„Unsere Arbeiter gucken wie die in Deutschland zur AfD nach rechts“
Denise (84) wohnt ganz nah am Platz der Republik, auf dem vor einer Woche aus einer Demo eine Plünderorgie wurde. In ihrer kleinen Gasse haben Vandalen ein Café und zwei Restaurants angezündet. „Das ist ein Bürgerkrieg“, sagt sie. „Durch diese Sachen werden die Kosten für Versicherungen steigen. Und die Touristen fehlen. Was sind das für Demonstranten?“
An ihre Hauswand hat jemand „Macron köpfen“ und dahinter zwei Herzchen geschrieben. „Das hatten wir schon mit Königin Marie Antoinette und Louis XVI.“, sagt die Frau. „Aber Macron ist ein machiavellistischer Machtpolitiker. Es kann auch sein, dass er das Chaos provoziert hat, um an der Macht zu bleiben.“
An der Statue in der Mitte des Platzes entfernt ein Arbeiter mit einem Sandstrahler Graffiti. Das ist optimistisch. Denn am Samstag soll die nächste Massendemo starten, dann könnte die ganze Arbeit umsonst gewesen sein.
Die Pariserin Denise (84) vor einem der ausgebrannten Restaurants in ihrer GasseDer Schüler Abdel (17) war vergangenen Samstag dabei, als es eskalierte. Er saß oben auf der Statue und schaute sich das Treiben an. Er war aus einer „Banlieue“, einem armen Vorstadtviertel, in die Stadt gekommen. Es waren Schüler wie er, die im September mit Protesten für bessere Lernbedingungen begannen, Demonstrationen, die dann in Vandalismus umschlugen. „Das Leben ist zu teuer geworden, das Benzin kostet 2,50 Euro den Liter“, sagt er. Als „Maghrebin“, ein aus Nordafrika stammender Franzose, beklagt er Rassismus. „Ich merke es jeden Tag an den Blicken der Leute“, sagt er.
Abdel vor einer Fakultät der Universität Sorbonne. Er will für eine bessere Zukunft demonstrierenEr hätte mit den Ausschreitungen nichts zu tun gehabt. „Aber ich kann die auch verstehen, die das gemacht haben“, sagt er. „Manche leben auf der Straße, haben nichts zu essen. Und diese Firmen machen Milliarden.“ Er glaubt, dass die Proteste am Samstag noch viel gewaltiger werden. Überall werde mobilisiert, auf X, auf Instagram und TikTok. „Und jetzt wollen sie die Armee schicken. Frankreich wird dann eine Diktatur“, sagt er.
Tatsächlich soll am Wochenende das Militär zur Hilfe kommen. 70.000 Polizisten sind im Einsatz. In Paris wurde bisher nur ein Protestmarsch genehmigt, an wichtigen Plätzen wie dem Platz der Republik und vor dem Élysée-Palast gelten Versammlungsverbote. Abdel sagt standhaft: „Wir werden uns organisieren und überall sein.“
Studenten-Demo – erst verboten, dann erlaubt
Eine Demonstration von Studenten am Donnerstag vor dem Krankenhaus Pitié-Salpêtrière war erst verboten und dann durch einen Eilentscheid kurzfristig doch erlaubt worden. Dieses Mal will die Polizei alles besser machen. Hundertschaften sind aufgelaufen, Wasserwerfer stehen bereit, manche Beamte tragen martialisch riesige Tränengas-Kanonen.
Es sind aber nur etwa 500 Studenten da. Das kann auch daran liegen, dass die Metro gesperrt wurde, die Demo so kurzfristig erlaubt wurde und die Polizei mehrere Ketten gebildet hat, durch welche die Demonstranten nur langsam durchdürfen.
Ein Arbeiter strahlt den Sockel des Monument à la République sauber. Unten rechts stehen noch Nachrichten wie „Tod den Bullen“Hannah (19) hat es geschafft und ein Megafon in der Hand. Sie skandiert: „Blockiert dieses Land!“ Sie sagt dann: „Macron ist ein beschissener Präsident. Wir wollen einfach bessere Bildung und er schickt jetzt die Armee.“ Eloise (35) und Ann (21) sagen, dass an den Unis 300.000 Plätze fehlen. Auf ihrem Banner prangt: „Schreibt die Fakultätslosen ein.“
Es folgen Chöre wie „Schafft die Polizei ab“, „Die Nationalpolizei ist für das Kapital“ und „Gemeinsam wird das Volk siegen“. Auf einem großen Pappschild steht: „Wenn ihr die brennenden Mülltonnen seht, ist das unsere Zukunft, die ihr zu Asche werden lasst.“ Eine Blasmusikkapelle spielt „Bella Ciao“, das Partisanenlied. Es erscheint aber alles eher harmlos.
Der Alt-Kommunist, der Deutsch spricht
Zwischen den jungen Studenten, viele mit bunten Haaren, einige mit Palästinensertüchern, läuft auch Alexis (61) mit rotem Pulli und Brille herum. Der Alt-Kommunist verkauft für einen Euro eine Zeitung mit dem Namen „Der Bolschewik“. Er spricht sehr gut Deutsch, da er 1989 nach Berlin zog, um für eine „revolutionäre Wiedervereinigung“ statt einer „kapitalistischen Wiedervereinigung“ zu kämpfen. Als das nicht funktionierte, kehrte er nach ein paar Jahren nach Frankreich zurück.
Aber sein Traum lebt. Er sagt: „Wir brauchen jetzt die Arbeiterrevolution in mehreren Etappen. Aber unsere Arbeiter gucken wie die in Deutschland zur AfD nach rechts. Die Bewegung muss die Verbindung zur Arbeiterklasse finden.“
Diese Zeitung mit Hammer und Sichel verkauft Alexis (61) für einen EuroDas ist auch das Thema eines Flugblatts der „Kommunistischen Internationale“, das Studenten verteilen. Da steht, am vergangenen Samstag seien 800.000 Menschen auf den Straßen gewesen, aber die „Bourgeoisie und ihre hörigen Medien“ hätten nur Bilder der Plünderungen gezeigt, statt Berichte über „Generalversammlungen“, welche die Arbeiter hätten erreichen können.
Die Verfasser konstatieren in Marx-und-Engels-Sprache: „Derzeit sind Arbeiter nicht Teil des Kampfes.“ Das sei ein Problem, denn „eine Bewegung, die nicht verstanden wird, ist eine tote Bewegung“. Dann wird es wild. Da steht: „Die Polizei hat den Befehl bekommen, die Plünderer walten zu lassen, um unsere Bewegung zu verderben.“
Die Generalversammlung
Am Donnerstagabend fand in einem Gewerkschaftsgebäude am Platz der Republik so eine „Generalversammlung“ statt, von der die Flugblattschreiber hoffen, sie würde die nach rechts gedrifteten Arbeiter überzeugen. Das Versammlungsgebäude ist historisch: Während der deutschen Besetzung zur Nazizeit sammelten sich hier Widerstandskämpfer. Ein paar Meter weiter ist ein geschlossener Tabakladen, auf einem Schild steht: „Dieser Laden wurde bereits geplündert. Hier gibt es schon nichts mehr zu stehlen.“
Ein Organisator, Matis, Ende 20, sagt, die Studenten würden „gemeinsam entscheiden“, ob Medien bei der Versammlung dabei sein dürfen, um darüber zu berichten. Nach und nach kommen Hunderte Teilnehmer zusammen, viele mit eingerollten Banderolen von der Demo.
Generalversammlung der linken Studenten im historischen Gewerkschaftsgebäude „Bourse du Travail“Matis macht dann im etwa 60 Meter breiten, runden Sitzungssaal die Ansage, ein französischer Fernseher und ein deutscher Journalist seien da. „Ich stelle zur Diskussion, ob sie dabei sein dürfen.“ Jemand schreit, dass das ein rechter französischer Sender sei und die alle abhauen sollten. Viele jubeln.
Eine Studentin sagt dann mit leiser Stimme in ein Mikrofon: „Ich glaube, es ist vielleicht ganz gut, wenn unsere Stimme Gehör findet, auch im Ausland.“ Sie wird niedergeschrien.
Dann sagt ein junger Mann, man sollte die Pressegeier draußen lassen. Viele stehen auf, strecken die Arme nach oben und wackeln mit den Händen. Offenbar ein Zeichen der Zustimmung. Die Presse muss nun raus.
Später entdecken die Revolutionäre noch einen kleinen Asiaten, der sich als Filmstudent ausgegeben hatte, aber die Versammlung mit seiner großen Kamera für eine rechte Studentenverbindung gefilmt haben soll. Er wird unsanft herausbefördert, holt dann die Polizei.
So wird die „Arbeiterklasse“ über die Medien mal wieder nicht erreicht. Und diese scheint sich seit den Ausschreitungen sowieso eher noch weiter nach rechts zu lehnen. In fünf Monaten sind Präsidentschaftswahlen. Die rechtsnationale Marine Le Pen (58) hat seit Beginn der Proteste in Umfragen je nach Kandidatenkonstellation auf 34 bis 38 Prozent zugelegt.
„Bild“-Chefreporter Til Biermann berichtet seit einer Woche aus Frankreich.
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