Bei den US-Zwischenwahlen am 3. November steht Rot gegen Blau, Republikaner gegen US-Demokraten. Donald Trump ist so unbeliebt wie nie. Umfragen deuten auf eine eindeutige Niederlage für die Republikaner hin, die Partei des Präsidenten.

Doch hinter den Schlagzeilen spielt sich eine weitere bedeutsame Entwicklung ab: Innerhalb der Demokratischen Partei gewinnt eine offen sozialistische Bewegung an Einfluss und reitet auf der prognostizierten „Blauen Welle“. Die Democratic Socialists of America (DSA) tritt nicht als eigene Partei an, ihre Kandidaten sind fast immer Demokraten. Auf der Wahlkarte erscheinen sie deshalb blau – und sind damit nicht direkt erkennbar.

Neu ist die DSA nicht: Gegründet wurde sie 1982 mit 6000 Mitgliedern unter Führung des Publizisten Michael Harrington. Die DSA trat der Sozialistischen Internationale bei, dem damals von Willy Brandt geführten Weltverband sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien; 2017 trat sie wieder aus. Seit ihrer Gründung ist die Organisation weiter nach links gerückt.

Den Begriff „demokratischer Sozialismus“ führt zwar auch die SPD in ihrem Programm, doch inhaltlich steht die DSA der deutschen Linkspartei und ihrer „Systemwechsel“-Forderung näher. Die DSA schreibt, ihre Vision gehe „weiter als die historische Sozialdemokratie“, den Kapitalismus wolle sie „ersetzen“.

Im Programm wird gefordert, die größten Konzerne in öffentliches Eigentum zu überführen und Wohnungen als Kapitalanlage streng zu regulieren. Zudem soll die Einwanderungsbehörde ICE aufgelöst werden, Polizei und Gefängnisse will die DSA auf lange Sicht abschaffen. Ebenso im DSA-Programm: Senat abschaffen, Präsident wie Supreme Court durch vom Kongress bestimmte Organe ersetzen. Führende Mitglieder gehen noch weiter: Ko-Vorsitzende Megan Romer bejahte im Juli bei „Fox News“, langfristig die Grenzen abzuschaffen und die meisten großen Konzerne in öffentliche Hand zu überführen.

Bis 2015 wuchs die DSA kaum. Dann kamen Bernie Sanders’ erste Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur und der Wahlsieg Donald Trumps. Am Wahltag 2016 zählte die DSA höchstens 8500 Mitglieder, Ende 2017 waren es fast 30.000.

Auf den Boom folgten interne Kämpfe, vor allem um die Haltung zu Israel. Als 2021 der DSA-Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus, Jamaal Bowman, der Finanzierung von Israels Raketenabwehr zustimmte, verlangten Dutzende Ortsgruppen seinen Ausschluss. Im Monat darauf verlor die DSA 5500 zahlende Mitglieder. Bis Herbst 2024 sank ihre Zahl von 79.000 auf 50.000. Nach dem 7. Oktober 2023 traten 24 prominente Mitglieder der alten Garde aus. 2025 erklärte die Delegiertenversammlung „materielle Unterstützung des Zionismus“ zum Ausschlussgrund.

Zohran Mamdani, inzwischen Bürgermeister von New York, brachte den zweiten Aufschwung: Seit Herbst 2024 hat sich die Zahl der zahlenden Mitglieder fast verdoppelt. Wie viele es heute sind, ist unklar. Auf der DSA-Startseite steht oben „mehr als 100.000“ Mitglieder, weiter unten „mehr als 95.000“. Im Juli meldete die DSA 120.000, ein Beitrag im Mitgliedermagazin nannte im Oktober 130.000.

Die Unübersichtlichkeit liegt in der Struktur. Die DSA ist dezentral organisiert, eine charismatische Führungsfigur fehlt. Die Macht halten knapp 200 oft zerstrittene Ortsgruppen; die nationale DSA kann nur Kandidaten fördern, die eine Ortsgruppe bereits unterstützt.

Wie sehr die DSA beide großen Parteien umtreibt, zeigen Abstimmungen im Repräsentantenhaus. 2023 stimmten 109 Demokraten für eine republikanische Resolution gegen die „Schrecken des Sozialismus“, im November 2025 noch 86, darunter ihr Fraktionschef Hakeem Jeffries. Im September 2026 verurteilten die Republikaner in einer neuen Resolution die DSA namentlich und forderten zugleich ein Wahlgesetz mit Staatsbürgerschaftsnachweis. Acht Demokraten stimmten zu, Jeffries dagegen. Seit dem Sommer unterschrieben 60 gemäßigte Demokraten, darunter zehn Kongressabgeordnete, den Satz „Wir sind kapitalistisch, nicht sozialistisch“.

Im Oktober bezifferten Trumps Wirtschaftsberater die Kosten der wichtigsten DSA-Forderungen für zehn Jahre auf 49 Billionen Dollar; das Weiße Haus kommentierte: „Das ist die Politik der Demokraten.“ Die Trump-Regierung versucht, die Demokraten als Partei von Sozialisten und Extremisten darzustellen. Dabei dient ihr die DSA als Munition.

Zunehmend erwarten aber auch prominente Demokraten, dass die DSA an Einfluss gewinnt – und zeigen sich offen gegenüber der Organisation. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, eine der einflussreichsten „Establishment“-Figuren der Demokraten und möglicher Präsidentschaftskandidat, erklärte im September im Sender PBS, die Ideen der DSA prägten bereits das Programm der Demokraten.

Mitte Oktober fragte ihn bei einem Wahlkampfauftritt eine Reporterin der konservativen Plattform „Townhall“, die heimlich filmte, in welche Richtung sich die Demokratische Partei entwickle. Seine Antwort: „Die DSA, die Energie, der Wunsch und die Forderung nach kühnem statt schrittweisem Wandel – das wird ganz klar dominieren. Das wird die Mainstream-Bewegung der Demokraten. Absolut. Keine Frage.“

Dass DSA-Kandidaten als Demokraten antreten, liegt am amerikanischen Wahlsystem. Parteien haben dort keine Mitglieder im deutschen Sinn. Wer als Demokrat kandidieren will, braucht kein Parteibuch, sondern muss eine Vorwahl gewinnen.

Andere Parteien scheitern im Zwei-Parteien-System oft schon daran, überhaupt auf den Stimmzettel zu kommen. Deshalb borgt sich die DSA das Etikett der Demokraten. Ihre Kandidaten seien „in der Demokratischen Partei, aber nicht für sie“, fasste die „New York Times“ die Strategie zusammen.

Auf ihrer Startseite bezeichnet sich die DSA als „keine Partei“; im Programm heißt es, die Organisation „baue eine Partei auf“. Ihre Beschlüsse sprechen eine andere Sprache. 2023 beschloss die Delegiertenversammlung, das höchste beschlussfassende Organ der Organisation, einen Antrag mit dem Titel „Handelt wie eine unabhängige Partei“. Darin heißt es, der Schlüssel zum Sieg über die extreme Rechte und über die Demokratische Partei sei eine dritte, demokratisch-sozialistische Alternative; als Vorbild nennt der Antrag unter anderem die Linke in Deutschland. Die Partei, unter deren Namen DSA-Mitglieder kandidieren, gilt damit ebenfalls als Gegner.

Die Delegiertenversammlung von 2025 setzte eine „unabhängige sozialistische Massenpartei“ als Ziel. Ihr Weg dahin: das „party surrogate“, sprich: wie eine Partei handeln, wenn auch ohne eigenen Platz auf dem Stimmzettel. Man müsse davon wegkommen, unter dem Etikett der Demokraten anzutreten; wichtiger als ein eigener Platz auf dem Stimmzettel sei aber, die eigene Organisation und das eigene Programm in die Wahlen zu tragen. In einem weiteren Beschluss heißt es, das Antreten unter dem Etikett der Demokraten sei die „wirksamste Strategie, in den Vereinigten Staaten eine sozialistische Partei aufzubauen“.

Offiziell verlangt die DSA Klarheit. „Wir erwarten, dass Kandidaten sich offen als Sozialisten bekennen“, schreibt ihre nationale Wahlkommission; Flugblätter, Websites und soziale Medien sollen die Worte „demokratischer Sozialist“ verwenden. Doch in der Praxis lavieren manche DSA-Kandidaten, vor allem in republikanisch geprägten Gegenden. Das zeigt sich an Fragebögen, mit denen Ortsgruppen ihre Unterstützung für Kandidaten bewerten.

Yisak Worku kandidiert in Texas für das Landesparlament. In seinem Fragebogen, den die konservative Website „Texas Scorecard“ öffentlich machte, gab er „Demokrat und DSA“ als Parteizugehörigkeit an; die DSA stehe „ideologisch für die Zukunft, die ich für die Demokratische Partei will“. Auf die Frage, ob er sich im Wahlkampf öffentlich als demokratischen Sozialisten bezeichnen werde, schrieb er: „Nein, tiefroter Bezirk“ (also fest in republikanischer Hand). Dem „Dallas Express“ sagte er: „Ich verstecke nicht, dass ich DSA bin. Punkt.“

Die texanische Kongresskandidatin Chelsey Hockett, DSA-Mitglied, schrieb ihrer Ortsgruppe in einem Fragebogen, der WELT vorliegt, sie werde nicht mit dem Etikett „demokratische Sozialistin“ antreten, obwohl sie Sozialistin sei. Nach innen will sie die DSA dagegen eng einbinden. Sie nehme gern Ortsgruppenvertreter in ihr Wahlkampfteam auf und sei „äußerst offen“ für Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

Als Abgeordnete sei sie offen dafür, dem DSA-Programm für sozialistische Mandatsträger beizutreten, „um rechenschaftspflichtig zu bleiben“. Hockett will „in zwei Richtungen zugleich“ arbeiten, auch in der örtlichen Demokratischen Partei, weil dort Zugang zum Stimmzettel, Wählerkontakt und Infrastruktur liege. Sie ist Mitglied der Demokratischen Partei ihres Countys.

Die Senatskandidatin der Demokraten in Florida, Angie Nixon, sagte dem Sender „Democracy Now“: „Ich bin kein aktives Mitglied der DSA. Ich habe nur ein bisschen Beitrag gezahlt.“ Auf die Frage von „Politico“, ob sie Kapitalistin oder Sozialistin sei, antwortete sie: „Weiß ich nicht.“ Ob die DSA Nixon unterstützen solle, war in Florida intern umstritten; sie sei weder Sozialistin noch DSA-Mitglied, schrieb eine Ortsgruppen-Ko-Vorsitzende in einem internen Chat, der WELT vorliegt.

An den Haustüren in Detroit warb eine DSA-Aktivistin für den Kongresskandidaten Donavan McKinney, erwähnte die DSA jedoch nur „als eine Art Randbemerkung für Neugierige“, berichtete die „New York Times“. McKinney selbst wirbt offen: „Das. Ist. Sozialismus.“

Diese interaktive Karte zeigt, was auf Hunderten Stimmzetteln am 3. November nicht zu sehen sein wird. Sie legt jedes DSA-Rennen auf Bundes- und Landesebene über die gewohnte rot-blaue Wahlkarte. Klicken Sie in die Karte. Dann erscheinen Zitate, Quellen, Prognosen und die Nähe zur DSA.

Die Karte enthält 163 Kandidaturen für den Kongress, landesweite Ämter und die Landesparlamente in 36 Bundesstaaten; bei allen spielt die nationale DSA, eine Ortsgruppe oder ein Mitglied nachweisbar eine Rolle. 80 kommunale Kandidaturen, etwa für Stadträte, und 51 Abstimmungen über politische Sachfragen, an denen die DSA ebenfalls beteiligt ist, zeigt sie nicht. Außerdem enthält die Karte 39 Kandidaten, die offiziell Distanz halten, der DSA aber inhaltlich nahestehen und mit DSA-Mitgliedern vernetzt sind. Dazu gehört Abdul El-Sayed, Senatskandidat der Demokraten in Michigan. Seine Rivalin aus der Vorwahl, die Demokratin Haley Stevens, unterlag ihm dort knapp; am 1. November stellte sie sich hinter den Republikaner Mike Rogers.

Grundlage der Karte sind die Kampagnenseite der DSA und die Liste der DSA-Wahlempfehlungen, die die Wahlplattform Ballotpedia sammelt – ergänzt um eigene Recherche zu DSA-Mitgliedern, zu Wahlempfehlungen der Ortsgruppen und zu den Kandidaten, die offiziell Distanz halten. Jede Kandidatur ist mit Quellen belegt, die Daten wurden von WELT überprüft. Wie die Karte im Einzelnen entstand, erklärt der Abschnitt „So entstand die Karte“ unter der Karte.

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