Hohe Lebenskosten, Migration – Warum die Gewalt bei Demos in Städten Afrikas zunimmt
Ihre Arbeit im Supermarkt hatte Élodie Thomas beendet, und sie saß in einem Kleinbus auf dem Weg nach Hause, als sie am 9. Oktober in Camp-Levieux auf Mauritius von einer Polizeikugel getroffen wurde. Die Mutter einer kleinen Tochter überlebte nach einer siebenstündigen Operation. Inzwischen kann sie mit einem Gehwagen erste Schritte machen, ist aber weiterhin im Krankenhaus. Der mutmaßliche Schütze, ein Polizeisergeant, sitzt derweil in Haft.
Zu diesem Zeitpunkt dauerten die Proteste bereits seit Tagen an – in einem Land, das mit solchen Nachrichten eher selten in Verbindung gebracht wird. Mauritius hat nach den Seychellen das höchste Einkommen pro Einwohner in Afrika. Doch wegen der unzuverlässigen Wasserversorgung waren Einwohner in mehreren Vierteln auf die Straße gegangen. Hohe Lebenshaltungskosten verstärkten die Unzufriedenheit.
Nach dem Schuss auf Thomas kam die Wut über Polizeigewalt hinzu, Barrikaden brannten, Geschäfte wurden geplündert. Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas beruhigt, die mehrfach verlängerte Ausgangssperre wurde aufgehoben.
Während Proteste gegen unzureichende Leistungen der Regierungen und steigende Lebenshaltungskosten in Ländern wie Frankreich, Belgien und Italien zunehmend in Europa debattiert werden, steigt die Zahl der Proteste in Afrika schon seit Längerem. Für die Länder südlich der Sahara, also ohne die arabisch geprägten Staaten zwischen Atlantik und Rotem Meer, nennt die Weltbank unter Berufung auf den Konfliktmonitor ACLED im Jahr 2024 insgesamt 7224 Demonstrationen, gegenüber 2780 zehn Jahre zuvor – ein Anstieg um 160 Prozent.
Und einiges deutet darauf hin, dass dieser Trend anhält. In den vergangenen Monaten gab es allein in Kenia 94 Demonstrationen von Transportunternehmern gegen die massiv gestiegenen Treibstoffpreise. Auf den Komoren organisierten Gewerkschaften aus dem gleichen Grund mehr als ein Dutzend Streiks und Demonstrationen.
Und in Südafrika gab es allein im Juni mindestens 150 Demonstrationen gegen irreguläre Migration – mehr als in den zwölf Monaten zuvor zusammen. Die Organisatoren machen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern für die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, gestiegene Versorgungskosten und überlastete öffentliche Einrichtungen verantwortlich.
Das Konfliktpotenzial durch die steigenden Preise ist auf dem Kontinent deutlich höher als in besser entwickelten Regionen. In Subsahara-Afrika entfallen durchschnittlich rund 40 Prozent der Konsumausgaben auf Lebensmittel, bei den ärmsten Haushalten sind es gar 60 Prozent. In der EU waren es im Jahr 2024 ganze 13 Prozent.
Das trifft auch vergleichsweise wohlhabende afrikanische Länder. So zwangen in Kenia vor zwei Jahren junge Demonstranten Präsident William Ruto, geplante Steuererhöhungen zurückzunehmen. Nach weiteren Treibstoffverteuerungen in diesem Jahr wurden bei Protesten nach Regierungsangaben vier Menschen getötet.
Auch in Südafrika versuchen Aktivisten, die Unzufriedenheit über steigende Kosten zu instrumentalisieren. Die Organisation Concerned Citizens of South Africa hatte für den 19. Oktober zu einem Generalstreik aufgerufen: Beschäftigte sollten zu Hause bleiben, Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Gefordert wurden niedrigere Treibstoffpreise und eine Senkung der darin enthaltenen Steuern und Abgaben. In Johannesburg wurde dann an jenem Tag eine Autobahn wegen Protesten in beide Richtungen gesperrt. Einen landesweiten Stillstand gab es allerdings nicht.
Wachsendes Risiko städtischer Unruhen
In Nigeria begannen die Proteste lange vor dem Iran-Krieg und dem jüngsten Energiepreisschock. Bereits im August 2024 gingen Tausende gegen hohe Lebenshaltungskosten und schlechte Regierungsführung auf die Straße. Sie verlangten unter anderem die Rückkehr der Benzin- und Stromsubventionen, deren Abbau zusammen mit der Abwertung der nigerianischen Währung den Alltag verteuert hatte. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei gab es 24 Tote.
Seitdem gibt es immer wieder Proteste, bei denen diese Themen eine Rolle spielen, im April 2025 etwa bei Demonstrationen gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Und erst vor wenigen Wochen lehnten Beamte den von der Regierung vorgeschlagenen Mindestlohn als zu niedrig ab und drohten mit einem unbefristeten Streik.
Wie stark Preisschocks Unruhen begünstigen können, zeigt eine Studie des Politikwissenschaftlers Todd Graham Smith. Ein ungewöhnlich starker monatlicher Lebensmittelpreisanstieg erhöhte das Risiko städtischer Unruhen um 75 Prozent. Nicht zufällig begann die Revolution im Sudan im Jahr 2018, die letztlich zum Sturz von Diktator Omar al-Baschir führte, mit Protesten angesichts steigender Brotpreise.
Eine IWF-Studie von 2023 zu Treibstoffpreisen in 101 Entwicklungsländern bestätigt das. Preissteigerungen gingen dabei mit mehr regierungskritischen Demonstrationen einher, vor allem in Ländern mit besonders großer sozialer Ungleichheit, Korruption und niedrigen oder ineffektiv genutzten staatlichen Gesundheits- und Bildungsausgaben – Faktoren, die in vielen afrikanischen Ländern gegeben sind.
Wie schnell diese Konstellation eskalieren kann, ließ sich im vergangenen Jahr in Angola beobachten, das sich derzeit im großen Stil um Touristen und Investitionen bemüht. Nach einer Dieselverteuerung gab es höhere Bustarife – und bald einen Streik und gewaltsame Unruhen. Die Regierung vermeldete 22 Tote.
Wenig wirkt da symbolträchtiger als Bilder aus dem Senegal. Die Nachrichtenagentur Reuters filmte vor einigen Wochen eine Demonstrantin in Dakar, die die Tastatur eines Prepaid-Stromzählers um den Hals trug, den sie nicht mehr aufladen konnte. Ein anderer Teilnehmer trug Ketten um den Hals, die an den Sklavenhandel erinnerten. Eine Frau ruft in dem Video: „Dafür haben wir nicht gestimmt.“
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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