„Zerstörerische Wut gegen das Land, in dem man lebt“ – die Nacht der Krawalle
An den Protesten von „Gen Z regelt“ haben bundesweit zehntausende Menschen teilgenommen. Die Initiative selbst sprach von 120.000 Teilnehmern. Die Kundgebungen verliefen überwiegend friedlich. In mehreren Städten kam es jedoch nach Einbruch der Dunkelheit zu teilweise schweren Ausschreitungen.
Am Brandenburger Tor in Berlin wurden 5000 Teilnehmer bei der Kundgebung am Nachmittag gezählt, laut Berliner Polizei verlief sie „nahezu störungsfrei“. Die Initiative „Gen Z regelt“ zog ein positives Fazit der Jugendproteste vom Nachmittag. „Heute haben hunderttausend Menschen gezeigt, wofür sie auf die Straße gehen“, sagte ein Sprecher, der öffentlich nur unter seinem Vornamen Amadeo auftreten möchte.
Die jungen Demonstranten forderten mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten, soziale Gerechtigkeit und mehr Klimaschutz. Die Einführung einer Wehrpflicht lehnten sie ab, ebenso einen Ausbau staatlicher Überwachung.
Friedliche Demonstration der Generation Z am Brandenburger Tor in BerlinAm Abend versammelten sich rund 700 Menschen am Rosenthaler Platz nahe der bekannten Hackeschen Höfe. Von dort aus zog die Demonstration mit dem Titel „Gen Z hat genug!“ in Richtung Prenzlauer Berg. Dabei stießen immer mehr Personen hinzu, die Polizei sprach von etwa 3500 Menschen. Vor allem in Nebenstraßen kam es immer wieder zu Ausschreitungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Die war, auch mit Blick auf die Halloween-Nacht, mit 1500 Beamten im Einsatz. Nach Polizeiangaben sind 27 Beamte leicht verletzt worden. Grund dafür seien unter anderem Steinwürfe sowie das Abbrennen von Pyrotechnik gewesen, sagte Polizeisprecherin Julia Scholz.
Sie bestätigte auch, dass es zu „zahlreichen Straftaten“ gekommen sei, darunter Sachbeschädigung, Körperverletzung sowie Verstöße gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz. Die Polizei nahm 56 Personen fest und beendete die Demonstration in Absprache mit dem Veranstalter vorzeitig.
Ein Demonstrant wird von der Berliner Polizei abgeführtScholz sagte, beide Veranstaltungen seien ziemlich gegensätzlich verlaufen. Nach der friedlichen Stimmung am Brandenburger Tor sei bei dem Protestzug am Abend die Stimmung von vornherein sehr angespannt gewesen. Es seien viele dunkelgekleidete und vermummte Personen dabei gewesen. Der Veranstalter dieses Protestzuges wird dem linken Spektrum zugeordnet, auch Teilnehmer der propalästinensischen Szene waren vertreten.
In Hamburg brannten Baustellenabsperrungen
Ein ähnliches Bild in Hamburg: Nach einem weitgehend störungsfreien Verlauf am Nachmittag geriet die Lage gegen Abend in der Nähe des Hauptbahnhofes teils aus dem Ruder. Kurz vor Ende der Demonstration zündeten schwarz gekleidete und teils vermummte Personen mehrfach Pyrotechnik, rissen Baustellenabsperrungen aus ihren Verankerungen und steckten diese in Brand. Am Steintorplatz wurden Polizisten mit pyrotechnischen Gegenständen beworfen. „Zur Unterstützung der Räumung setzten wir unmittelbaren Zwang ein, auch unter Einsatz des Wasserwerfers“, erklärte die Polizei der Hansestadt.
In Hamburg wurden Baustellenabsperrungen abgebranntCDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann sagte, es sei traurig, dass friedlicher Protest teilweise kaum mehr möglich sei. „Diese zerstörerische Wut gegen das Land, in dem man lebt, ist mir unerklärlich.“ Hoppermann verurteilte, dass sich bei Protesten teils Hass und Aggressivität gegen den Staat und die Polizei durchgesetzt hätten. Mit Blick auf migrantische Gewalttäter betonte sie: „Respekt vor diesem Staat, unseren Institutionen und vor allem unserer Polizei sollten bei der Aufnahme in unsere Gesellschaft zentral sein.“
In Bremen wurden Polizisten nach Ende der Demonstration mit Tritten und Schlägen attackiert, als sie einen Verdächtigen stellen wollten, der mutmaßlich Pyrotechnik gezündet hatte. Außerdem seien Polizeikräfte mit Flaschen beworfen worden, erklärte die Polizei. Ein Beamter wurde dabei verletzt.
Schon vor Beginn Rauchbomben in Stuttgart
Nach weitgehend friedlichen Protesten kam es auch in Stuttgart zu Krawallen. Fünf Polizisten wurden dabei verletzt. Insgesamt wurden rund 50 Straftaten verzeichnet, mehrere Tatverdächtige seien vorläufig festgenommen worden. Nach dem Ende der Versammlung sei es auf einmal zu Angriffen auf Beamte gekommen, so die Polizei. Rund 6000 Menschen waren nach Polizeiangaben vom späten Abend in Stuttgart unterwegs, die Veranstalter sprachen von rund 12.000 Teilnehmern. Noch vor Beginn des Aufzugs seien Rauchtöpfe gezündet worden und Böller zu hören gewesen. Vereinzelt habe es Sachbeschädigungen gegeben.
In Stuttgart gingen schon während der Kundgebung Rauchbomben hochIn Karlsruhe erlitt ein Beamter ein Knalltrauma, nachdem nach der offiziellen Kundgebung aus einer Menschenansammlung heraus Pyrotechnik gezündet worden war. Die Polizei löste die Ansammlung schließlich unter Einsatz von Polizeipferden auf.
Köln fliegt ein E-Scooter in eine Galerie
Dramatisch war die Lage in Köln. Auf der Domplatte nahe dem Hauptbahnhof kam es zu schweren Angriffen auf Polizisten. Flaschen wurden geworfen, Fahrräder flogen, auch unbeteiligte Menschen erlitten Verletzungen. Nach Polizeiangaben wurden fünf Randalierer in Gewahrsam genommen. In einer Nebenstraße ging die Fensterscheibe einer Kunstgalerie durch einen geworfenen E-Scooter zu Bruch. Eine Polizeisprecherin sprach von einem dynamischen Lagebild.
Die Scheibe einer Kunstgalerie in der Kölner Innenstadt wurde eingeschmissenMolotowcocktails auf Polizisten in Frankfurt
Die schlimmsten Szenen spielten sich in Frankfurt ab. Plünderungen, Molotowcocktails auf Polizisten und eingeschlagene Schaufensterscheiben. Die Lage spitzte sich am Abend dramatisch zu. In der Innenstadt drangen mehrere Personen in Geschäfte ein und plünderten sie, sogar ein Waffenfachgeschäft wurde ausgeräumt.
„Es wurden Molotowcocktails auf Einsatzkräfte geworfen“, teilte die Polizei mit. Sie sperrte die Einkaufsstraße Zeil komplett ab. Die Zeil ist eine der meistbesuchten Einkaufsstraßen Deutschlands und insgesamt mehr als einen Kilometer lang. Die Szenen in Frankfurt erinnerten an die jüngsten Ereignisse in Frankreich. In den späten Abendstunden musste das SEK hinzugezogen werden.
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) zeigt sich „schockiert von den Gewaltexzessen“. Sie würden nicht ohne Konsequenzen bleiben, sagte Rhein. „Wer sich so verhält wie die Angreifer in der Frankfurter Innenstadt, stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft. Wir werden Aggressoren, Tätergruppen und Hergang genau bewerten und unsere Schlüsse ziehen“, so Rhein.
Innenminister Roman Poseck (CDU) hat ein hartes Vorgehen gegen die Randalierer angekündigt. „Wir haben Bilder gesehen, die wir nicht sehen wollten. Hier hat sich eine verheerende Verbindung von Linksextremisten und gewalttätigen jungen Menschen entladen.“ Es gebe ein enormes Aggressionspotential der Randalierer. „Meine Gedanken sind bei den Polizisten, ganz besonders den Verletzten, die mit großem Einsatz noch schlimmere Exzesse verhindert haben.“ Für Posek sei klar, dass es so nicht weitergehen könne: „Wir brauchen ein frühzeitiges und hartes Durchgreifen gegen diejenigen, die unsere Regeln missachten und unsere gesamte Gesellschaft angreifen.“
In den späten Abendstunden ist das SEK hinzugezogen wordenEine als Batman verkleidete Person steht vor einer brennenden MülltonneDie Polizei setzt Wasserwerfer gegen die Plünderer einEin Randalierer schlägt mit einem Verkehrsschild die Schaufensterscheibe eines Waffengeschäfts einVeranstalter ziehen trotz der Randale positives Fazit
„Was nach dem Ende der Kundgebungen passiert ist, darauf hatten wir keinen Einfluss“, sagte Amadeo, der Sprecher der Initiative „Gen Z regelt“. Dass in mehr als 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße gingen, um etwas zu verändern, beschreibt er als großen Erfolg. Die Initiative betont, sie werde in drei Wochen erneut die Jugend mobilisieren. „Für uns ist das nur der erste Schritt. Wir wollen uns an den europaweiten Protesten am 20. November beteiligen“, sagte Amadeo.
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