Michigan, Neuland für den Winterurlaub
Auf die vielleicht seltsame Frage, ob es mitten in Michigan Eisbein gibt, lautet die klare Antwort: Ja! Sogar zehn! Sie gehören zu den fünf Reisenden, die gerade eine 90-minütige Paddeltour bei minus 15 Grad bewältigt haben. Nun sollen sie aus dem Schlauchboot an Land klettern. „Ich weiß, das ist nicht einfach. Nach dem langen Sitzen bei der Kälte lassen sich Eisbeine schwerer bewegen“, sagt Jamie Jacklitch, der Guide, und lacht.
Mühsam steigt einer nach dem anderen aus dem Schlauchboot – und wirkt glücklich. Denn: Das Frieren vergeht, die Erinnerung an das Cold Water Rafting aber bleibt! Und es ist nur eines von vielen spannenden Aktivitäten, die Michigan Aktivurlaubern in der kalten Jahreszeit bietet. Nur: Bislang weiß das kaum jemand.
Selbst manche Einwohner des US-Staates wirken überrascht. „Diese Natur – einfach einmalig!“, schwärmt eine Teilnehmerin des Paddel-Abenteuers. Sie wohnt in der Gegend des 280-Seelen-Dorfs Wolverine, von wo aus die Rafting-Touren starten. Jetzt spricht sie begeistert von der Flussfahrt, bei der Baseball-große Eisklumpen im Wasser schwimmen, während am Ufer, wie bestellt, vier Rehe aus dem Dickicht auftauchen. Die Zweige von Kiefern, Zedern und Zitterpappel neigen sich unter dem Gewicht des Neuschnees so tief, als wollten sie sich bei den Urlaubern für ihren Besuch bedanken.
Was nicht abwegig wäre. Denn während Utah, Colorado und Kalifornien zu den bekanntesten Winterdestinationen der Vereinigten Staaten zählen, geht Michigan bislang geradezu unter. Mit Glück im Wortsinn, nämlich in phänomenale Schneemassen, aber auch im übertragenden Sinne: Kaum ein Fan der kalten Jahreszeit denkt zuerst an den für seine fünf großen Seen bekannten Staat im Mittleren Westen, darunter der Lake Superior.
Dabei finden auch klassische Wintersportler hier ihr Pistenglück – und das zu deutlich günstigeren Preisen und mit viel weniger Andrang. 250 US-Dollar pro Tag für einen Skipass bezahlen? Ein Zehntel kommt hier eher hin. Ewig Schlange stehen am Lift? Selten. Restaurants, die es Monate im Voraus zu reservieren gilt? Gibt es nicht.
Zwar erreichen die Skigebiete, das soll fairerweise erwähnt sein, nicht das Niveau jener am Lake Tahoe oder um Park City. Aber immerhin zelebriert in Ishpeming im Nordwesten Michigans die Ski Hall of Fame die Anfänge des organisierten Skisports in den USA – und das will doch etwas heißen.
In Gaylord, 30 Minuten von Wolverine entfernt, lockt die Hotelanlage „Treetops Resort“ mit Zugang zu 23 Pisten samt Schneekanonen, falls Petrus versagt. Freilich gestaltet sich das Gebiet überschaubar; in fünf Minuten lässt sich auch die längste Piste absolvieren.
Doch insbesondere für Anfänger sowie Gelegenheitsfahrer, die wieder in den Sport hineinfinden möchten, bietet das Gebiet exzellente Voraussetzungen. Die Abfahrten erweisen sich als hervorragend präpariert und bleiben wegen der überschaubaren Nutzung stundenlang in optimalem Zustand. Nur der Hügel mit den Sprungschanzen sieht am späten Nachmittag leicht ramponiert aus; eine Gruppe Teenager übt sich dort ausdauernd in Snowboard-Tricks.
Apropos üben: Wer nicht auf Skiern, sondern im Auto unterwegs ist, sollte unbedingt ein geübter Winterfahrer sein. Denn Schneeflocken fallen hier regelmäßig in einer solchen Menge auf die Frontscheibe, dass der Scheibenwischer Schwerstarbeit leistet. Ringsum nichts als Weiß.
Deswegen gelingt es hier tatsächlich, das ersehnte Abschalten, und zwar nicht nur, weil oft der Handyempfang fehlt. Die widrigen Wetterbedingungen verlangen einen ständigen Fokus auf die Gegenwart, ganz so wie bei Achtsamkeitsübungen und Meditationspraktiken.
Beim Befahren der acht Kilometer langen Mackinac Bridge, die Michigans obere und untere Halbinsel verbindet, stellt sich geradezu Euphorie ein – so spektakulär fällt die Sicht über die zugefrorene Wasserstraße aus, die sich ein paar Dutzend Meter tiefer erstreckt.
Hier treffen Michigan- und Huronsee zusammen, jetzt im Winter liegen die Wasser in erstarrter Schönheit da. Eis bis zum Horizont, von der Abendsonne beschienen. So sieht Winter per Idealvorstellung aus. Bei einer kurzen Pause auf der anderen Uferseite bleibt vor lauter Staunen sogar das wichtigste Accessoire des Michigan-Winters im Wagen liegen, das Mini-Heizkissen für die Hände.
Nicht vergessen, weil unbedingt gebraucht, wird es dann zwei Autostunden weiter nördlich, in Munising. Der 1900-Einwohner-Ort zieht beim „Michigan Ice Fest“ alljährlich mehrere Hundert Besucher an, die die Leidenschaft für ein besonderes Hobby teilen: Sie klettern gefrorene Wasserfälle hinauf!
Der Sport entpuppt sich als echter Kraftakt. Die Wahrscheinlichkeit, nach kurzer Zeit wie ein nasser Sack in den Seilen zu hängen, liegt bei mindestens 99 Prozent, jedenfalls für Ungeübte (Stichwort Wackelpudding in den Oberarmen). Wer hätte geahnt, wie viel Wumms es braucht, um den Eispickel in den gefrorenen Wasserfall zu rammen!
Besser darauf vorbereitet sind: John, Mike und Clark aus Indiana. Die Kumpels im Renteneintrittsalter beobachten, wie sich zwei halb so alte Männer in Richtung Felskante emporarbeiten. Gleich wollen sie es ihnen nachmachen. „Wir klettern auch zu Hause, kommen aber jedes Jahr nach Michigan. Wir lieben die Kulisse“, sagt John. Die anderen beiden nicken zustimmend. Alle drei tragen Spikes an den Schuhen, einen Helm über der Mütze und einen stolzen Gesichtsausdruck. Eisklettern ist ihr Ding.
„Diese Weite, die sich durch die vielen gigantischen Seen ergibt, findet sich so nirgendwo anders. Das empfinde ich als echtes Abenteuer“, schwärmt John. Das Festival bringe Jung und Alt, Profis wie Anfänger, neue und alte Bekannte zusammen. „Wenn wir uns morgens unsere Startnummern abholen, mutet das an wie eine große Familienfeier!“, sagt Clark.
Freudige Aufregung herrscht auch in Marquette. Mit 21.000 Einwohnern kommt die Stadt beinahe eine Metropole gleich, jedenfalls für lokale Verhältnisse. An diesem Wochenende steht sie ganz im Zeichen des Hundeschlittenrennens UP 200, einem der US-weiten Top-Events dieser Art.
Rund 500 Tiere und ihre Musher, so der Fachbegriff für Hundeschlittenführer, gehen an den Start. Das Rennen führt über eine Distanz von 200 Meilen – daher der Titel – und dabei über die Upper Peninsula von Marquette bis nach Grand Marais und zurück. Die Teams absolvieren die 320 Kilometer bei Tag und Nacht, mit Ruhepausen und durch Wälder, über Hügel, durch Bäche und Tiefschnee. „Unsere Hunde gleichen olympischen Athleten“, betont Martin Masdico, Ende 50, extra angereist aus Québec. „Schon als Teenager war es mein Traum, an diesem Rennen teilzunehmen.“
Bereits Stunden vor dem Start reihen sich gefühlt alle Bewohner der gesamten Stadt auf der Hauptstraße auf – vom Baby bis zum Großvater im Rollstuhl mit Kufen. Alle johlen mit, soweit es Schnuller, dritte Zähne und gerade angesetzter Teebecher zulassen, als die Huskys im Flutlicht auftauchen und kurz darauf in der dunklen Nacht verschwinden.
Der Zusammenhalt scheint hier besonders groß, so wirkt es jedenfalls auf Außenstehende. Das mag auch daran liegen, dass es hier nicht viel mehr gibt als beinahe unberührter Natur. Keinen Trubel wegen ständig an- und abreisender Touristenmassen, kaum Kommerz, keine Mega-Festivals, für die Tausende in die Region einfallen.
Statt Shoppingmalls prägen inhabergeführte Geschäfte die Stadt, wie etwa der Gewürzladen „Spice Merchants“. Es gibt noch stimmungsvolle Filmtheater anstelle von Multiplex-Kinos. Und die Gastronomie erweist sich als preislich sehr fair, aber deswegen nicht weniger ansprechend als in US-Großstädten.
Die Städte im hohen Norden Michigans – und deren Bewohner – genügen sich ganz offensichtlich selbst. In der Bäckerei „Babycakes Muffin Company“ begrüßt das Verkäuferteam auch den 25. Kunden so herzlich wie den ersten, wenn er am Tresen steht, die Wangen vom Frost so rot, als hätten ihn sämtliche Großtanten gleich mehrfach ins Gesicht gekniffen.
Schnell wieder abbauen lassen sich die Muffin-Kalorien beim Schneeschuhwandern. Danach geht es in Hancock in die Sauna „Takka Portage“ am Portage-Kanal mit Blick auf die Brücke.
Das gemeinsame Schwitzen gehört hier zum kulturellen Erbe. Im Finnish American Heritage Center erfahren Besucher mehr über die Geschichte der „finnischsten Stadt in den USA“, wie es auf der Website der Finlandia Foundation heißt. Im 18. Jahrhundert zogen besonders viele Menschen aus dem nordeuropäischen Land an diesen Ort. Bis heute unterhält er eine Städtepartnerschaft zu Porvoo in Finnland. Viele Straßennamen sind in beiden Sprachen angegeben.
Während bei 90 Grad Celsius in der Sauna die Schweißperlen den Körper hinunterrinnen, fegen draußen Schneemobile über den zugefrorenen Portage Lake. Das Thermometer zeigt noch immer minus 15 Grad. Statt im Eisbad kühlen sich die Saunierenden einfach auf dem Boden und wälzen sich im Schnee. Drohende Eisbeine schrecken hier schließlich niemanden ab.
Tipps und Informationen:
Anreise: United Airlines fliegt von Frankfurt/Main sowie München nach Chicago; von dort aus geht es weiter nach Traverse City. British Airways fliegt zum Beispiel von Berlin, ebenfalls nach Chicago und von da aus nach Traverse City. Wer keine Rundreise plant, fliegt von Houghton aus wieder nach Chicago zurück. Die beste Reisezeit im Hinblick auf größtmögliche Schneesicherheit: Januar und Februar.
Unterkunft: Das Landgut und Inn „Black Star Farms“ rund 30 Minuten von Traverse City bietet Wein aus eigener Winzerei an, Doppelzimmer ab 200 US-Dollar (blackstarfarms.com). In Gaylord liegt das „Treetops Resort“ unmittelbar an den Skipisten, Doppelzimmer ab rund 132 US-Dollar (treetops.com). Das schicke Boutique-Hotel „The Vault“ in Houghton war früher eine Bank, Doppelzimmer ab 200 US-Dollar (thevaulthotel.com).
Aktivitäten: 90 Minuten Cold Water Rafting kostet 60 US-Dollar (52 Euro) bei zwei Gästen im Boot, je mehr mitfahren, desto günstiger der Preis pro Person, Reservierung empfohlen (sturgeonriverpaddle.com). Wer sich im Eisklettern versuchen möchte, bucht am besten einen Einsteigerkurs (ab 165 US-Dollar) beim „Michigan Ice Fest“; Ausrüstung lässt sich vor Ort leihen (michiganicefest.com). Ein Besuch der Sauna „Takka Portage“ kostet ab 35 US-Dollar pro Person (takkasaunas.com)
Weitere Infos: puremichigan.com
Die Reise wurde unterstützt von Pure Michigan und Ford. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke