Linken-Chef Luigi Pantisano fordert nach dem Auftritt des Audi-Chefs Gernot Döllner bei einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps den Rücktritt Döllners von der Konzernspitze. „Ich finde, es ist eindeutig: Audi-Vorstandschef Gernot Döllner muss seinen Hut nehmen“, sagt Pantisano dem Nachrichtenportal „T-Online“.

Er kritisierte, dass Trump Politik für die Interessen der Reichen und Mächtigen mache, dass Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechte ihm ein Dorn im Auge seien und dass die Menschen unter den Folgen seiner Kriege leiden würden. „Und dann kommt ein deutscher Konzernchef auf die Bühne und macht Wahlkampfhilfe für diesen Autokraten. Man möchte vor Scham im Boden versinken.“

Pantisano kritisierte weiter: „Gerade bei VW, wo das Land Niedersachsen mit in Verantwortung ist, muss das Konsequenzen haben.“ Denn das sei auch ein „Armutszeugnis für die deutsche Politik, die offensichtlich keinen Einfluss auf die Konzernführung hat und stattdessen tatenlos dem Abbau der Arbeitsplätze hier vor Ort zuschaut“, so Pantisano. „Das Verhalten von Döllner muss Konsequenzen haben, sonst muss auch Lies sich die Wahlkampfhilfe für Trump zurechnen lassen.“

Auch der niedersächsische Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies hat den Auftritt von Döllner gerügt. „Eine Wahlkampfveranstaltung kann nicht der richtige Ort sein, eine solche Investition zu verkünden“, erklärte der SPD-Politiker am Montag. Der Chef der VW-Tochter Audi sei „Teil einer politischen Inszenierung“ geworden, was Befremden ausgelöst habe. Trump hatte am Wochenende den Bau eines neuen Audi-Werks für rund vier Milliarden Dollar angekündigt. Döllner trat dabei gemeinsam mit Trump auf und dankte ihm für seine Unterstützung.

Lies stellte klar, dass eine endgültige Entscheidung über edas Projekt noch ausstehe. Über eine Investition dieser Größenordnung entschieden die zuständigen Gremien des Konzerns, „und diese Entscheidung ist noch nicht gefallen“.

US-Präsident Donald Trump begrüßt Audi-Chef Gernot Döllner bei der Wahlkampfveranstaltung in Georgia

Auch VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo und die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, kritisieren Döllner scharf. „Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie – und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe“, sagte Cavallo in einem internen Interview, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Wer die Rede von Trump gehört habe, habe wahrnehmen müssen, dass Döllner zum aktiven Teil dieser Veranstaltung geworden sei, müsse vor „Scham im Boden versinken“.

Cavallo sparte auch nicht mit Kritik am gesamten VW-Konzernvorstand um Chef Oliver Blume. Dieser habe sich „von einer höchst zweifelhaften politischen Figur, die gegen so ziemlich jeden unserer Unternehmenswerte verstößt, zur Marionette in dessen Propaganda-Show machen lassen“, sagte sie. Dass umgehend erste Vergleiche zur VW-Geschichte gezogen würden, spreche für sich. Es sei ein Spiel mit dem Feuer. Volkswagen ist in der Nazi-Zeit gegründet worden und diente dem Regime von Adolf Hitler als Vorzeigeunternehmen.

Audi will in den USA produzieren

Trump hatte am Samstag überraschend den Bau eines Audi-Werks in Perry im US-Bundesstaat Georgia angekündigt. Döllner trat anschließend auf die Bühne und dankte dem US-Präsidenten für dessen Unterstützung. Der Chef der VW-Tochter ist auch Mitglied im Wolfsburger Konzernvorstand. Dort verantwortet Döllner die Markengruppe Progressive, die neben Audi auch die Luxusmarken Bentley und Lamborghini sowie den Motorradhersteller Ducati umfasst.

Die Ingolstädter wollen in Georgia jährlich 200.000 Sportgeländewagen (SUV) produzieren. Geplant sind Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar (rund 3,6 Milliarden Euro), 4500 Arbeitsplätze sollen entstehen. Audi nennt 2027 als Baubeginn, der Produktionsstart soll Anfang der 2030er Jahre erfolgen. Es wäre das erste Werk der VW-Premiumtochter in den Vereinigten Staaten.

Cavallo sieht Verstoß gegen Leitlinien

Der Auftritt steht Cavallo zufolge auch im Gegensatz zu internen Leitlinien von Audi. In den drei letzten Monaten vor Wahlen seien öffentlich wirksame Termine mit zur Wahl stehenden Politikern untersagt. Döllner habe diese Prinzipien erst vor wenigen Monaten unterschrieben. Hier liege „sicherlich ein klarer Verstoß“ vor. Die US-Zwischenwahlen finden am 3. November statt.

Die Pläne für ein Audi-Werk in den USA bewertet die VW-Betriebsratschefin nüchterner. Rein betriebswirtschaftlich könne das Sinn ergeben, sagte Cavallo. Der US-Markt zähle zu den größten und lukrativsten der Welt, der Marktanteil von VW sei dort aber immer noch viel zu klein. Zugleich seien die Zölle wegen Trump hoch und kosteten den Konzern Milliarden.

Es spreche vieles für eine verstärkte Fertigung in den Vereinigten Staaten. Nach Audis Ankündigung seien aber noch viele Fragen offen – etwa, ob es im Gegenzug Zollerleichterungen für den gesamten VW-Konzern gebe. Ebenso unklar sei, wie belastbar solche Zusagen über einen möglichen Regierungswechsel hinaus wären.

Innerbetrieblich stellt Cavallo klare Bedingungen. Für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat komme eine neue US-Fabrik – ganz egal von welcher Marke – nur dann infrage, wenn man Klarheit über die Auswirkungen für die übrigen Werke hätte, insbesondere in Deutschland. „Ohne ein Gesamtbild zur Planungsrunde mit dem Gesamtblick auf alle Standorte geben wir kein grünes Licht. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine Entscheidung erst noch aussteht“, sagte Cavallo. Ob man der Option für den Neubau am Ende zustimmen werde, sei offen.

IG-Metall-Chefin: Auftritt von Audi-Chef „peinlich“

Die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, bezeichnete den Auftritt des Audi-Chefs als „politisch inakzeptabel“. Die Art und Weise, wie Döllner sich und Audi in den USA präsentiert habe, sei außerdem „peinlich“ und den „Audianerinnen und Audianern nicht würdig“, erklärte sie am Montag. Döllner habe „eklatant“ die eigenen Unternehmensregeln verletzt, die ausdrücklich politische Neutralität im Vorfeld von Wahlen verordnen.

Benner betonte, die Entscheidung für einen möglichen Fabrikneubau in den USA stehe unter dem Vorbehalt der Gremienzustimmung, das finale Votum werde „mit ganzheitlichem Blick richtiger- und wichtigerweise im Aufsichtsrat der Volkswagen AG getroffen“.

Der Autoexperte Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin sagte der „Bild“-Zeitung vom Montag, der Bau eines neuen Audi-Werks in den USA gefährde „tendenziell Arbeitsplätze in Deutschland“. VW habe bereits Überkapazitäten. Schwope befürchtet eine Verlagerung von Modellen und Arbeitsplätzen, „sodass deutsche Werke überflüssig werden“. Besonders gefährdet sieht er Neckarsulm mit rund 15.000 Beschäftigten. Auch Porsche-Jobs in Deutschland könnten wegfallen, falls künftig Porsche-Modelle im neuen US-Werk gebaut würden.

Audi erklärte auf „Bild“-Anfrage, die US-Investition sei „keine Entscheidung gegen Deutschland“. Ein erfolgreiches US-Geschäft könne zusätzliche Produktion für europäische Werke ermöglichen und die Auslastung deutscher Standorte stärken. Die Investitionspläne für Deutschland blieben unverändert. Eine Audi-Sprecherin erklärte: „Jeder Standort muss seinen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Stärke von Audi leisten.“

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