergstadenshotel.no). Auch einfache Hütten und Ferienwohnungen sind verfügbar, aber während des Wintermarkts meist früh ausgebucht.

Weitere Infos: Der nächste Wintermarkt findet in Røros vom 17. bis 21. Februar 2026 statt (rorosmartnan.no). Allgemeine Tipps zum Ort: rorosmartnan.no, Auskünfte über Norwegen: visitnorway.de

Die Autoren sind Spezialisten für Nordeuropa, weitere Reiseziele aus der Region stellen sie auf nordlandblog.de vor.

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