Ein kranker Papst? Ein sterbender Papst? Was beim meist fortgeschrittenen Alter der katholischen Oberhäupter mit den Jahren zum Greisenschicksal gehört, hatten Gläubige und Beobachter bei Leo XIV. gerade nicht erwartet.

Der aus den Vereinigten Staaten stammende Robert Prevost erschien bei seiner Wahl im vergangenen Jahr trotz seiner damals fast 70 Jahre als erstaunlich fitter Priester. Er spiele regelmäßig Tennis, wurde kolportiert. Von gymnastischen Übungen und einem mäßigen Lebensstil war die Rede. Man sah und sieht ihm sein Alter nicht an.

Inzwischen ist Leo 71 geworden und ließ mit Dynamik und Strategie durchblicken, dass er mit der katholischen Kirche noch viel vorhatte. Umso überraschender und nicht nur für Gläubige erschütternder kam diese Woche die Nachricht: Der Papst hat Krebs.

Nur drei Tage nach der Diagnose und der schnellen Bekanntgabe wurde der Papst am Dienstag im römischen Gemelli-Hospital operiert. Dabei entfernten die Chirurgen den unteren Teil des befallenen rechten Lungenlappens. Dort hatte man bei einer Voruntersuchung einen Tumor gefunden, der sich bei näherer Inspektion als bösartiges Adenokarzinom herausstellte. Derweil sammelten sich, wie das bei erkrankten Päpsten üblich ist, Gläubige vor dem Hospital, um für den Pontifex zu beten.

Vor dem Gemelli-Krankenhaus, in dem Papst Leo behandelt wird, steht eine Skulptur von Johannes Paul II.

Die gleichzeitig tagende Familiensynode der katholischen Bischöfe fand ohne das Oberhaupt statt, doch las der ranghöchste Kardinal Tagle eine Botschaft, die Leo zuvor bereits verfasst hatte. Die handelte von der Liebe innerhalb der Familie, von der gegenseitigen Verantwortung von Eltern und Kindern, vom Zusammenhalt im Glauben – passende Worte auch angesichts dieser Erkrankung, bei welcher sich die Kirche wie eine Familie hinter ihren Papst zu stellen scheint.

Denn Leo war in seiner bisher noch kurzen Amtszeit ein überaus beliebter Papst, obwohl er Konflikten, etwa mit Donald Trumps Migrationspolitik oder dem synodalen Weg der deutschen Katholiken, nicht aus dem Weg ging. Dabei erwies sich der aus Chicago stammende Augustinermönch als der Mann der Mitte, als der ihn die Vatikanologen charakterisiert hatten – nicht aber des schwammigen Ausgleichs um jeden Preis. Leo XIV. machte sich weltweit einen Namen als Papst ohne Allüren. Weniger schrullig als Franziskus, nicht so intellektuell-weltfremd wie Benedikt XIV. – doch mit Charakter und Willen.

Sein Vorgänger Franziskus gab sich bereits mit seiner Namenswahl (kein Papst hieß zuvor so wie der arme Gottesnarr aus Umbrien) als Außenseiter zu erkennen; er wollte nicht in Prunkgemächern wohnen und nahm es mit den Feinheiten der Theologie nicht immer genau. Leo XIV. dagegen reihte sich bewusst in die römisch-päpstliche Tradition ein, was schon seine Namenswahl bezeugt.

Leo XII. amtierte 25 Jahre lang, starb 1903 und gilt bis heute mit seiner Soziallehre als „Arbeiterpapst“, der die Dogmen der katholischen Kirche fürs darbende Industrieproletariat nutzbar machen wollte. Denselben Ansatz kann man bei Leo XIV. finden, wenngleich sich die Schwergewichte der pastoralen Pflichten inzwischen zu den Armen und Entrechteten der sogenannten Dritten Welt verschoben haben. Opfern von politischer Gewalt, klimatischer Veränderung, Armutsmigration und Ausbeutung stand bereits der Bischof Robert Prevost im peruanischen Chiclayo ostentativ zur Seite, wo der Kirchenmann als Missionar des Augustinerordens seine Laufbahn hauptsächlich voranbrachte.

Trotz seiner dogmatischen Unbeugsamkeit gegen eine kirchliche Legalisierung von Homosexualität, gegen eine Aufweichung des Zölibats oder für Frauenordination repräsentiert Leo demnach eine sehr sozial orientierte Kirche, die sich selbstbewusst sowohl der Säkularisierung als auch der Konkurrenz evangelikaler Gemeinschaften entgegenstellt. Deutlich ist auch die Distanz zum italienisch-römischen Klüngel und zum selbstverliebt-woken Katholizismus Alteuropas.

Damit steht Leo auch theologisch in direkter Nachfolge seines Vorgängers Franziskus, der als argentinischer Kardinal Robert Prevost unauffällig, aber letztlich unaufhaltsam gefördert und in Position für seine eigene Nachfolge gebracht hatte.

Während die Erkrankung Leos eine noch unbekannte Zeit der Rekonvaleszenz einfordert, nähert sich der Termin für die wohl wichtigste und emotionalste Reise seines Pontifikats. Vom 6. bis 17. November wollte der Papst zu einer großangelegten Reise nach Argentinien, Uruguay und Peru aufbrechen, mit dem Besuch in Leos einstiger Diözese und einer Begegnung mit dem dortigen Kirchenvolk – seiner „Familie“ – als Höhepunkt.

In Rom hält eine Nonne ein Bild des Papstes in den Händen

Einst hatte Bischof Prevost den autoritären Präsidenten Fujimori scharf angegriffen. Nun musste dessen inzwischen amtierende Tochter, Perus Präsidentin Keiko Fujimori, der Öffentlichkeit mitteilen, dass der Besuch des Pontifex womöglich verschoben wird. In der Tat kann man sich kaum vorstellen, wie ein frisch an der Lunge operierter 71-Jähriger die Pastoralreise mit 31.000 Flugkilometern und zwanzig Flügen, darunter Höhentouren in den Anden auf 3500 Metern, körperlich überstehen soll.

Noch gibt sich der Vatikan optimistisch und hat die Südamerika-Reise weder verlegt noch abgesagt. Doch mehren sich die Stimmen, dass die zuvor veranschlagte Erholungswoche nach der Operation wohl nicht ausreichen wird. Auch dass der Papst wie geplant in knapp zwei Wochen persönlich in Assisi beim Dialog der Religionen sprechen wird, erscheint zunehmend fraglich.

Spezialabteilung für Päpste im Hospital

Dieweil veröffentlicht das Gemelli-Hospital unweit des Vatikans tägliche Bulletins, welche die schlimmsten Sorgen der Gläubigen mildern sollen, ohne jedoch die Bedrohlichkeit der Krankheit zu beschönigen. Schon am Tag nach der Operation absolvierte der prominente Patient – für Päpste gibt es im Gemelli eine eigene Spezialabteilung – seine Atemübungen, las im Krankenzimmer die Messe und versuchte sich mit etwas Bewegung.

Das klingt, passend zum Lebenslauf dieses disziplinierten Menschen, erwartbar vorbildlich. Doch welche Aussichten hat ein Patient mit Adenokarzinom heute? Die Antwort ist zwiespältig, wie meist in der Onkologie. Der in den Drüsenzellen heranwachsende Tumor ist nach einer Entfernung des Gewebes gut behandelbar, inzwischen mit speziell angepassten Medikamenten und oft ohne Chemotherapie.

Die statistische Überlebenschance von 90 Prozent für die kommenden zehn Jahre gilt allerdings nur, wenn der Krebs früh genug erkannt wurde. Hat der Tumor bereits gestreut, verringert sich die Heilungschance drastisch auf etwa 50 Prozent oder weniger. In diesem Fall müsste sich der Papst wohl langwierigen und fordernden Bestrahlungen unterziehen, die längere Klinikaufenthalte und Abwesenheiten vom Amt zur Folge hätten.

Das jahrelange Siechtum des Wojtyla-Papstes Johannes Paul II., der im Jahr 2005 mit knapp 85 Jahren starb, bewies eindrücklich, dass die katholische Kirche mit einem schwachen und am Ende hinfälligen Papst gut zurechtkommt. Der charismatische polnische Papst, der bereits 1981 bei einem Attentat schwer verletzt wurde und beinahe an den Schusswunden gestorben wäre, stellte seine Schwäche und seine Schmerzen unverhüllt dar.

Damit gab er ein Beispiel für Kranke und Sterbende, denen in der katholischen Lehre besondere Würde und besonderer Schutz gebührt. Dementsprechend steht heute vor dem Gemelli-Krankenhaus, in dem nun Papst Leo behandelt wird, eine große Skulptur des gebeugten und dennoch unbeugsamen Johannes Paul II.

Papst Leo XIV. wird sich seinen heiliggesprochenen Vorgänger zum Beispiel nehmen. Der Bischofskonferenz für Fragen der Familie, die während seiner Operation ohne ihn tagen musste, sandte der Erkrankte eine Botschaft mit der Bitte: „Betet für mich, so wie ich für euch bete!“

Nun liegt, jedenfalls in der Sicht der Katholiken, das weitere Schicksal Leos in Gottes Hand. Ob der Papst seine Krankheit schnell überwindet oder ob auch dieses Pontifikat von Siechtum gezeichnet sein wird, darüber werden die kommenden Monate entscheiden. Sicher ist einzig, dass dieser bescheidene und zielstrebige Peruaner aus Chicago sich nicht widerstandslos fügen wird. Sein Papstname Leo bedeutet wörtlich „Löwe“. Und wie ein Löwe wird er kämpfen.

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