Christian Freuding, 55, ist Generalleutnant der Bundeswehr und Inspekteur des Heeres. Zuvor leitete er das Lagezentrum Ukraine im Verteidigungsministerium, später den Planungs- und Führungsstab. Freuding wird als Nachfolger von Generalinspekteur Carsten Breuer gehandelt, der im nächsten Jahr den Posten als Vorsitzender des Nato-Militärausschusses antreten wird.

WELT: Herr Generalleutnant, Sie verfolgen seit Jahren die militärische Lage in der Ukraine und den technologischen Fortschritt auf dem Schlachtfeld sehr genau. Haben Sie den Eindruck, dass Deutschland, dass die Bundeswehr bei dieser technologischen Entwicklung Schritt halten kann?

Christian Freuding: Mein Eindruck ist: Wir holen hier gerade mit Höchstgeschwindigkeit auf. Wir haben in diesem Jahr auch bei der Experimentalserie Land unbemannte Systeme in den Mittelpunkt unserer Forschungen und Experimente gestellt. Der Verteidigungsminister hat entschieden, dass wir ein selbstständiges UXS-Regiment, also ein selbstständiges Regiment mit unbemannten Systemen im Heer, aufstellen werden. Das wird schon im nächsten Jahr in Kraft gesetzt und in eine erste Einsatzbefähigung hineingehen.

Wir werden uns natürlich auch der Erfahrungen, die unsere ukrainischen Partner machen, bedienen. Wir sind da im engen Austausch. Das werden wir noch weiter intensivieren und dann sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg, diese Fähigkeiten in die Art unserer Landkriegsführung auch zu integrieren.

WELT: Die Bundeswehr stellt ein Drohnenregiment auf. In den USA hat Verteidigungsminister Pete Hegseth gerade angekündigt, ein sogenanntes Autonomous Warfare Command zu schaffen – die autonome Kriegsführung soll zu einem zentralen Pfeiler des US-Militärs werden. Haben Sie die Sorge, dass Deutschland möglicherweise zu kleine Brötchen backt?

Freuding: Nein, ich glaube, wir backen da nicht zu kleine Brötchen. Ich kenne jetzt die genauen Pläne der amerikanischen Partner nicht; genaue Informationen liegen uns noch nicht vor. Für uns ist wichtig, dass wir im Heer diesen beidseitigen Weg verfolgen, also dass wir unbemannte Systeme einerseits tief in unsere Verbände integrieren und dass wir sie andererseits auch selbstständig auf der Divisionsebene ausbringen. Das sind zwei unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns, wie wir im unbemannten Kampf in der Landkriegsführung vorgehen können. Ich bin sehr froh und freue mich auf die Aufgabe, dass wir jetzt beide Möglichkeiten des Handelns verfolgen; und ich halte beide auch für erfolgversprechend.

WELT: Wenn Sie sich die Landkriegsführung in der Ukraine ansehen: Das Dritte Armeekorps hat dort eine sehr erfolgreiche Operation über Wochen durchgeführt, die Operation Vivaldi. Was muss Deutschland, was muss die Nato aus dieser Art von Landkriegsführung lernen?

Freuding: Wir können da natürlich, wie schon über die letzten Jahre, sehr viel lernen. Es bestätigt mich in meiner festen Überzeugung, dass durch das Zusammenwirken von bemannten und unbemannten Systemen, durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Fähigkeiten und Waffengattungen zweierlei möglich ist: Zum einen ist Bewegungskrieg wieder machbar – zum anderen zeigt es, dass entscheidende, akribisch vorbereitete Operationen mit hoher Wirkungskraft noch durchführbar sind. Wir kommen aus diesem starren Stellungskrieg, den wir über die letzten zwei bis drei Jahre erlebt haben, heraus – indem wir Technologie gut integrieren und praktikabel zur Anwendung bringen.

Wir werden uns sehr intensiv mit dieser Operation beschäftigen, da können Sie sicher sein. Und das wird uns auch anleiten, wenn wir jetzt im Heer die neuen operativen Leitlinien für die Landkriegsführung festschreiben und wenn wir dann auch die Einsatzgrundsätze für das neue Regiment unbemannter Systeme entwickeln werden.

WELT: Sie haben in der Vergangenheit wiederholt angemahnt, dass Deutschland schneller sein muss, was Kriegsfähigkeit und Kriegstüchtigkeit angeht. Welche Bereiche bereiten Ihnen noch immer schlaflose Nächte?

Freuding: Im Heer haben wir insgesamt fünf Handlungsfelder definiert, wo wir in der Fähigkeitsentwicklung schneller werden müssen. Und ohne Zweifel: Da haben wir Aufholbedarf. Das ist zunächst der Bereich der indirekten Wirkung…

WELT: Also die Zielbekämpfung aus größerer Entfernung ohne Sichtkontakt…

Freuding: Genau. Dann ist da zum zweiten die Abwehr von Bedrohungen, insbesondere aus dem bodennahen Luftraum – im Fachjargon also Counter-AUS – also Verteidigungsmaßnahmen gegen Drohnen. Hinzu kommt der Bereich elektronische Kriegsführung in allen Truppenteilen. Generell müssen wir noch mehr Tempo machen, was alle Sorten von unbemannten Systemen angeht – ob am Boden oder in der Luft. Und schließlich, und das ist immens wichtig: die digitale Führungsfähigkeit, unterstützt durch KI. Wir müssen in der Lage sein, alle Handlungsfelder untereinander zu verknüpfen und zusammenzubinden.

In all den genannten Bereichen haben wir Aufholbedarf, und da kann es mir als Inspekteur des Heeres gar nicht schnell genug gehen.

WELT: Herr General, Sie sehen auch die politische Entwicklung in Deutschland – und es gibt Stimmen, die sagen: Wir müssen mehr auf Verhandlungen setzen, nicht auf Aufrüstung der Bundeswehr. Haben Sie den Eindruck, dass in Deutschland, dass in der Bevölkerung eine Gefahr durch Russland überhaupt wahrgenommen wird – oder dass das Bedrohungsempfinden nachlässt?

Freuding: Ich glaube, die Gefahr ist schon angekommen. Wenn man sich Umfragen und Meinungsbilder anguckt, dann ist die Bedrohung durch Russland durchaus präsent. Und mein Eindruck ist, dass sich auch die strategische Kultur in Deutschland verändert. Wir erkennen in Deutschland immer stärker den Wert von Freiheit und auch die Notwendigkeit, die Erfordernis, dass wir für diese Freiheit aktiv durch militärische Stärke eintreten müssen.

Ich erkenne auch in vielen Gesprächen, im Dialog mit den Bürgern, dass das nicht nur verstanden wird, sondern dass wir in Deutschland an einem Punkt sind, an dem wir sagen: Ja, wir sind bereit, für unsere Freiheit einzutreten, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, und wir brauchen starke Streitkräfte, um gewinnen zu können in einem militärischen Konflikt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Abschreckung funktioniert.

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