Die Meldungen des russischen Verteidigungsministeriums belegen es: Die Ukraine greift täglich Ziele tief in Russland mit hunderten Drohnen an. Im August meldete Russland den Abschuss von mehr als 100.000 „flugzeugartigen“ ukrainischen Drohnen im Jahr 2026 – damit sind Langstrecken-Drohnen gemeint. Das ist zugleich ein Beleg für den Erfolg des ukrainischen Drohnenprogramms und für dessen Grenzen. Mit Drohnen allein kann sich die Ukraine nicht gegen Russland verteidigen.

Welche Waffen setzt die Ukraine für Angriffe im russischen Hinterland ein?

Die ukrainische Armee verfügt über eine Vielzahl von einheimischen Waffen, die für Schläge tief jenseits der Front vorgesehen sind. Drohnen vom Typ Fire Point FP-1 und andere vergleichbare Systeme wie Antonow An-196 Liutyi werden für Schläge im russischen Hinterland, teils tausende Kilometer hinter der Front, benutzt. Das am weitesten entfernte Ziel war bislang eine Gaskondensat-Anlage in Nowyj Urengoj in Sibirien. Die Drohne hat mehr als 3000 Kilometer zurückgelegt.

Die Ukraine setzt aber in erster Linie regelmäßig kleinere Drohnen gegen Ziele vorwiegend im europäischen Russland ein, das heißt maximal knapp 2000 Kilometer entfernt. Dort liegen nicht nur die größten russischen Zentren, wo sich besonders verwundbare Ziele wie Raffinerien befinden, sondern auch die wichtigsten russischen Produktionskapazitäten für Rüstung und Elektronik.

Drohnen haben viele Vorteile, wie geringe Kosten und leicht skalierbare Massenproduktion. Die Nachteile sind allerdings nicht von der Hand zu weisen: Drohnen fliegen zumeist langsam, sind wegen ihrer Größe und fehlender Tarnkappen-Eigenschaften für Radare leicht aufzuspüren, sie tragen wenig Sprengstoff und können billig und einfach abgewehrt werden. Bei den mobilen Flugabwehr-Teams, die solche Drohnen mit schweren Maschinengewehren abschießen, hat Russland zuletzt deutlich aufgeholt.

Die wirkungsvollsten und zerstörerischsten Waffen im ukrainischen Arsenal stammen aus dem Westen, haben aber drei Probleme: die geringe Reichweite, die schlechte Verfügbarkeit und den niedrigen Bestand. Die britisch-französischen Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow/Scalp haben Tarnkappen-Eigenschaften und tragen einen 450 Kilogramm schweren Gefechtskopf, fliegen aber nur 250 Kilometer weit. Sie können nur von Kampfflugzeugen aus gestartet werden, was den Einsatz erschwert. Die Bestände, die Frankreich und Großbritannien an die Ukraine übergaben, sind nicht öffentlich bekannt.

Die landbasierten amerikanischen ballistischen Raketen vom Typ ATACMS sind noch gefährlicher und schwieriger abzuwehren. Je nach Variante haben sie eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Die aktuellen ukrainischen Bestände sind unbekannt.

Im Herbst 2024 sprach die damalige US-Regierung von Präsident Joe Biden von hunderten Raketen, die Ukrainer von lediglich 40 bis 50. Zuletzt hat die Ukraine 70 ältere ATACMS-Varianten aus türkischen Beständen gekauft. Das reicht nicht für eine massive Raketenkampagne, selbst in frontnahen russischen Gebieten.

Die letzten belegten Schläge mit ATACMS und Storm Shadow/Scalp liegen mehrere Monate zurück. Die Ziele lagen zumeist auf der besetzten Krim oder in der Ostukraine. Eine Ausnahme bildet der Storm-Shadow-Angriff auf eine Halbleiter-Fabrik in der russischen Stadt Brjansk, der aber ebenfalls schon vor einem halben Jahr erfolgte.

Die meisten für solche teuren Waffensysteme adäquaten Ziele wie Rüstungs- und Sprengstofffabriken liegen in Russland außerhalb ihrer Reichweite. Weitere verwundbare Ziele wie Bomber und große Truppenansammlungen hat Russland längst tief ins Landesinnere verlegt.

Welche Kapazitäten fehlen der ukrainischen Armee?

Der Ukraine fehlen massenhaft verfügbare Waffen mit größerer Reichweite. Schon vor Jahren hat Präsident Wolodymyr Selenskyj um die Lieferung amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper gebeten, die bis zu 1600 Kilogramm Sprengstoff bis zu 2500 Kilometer weit tragen können. US-Präsident Donald Trump stellte noch vor einem Jahr die Lieferung in Aussicht. Doch die kam nie.

Allein im Iran-Krieg haben die Amerikaner schätzungsweise 1000 Tomahawks eingesetzt. Das heißt, die Bestände, die an die Ukrainer hätten weitergegeben werden können, sind heute mit großer Wahrscheinlichkeit aufgebraucht. Auch die luftgestützten deutschen Taurus-Marschflugkörper, die maximal 500 Kilometer weit fliegen können, hat die Ukraine trotz jahrelanger Diskussionen nie bekommen.

Neben Marschflugkörpern mit einer höheren Reichweite fehlen der ukrainischen Armee entsprechende ballistische Raketen, die etwa mit dem russischen Typ Iskander zu vergleichen wären. Sie fliegen mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit bis zu 550 Kilometer weit auf einer ballistischen Flugbahn.

Solche Raketen sind im Vergleich zu Drohnen und Marschflugkörpern nur schwierig und kostspielig abzufangen. Daher sind sie geeignet für wichtige Ziele wie Rüstungs- und Munitionsfabriken oder große Infrastruktur-Objekte.

Was ist mit dem Flamingo-Marschflugkörper?

Weil die westlichen Partner dem Land wichtige „Deep-Strike“-Waffen verweigern, setzt die Ukraine auf Eigenentwicklungen. Große Hoffnungen sind mit dem schweren Marschflugkörper FP-5 Flamingo des Herstellers Fire Point verbunden. Die Technik ist im Vergleich zu Tomahawk-Marschflugkörpern nicht Hightech, dafür ist die Reichweite mit bis zu 3000 Kilometern groß. Der Gefechtskopf wiegt mehr als eine Tonne.

Die Waffe sollte eigentlich bereits in Massenproduktion hergestellt werden. Schon im vergangenen Sommer war beim Hersteller von 30 Stück pro Monat die Rede, Hunderte Exemplare im Jahr wurden in Aussicht gestellt. Ein Jahr später ist davon wenig zu spüren. Derzeit sind gerade zehn Einsätze mit Flamingos belegt.

Laut Fire-Point-Chefin Iryna Terech ist das Problem der Mangel an Triebwerken. Ursprünglich stammten sie aus der Produktion der traditionsreichen Fabrik Motor Sitsch in der von Russland teilweise besetzten Region Saporischschja. Die Produktion dort ist wegen des Krieges zum Erliegen gekommen. Derzeit benutzt Fire Point mehrere Triebwerktypen für FP‑5. Ferner wird ein eigenes Triebwerk entwickelt, das ab 2027 in Serie hergestellt werden soll.

Welche Waffen sind in der Entwicklung?

Fire Point entwickelt mit FP-7 und FP-9 zwei ballistische Raketen. FP-7 ist ein einheimisches Gegenstück zu den ATACMS-Raketen, das laut Fire Point innerhalb der nächsten Wochen in Dienst gestellt werden soll.

Die FP-9-Rakete ist eine Waffe für Schläge tief im russischen Hinterland. Sie soll mit einer 800-Kilogramm-Sprengladung eine Reichweite von bis zu 855 Kilometern haben. Das würde große Teile des europäischen Russlands abdecken.

FP-9 absolviere derzeit Flugtests, so Fire-Point-Chefin Terech. Sollte die Waffe zeitnah zum Einsatz kommen, wäre sie die bislang größte Herausforderung für Russland im Luftkrieg mit der Ukraine. Nur die modernsten russischen Flugabwehrsysteme vom Typ S-400 und S-500 wären technisch in der Lage, solche Raketen abzuschießen.

Wo liegen die Probleme?

Bei der Massenproduktion von ballistischen Raketen sind die Herausforderungen noch größer als bei der Beschaffung von Triebwerken für den Flamingo. Die Entwicklung einer mit der FP-7 vergleichbaren Rakete mit dem Codenamen „Sapsan“ beim Raketen- und Raumfahrthersteller KB Piwdenne in Dnipro stockte bereits vor der russischen Großinvasion. Nun dürften die Produktionsanlagen bei russischen Angriffen zerstört worden sein.

Ballistische Raketen benutzen Feststofftriebwerke. Der Vorteil: Sie müssen vor dem Start nicht erst betankt werden. Aber diese Triebwerke kann man nicht einfach importieren, sie müssen selbst entwickelt und produziert werden. Das Gleiche gilt für den Treibstoff.

Dazu plant Fire Point eine Fabrik in Dänemark. Dort sollte die Produktion Ende 2026 beginnen. Der Bau, in dem die Fabrik untergebracht werden sollte, stellte sich nach dänischen Sicherheitsvorgaben jedoch als ungeeignet heraus. Nun wird der Beginn der Treibstoff-Produktion für Ende 2027 angepeilt.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke