Menschen, die Berge lieben und verstehen, umgibt oft eine Aura des Geerdet-Seins. Georg Kaser gehört zu ihnen. Der 72-Jährige ist einer der renommiertesten Klimaforscher weltweit, zu Hause ist der Gletscherexperte des Instituts für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck im Südtiroler Schnalstal. Nur wenige Kilometer entfernt läuft bereits im September der Skibetrieb auf dem Schnalstaler Gletscher an, das mit einer „Schneegarantie vom Herbst bis in den Frühling“ wirbt. Kaser sieht den Erholungswert von Skiurlaub für den Einzelnen, warnt aber vor den Folgen einer „Wintersport-Hochleistungsindustrie“.

WELT: „Schifoan“, der Hit von Wolfgang Ambros, wird auch in diesem Winter auf den Hütten rauf und runter gespielt. Der Dauerbrenner stammt von 1976. Was ist seitdem geblieben vom unbeschwerten Skivergnügen?

Georg Kaser: Das Lied sorgt immer noch für Stimmung. Aber es hat sich viel verändert, nicht nur durch den Klimawandel, auch gesellschaftlich. Die Skigebiete haben sich zu Hochleistungsindustrien entwickelt. Das ist etwas anderes als vor 50 Jahren, als man trotz unzureichender Lifte und Pisten Spaß hatte. Der Klimawandel ist natürlich längst stark sichtbar im Skibetrieb, und dem wird auf die eine oder andere Weise begegnet.

WELT: Darf ich als Winterurlauber in den Alpen denn überhaupt noch guten Gewissens Pistenspaß genießen?

Kaser: Die Gewissensfrage ist hart formuliert, und als Skifahrer sehe ich die Lebensfreude und den Erholungswert. Aber wir wissen alle, dass wir mit dem CO₂-Ausstoß sehr schnell auf null kommen und danach mit den technisch zur Verfügung stehenden Mitteln sehr viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausnehmen müssen. Was das Skifahren betrifft: Wenn ich mit dem Auto ins Skigebiet fahre, ist das schlechte Gewissen berechtigt. Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreise, ist das besser fürs Klima. Und ich kann bei der Auswahl des Ziels hinschauen: Es gibt Regionen, die sich sehr um eine deutlich geringere CO₂-Emission bemühen.

WELT: Da wäre etwa die Region Snow Space Salzburg – die sieht sich „auf dem Weg zum klimaneutralen Skigebiet“. Die Macher verweisen allerdings darauf, dass An- und Abreise für 60 bis 70 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich seien …

Kaser: Dies mag ein Mittelwert sein, es hängt ja davon ab, wie weit der Weg ist, wie ich anreise, wie groß das Auto ist. Tatsächlich senken immer mehr Orte ihre Emissionen, indem sie etwa Energie durch Wasserkraft produzieren oder Pistenraupen elektrisch oder mit Biodiesel betreiben. Ein weiterer Punkt ist jedoch die Infrastruktur: Wie viele Lieferautos fahren täglich durchs Tal, um die Gastbetriebe zu versorgen? Wo kommen die Lebensmittel her? Da ist nichts von klimabewusstem Verhalten zu sehen, da stellt’s einem die Haare auf!

WELT: Wie sieht denn aus Ihrer Sicht ein nachhaltiger Winterurlaub aus?

Kaser: Die Anreise erfolgt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Zug, wahrscheinlich in einen der hoch gelegenen Orte, denn in niedrigen Lagen wird auf Dauer kein technischer Schnee zu erzeugen sein. Was die Auswahl des Ziels betrifft: Die Wintersportorte müssten dafür ihre Klimabilanz komplett transparent machen und alles miteinrechnen. Dazu gehören auch die Emissionen, um die neue Pistenraupe zu produzieren und die alte Dreckschleuder zu verschrotten. Trotz aller Bemühungen: Wintersportorte können nicht klimaneutral sein. Null geht nicht, sofern man die Versorgungskette mitberücksichtigt.

WELT: Was kann ich als Gast – über Anreise und Wahl des Ortes hinaus – beeinflussen?

Kaser: Kommen Sie seltener und bleiben dafür wenigstens 14 Tage! Wählen Sie Beherbergungsbetriebe aus, die aus Überzeugung etwas für Nachhaltigkeit unternehmen. Schauen Sie sich die Speisekarten an, oft gibt es richtig gute, vegetarische Gerichte, man muss nicht jeden Tag Fleisch essen – 80 Prozent der von Menschen genutzten Erdoberfläche wird verwendet, um Futtermittel zu produzieren. Und wer braucht drei Pools im Hotel?

WELT: Wie groß sind die Chancen für sogenannten sanften Wintertourismus?

Kaser: In vielen Gebieten, wo längst die Lifte abgebaut wurden, ist man aufs Winterwandern umgestiegen. Das geht auch ohne Schnee. Bei der Jahreshauptversammlung der Bergsteigerdörfer wurden kürzlich wieder umfangreiche Konzepte dargelegt für tiefere Tallagen. Das betrifft neue, wintertaugliche Routen für Klettersteige und Klettergärten oder längere Öffnungszeiten für Schutzhütten bis in den Spätherbst. Lokal ist das sinnvoll und schafft auch mehr Erholungswert. Aber die Massen streben nach wie vor nach Sölden, ins Stubaital, ins Zillertal und in ähnliche Destinationen.

WELT: Die Zahl der Skitourengeher ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen auf derzeit rund 600.000 laut Deutschem Alpenverein. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Kaser: Als ich mit Skitourengehen begonnen habe, war ein Sonntag mit einem Gipfel, an dem außer uns noch jemand war, schon vermiest. Heute muss man sehr ortskundig sein, um nicht mit Hundertschaften durch die Gegend zu stapfen und um unberührte Abfahrten zu finden. Überall, wo zu viele Menschen dasselbe tun, gibt es auch Nachteile.

WELT: Sind Maßnahmen wie das Abdecken von Eisflächen im Sommer oder „Snowfarming“, das Anhäufen von Altschnee, auf den Gletschern sinnvoll?

Kaser: Dadurch wird ja nicht der Gletscher geschützt, sondern die Skipiste. Auf einer immer kalten und relativ glatten Eisoberfläche kann mit etwa 20 Zentimetern Schneeauflage relativ gut ein Skibetrieb starten. Liegt dort Geröll mit Löchern und Felsspitzen, benötigt man einen Meter Schnee und mehr. Hierbei muss man zwischen der Strategie der Klimaanpassung und der Vermeidung von Klimawandel unterscheiden: Viele glauben, wenn die Anpassung gelingt, reicht das. Wenn mit viel Energieaufwand Schnee produziert oder an Pisten herumgebaggert wird, ist das vielleicht betriebswirtschaftlich sinnvoll, aber klimaschädlicher, als wenn Sie das nicht machen.

WELT: Wie steht es denn generell um die Gletscher in den alpinen Wintersportrevieren?

Kaser: Die Gletscher in den Ostalpen sind todgeweiht, in den Westalpen großteils auch. Der Hintereisferner, einer der größten Gletscher der Ostalpen, hat bereits mit dem mittleren Klima der letzten 20 Jahre keine Überlebenschance.

WELT: Ist den meisten Wintersport-Touristen das Thema Klimawandel eigentlich relativ egal?

Kaser: Vermutlich sind sich die Skifahrer und Skifahrerinnen – wie die meisten Menschen – des Klimawandels latent bewusst, aber sie verdrängen ihn. Für die meisten Wintersportorte ist für Nachhaltigkeit im Sinn von Umwelt- und Klimaschutz noch sehr viel Luft nach oben.

Hintergrund zum Autor und zu Klimaschutz:

Der Südtiroler wurde 1953 in Meran geboren, fast sein gesamtes Berufsleben hat er den Gletschern gewidmet, zuletzt als Professor am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck. Er ist einer der Leitautoren der UN-Weltklimaberichte. Kaser ist vielfach ausgezeichnet, seit 2017 Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und derzeit Vizepräsident des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF zur Förderung der Grundlagenforschung. Er steht seit etwa dem zehnten Lebensjahr auf Skiern, heute „ab und zu bei einer Skitour oder ein paar Mal einige Stunden auf der Piste.“

Zu den Wintersportgegenden, die den CO₂-Ausstoß senken wollen, gehört beispielsweise Snow Space Salzburg (Österreich) mit Flachau, Wagrain, St. Johann. Dort setzt man auf Elektroskibus und Photovoltaikanlagen; Pistenraupen werden mit Pflanzenöl und künftig auch mit Wasserstoff betrieben (greenmountain.snow-space.com). Carezza/Karersee (Italien) in den Dolomiten will mit „grünem Strom“, regionalen Produkten auf Hütten, „behutsamer Pistenpräparierung“ punkten (carezza.it). In der Schweiz gelten Flims Laax („Greenstyle Konzept“; flimslaax.com) und Engelberg-Titlis („Swisstainable destination“) mit wasser- und solarstromgetriebenen Bergbahnen als führend (engelberg.ch; titlis.ch).

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