Dieses Mal hat die Polizei gewonnen
Eine Masse von vermummten jungen Männern und ein paar Frauen singt und brüllt am Samstagabend: „Aux armes citoyeeens“ – „An die Waffen Bürger“, die aus der Französischen Revolution geborene Nationalhymne, während hinten Wasserwerfer im Tränengasrauch stehen.
Und in dieser Tradition von Bürgern, die sich gegen den Adel und die Bourgeoisie erhoben und einige am Ende köpften, sehen sie sich offenbar. Während einige singen, schmeißen andere Steine auf Polizeikräfte.
Am Abend eskalierte die Demo etwas – aber längst nicht so sehr wie am vergangenen SamstagDie Polizei schießt dann weitere Tränengasgranaten und setzt einen Wasserwerfer ein. Es erinnert an ein Volksfest. Halb lachend, halb von Angst erfüllt, rennen junge Menschen vor anstürmenden Polizeitruppen, die sie hier „Robocops“ nennen, und Tränengasschwaden weg.
Doch im Vergleich zum vergangenen Samstag, der ganz Frankreich schockierte und sogar Eingang in den rechten amerikanischen und israelischen Wahlkampf fand (Tenor: das verrottende Europa bekommt seine Islamisten nicht in den Griff), war es dieses Mal eher harmlos.
An diesem Samstag zogen laut Polizei 110.000 Menschen durch Paris, laut den Demo-Organisatoren 240.000. Nach den brutalen Ausschreitungen, Brandstiftungen und Plünderungen rund um den Place de la République vergangene Woche war die Sorge groß, dass so etwas wieder passieren könnte.
110.000 bis 240.000 – die Schätzungen gehen weit auseinander – Menschen sollen in Paris am Samstag demonstriert haben. Hier läuft die Menge über die Pont NationalAber dieses Mal verläuft die Demo zunächst friedlich. Die Stadt hatte den Verlauf auch kurzfristig so gelegt – vom Porte d’Italie zum fünf Kilometer entfernten Porte Vincennes – dass er nicht etwa an Luxusläden vorbeizog, sondern an Wohngebieten einfacherer Leute.
Slogans auf Pappschildern
Viele Studenten sind da, ein paar Gewerkschafter, ein paar Gelbwesten und auch ein paar wenige Jungs aus den Vorstädten, den Banlieues, die sich schwarze Masken schon so aufgesetzt haben, dass sie diese schnell runter ins Gesicht ziehen können. Die Studenten haben Pappschilder bemalt. Eines spielt auf die Plünderungen vor einer Woche und schlechte Bildungseinrichtungen an: „Man beweint die zerschlagenen Schaufenster und nicht die zerbrochenen Zukünfte.“
Ein als Jesus verkleideter Student hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Jesus segnet steigende Löhne“. Und eine Studentin hat eine Nachricht an die Ehefrau des Staatspräsidenten Emmanuel Macron geschrieben: „Brigitte, meine Liebe, ohrfeige Deinen Mann.“ Dazu kommt die auch bei Linken-Demos in Deutschland alltägliche Palästina-Folklore.
Da steht eine Nachricht an Emmanuel Macrons Ehefrau: „Brigitte, meine Liebe, ohrfeige Deinen Ehemann“Student Adrien (19) sagt, er sei gekommen, um für bessere Studienbedingungen, niedrigere Preise, gegen Polizeigewalt und für ein besseres Leben in Übersee-Départements wie La Reunion zu protestieren. Er sagt: „Die Plünderungen waren ein kleiner Teil der Proteste, das wurde von den Medien aufgebauscht. Und die Regierung hat das geschehen lassen, um uns schlecht zu machen.“ Diese Erzählung verbreiten hier viele.
Den ganzen Zug lang sind außer ganz vorne keine Polizeikräfte zu sehen. Das ändert sich, als der Marsch nach etwa zwei Stunden am Port Vincennes eingelaufen ist. Hier zeigt die Staatsmacht dieses Mal Zähne, hindert Demonstranten daran, auszuschwärmen.
Plünderungen als Wutventil
Der Video-Cutter Gabriel (23) sagt, warum er hier ist: „Seit Macron da ist, steigen die Preise immer weiter.“ Er sehe keine Zukunft mehr für sich in Frankreich. „Ich weiß nicht mal, ob ich Rente bekomme, wenn ich alt bin. Und ob ich überhaupt alt werde und dass man mich nicht vorher tötet.“ Er ist dunkelhäutig und hat Angst vor Polizeigewalt und Rassisten. Tatsächlich hatte ein Rechtsterrorist am Vorabend in einem Pariser Vorort einen Schwarzen ermordet.
Video-Cutter Gabriel (23) fühlt sich nicht wohl im aktuellen FrankreichAuf dem Schild steht in Anspielung auf die Plünderungen und schlechte Bildung: „Man beweint die zerschlagenen Schaufenster und nicht die zerbrochenen Zukünfte.“Die Gewalt seitens der Demonstranten von vergangenem Samstag kann Gabriel nachvollziehen. „Wir haben das Gefühl, dass sich seit Jahren nichts ändert. Das führt dann zu Chaos.“
Sein Kumpel Johann (20), ein blonder Franzose, stimmt ihm zu: „Die Rechte wird hier immer stärker – wie in Deutschland die AfD. Wir müssen uns wehren. Am Place de la République hat die Polizei uns letzte Woche umzingelt, da sind einige wütend geworden. Auch wenn ich das nicht unterstütze.“
Ältere Demonstrantin geht dazwischen
Am Porte Vincennes kommt es dann in der Dämmerung zu Ausschreitungen. Aber auch das ist dieses Mal anders: Als ein paar junge Männer beginnen, einige Banlieue-Jungs, andere Typ Schwarzer Block, weiße Linksradikale, schützende Spanholzplatten von einem Geschäft abzureißen und mit Eisenstangen und Steinen das Glas zum Bersten zu bringen, läuft eine ältere Demonstrantin dazwischen und schreit: „Stopp! Stopp!“ Sie will nicht, dass in der Berichterstattung über die Demos wieder nur über die Plünderungen geschrieben wird.
Ob sie die jungen Männer aber hätte aufhalten können, wenn nicht wenige Momente später eine Polizei-Hundertschaft mit Knüppel und Tränengasschwaden angestürmt wäre, ist eine andere Frage.
Der Christus mit Dornenkrone trägt ein Schild auf dem steht: „Jesus segnet Lohnerhöhungen“Die Studenten Issa (24) und Lucard (22) tragen eine etwas bedrohliche Vermummung, sind aber im Gespräch freundlich. Sie werden in fünf Monaten, wenn Frankreich wählt, einer linken Partei ihre Stimmen geben, erzählen sie, kurz bevor sie nach Hause gehen. „Das sind die einzigen, die alle unsere Forderungen erfüllen“, sagt Lucard.
Issa (24, l.) und Lucard (22) wollen bei den nächsten Wahlen Links wählenAls die Demo vorbei ist, stehen an jeder größeren Kreuzung im Umkreis Polizeiwannen, die Armee soll besonders gefährdete Orte schützen. Der Place de la République ist verwaist, von 23 bis 6 Uhr wird da eine Ausgangssperre mit Blaulicht und Absperrbändern durchgesetzt. Es kursieren auf X Videos von brutal zuschlagenden Beamten.
Klar wird im Laufe des Abends: Während Europa auf Frankreich schaute, sind dieses Mal in Barcelona und Rom offenbar Demos extremer eskaliert. In Paris jedoch wollte die zweite Gewalt sich nicht noch einmal so eine Blöße wie vor sieben Tagen geben. Die Zeitung „Le Parisien“ titelt: „Die Regierung ist einem neuen Chaos-Samstag entkommen“. Dieses Mal hat die Polizei gewonnen.
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