„Putin hat für die Mobilisierung einen interessanten Zeitpunkt gewählt“
In einem Bunker voller Bildschirme empfängt Robert Browdi die Reporterin bei einer Tasse Tee – irgendwo an einem geheimen Ort in der Ostukraine. Denn Browdi ist einer der führenden Köpfe des ukrainischen Militärs. Er leitet die Einheit für unbemannte Systeme und ist Gründer der Elite-Drohneneinheit „Magyar’s Birds“. Als Angehöriger der ungarischen Minderheit aus dem Westen der Ukraine lautet sein Rufname „Magyar“ – der Ungar.
Eine militärische Ausbildung hat Browdi nicht. Vor dem Krieg war er ein international agierender Getreidehändler und Kunstsammler. 2022 schloss er sich den Territorialverteidigungskräften der Ukraine an. Früh erkannte er die Bedeutung von Drohnen: Er begann mit einer einfachen kommerziellen Drohne, russische Stellungen zu orten. Heute führt sein Team Luftschläge 3000 Kilometer jenseits der ukrainisch-russischen Grenze aus.
Frage: Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Anfang des Monats gesagt, ukrainische Drohnen würden den russischen Luftraum „de facto“ schließen. Was sagt das über den Erfolg der ukrainischen Angriffe tief im russischen Hinterland aus – und welche Folgen hat das?
Robert Browdi: Tatsächlich findet der entscheidende Teil des Krieges auf taktischer Ebene statt, direkt an der Front, mit der Unterstützung von Drohnen. Drohnen treffen inzwischen mehr als 85 Prozent der gegnerischen Ziele. 95 Prozent der Kräfte meiner Truppe für unbemannte Systeme sind unmittelbar an der Front im Einsatz. Nur fünf Prozent entfallen auf Angriffe tief im russischen Hinterland, also auf die operative und strategische Ebene.
Mit diesen weitreichenden Angriffen wollen wir den Krieg vor allem auf das Territorium des Aggressors tragen. Russland hat seine früheren Kriege immer so geführt, dass die eigene Zivilbevölkerung die Folgen möglichst nicht unmittelbar zu spüren bekam. Das haben die freiheitsliebenden „Ukrainian Birds“ 2026 geändert. Unsere Operationen im Hinterland haben die Vorstellung zerstört, Russland verfüge in seinem gesamten europäischen Teil über einen sicheren Rückraum.
Magyar's Birds heißt die Elite-Drohneneinheit von Robert BrowdiFrage: Sie haben die ersten ukrainischen Drohneneinheiten aufgebaut. Wann wurde Ihnen klar, dass Drohnen diesen Krieg einmal prägen würden?
Browdi: Drohnen haben den Verlauf dieses Krieges zweifellos verändert. Sie ersetzen ganze Waffengattungen, teilweise sogar Infanterie. Heute beeinflussen sie Verlauf und Ausgang des Krieges ganz erheblich. Und wir stehen erst am Anfang. Drohnen werden immer leistungsfähiger. In Zukunft werden sie auf dem Schlachtfeld vielleicht nicht das einzige, aber doch das beherrschende Mittel sein.
Ob ich das zu Beginn des Krieges geahnt habe? Natürlich nicht. Wir mussten uns verteidigen und hatten keine Ahnung, was die Zukunft bringen würde. Also suchten wir nach Mitteln, die funktionieren. Und dieses Mittel war am Ende nicht die Axt, sondern die Drohne.
Frage: Inzwischen hält Künstliche Intelligenz immer stärker Einzug in diese Systeme. Erleben wir damit die nächste große Transformation dieses Krieges – und womöglich der Kriegsführung überhaupt?
Browdi: Sie nennen das, was Künstliche Intelligenz ausgelöst hat, sehr höflich eine „Transformation“. Ich würde eine noch drastischere Definition wählen: Die Drohne ist die Pest des dritten Jahrtausends. Und ich übertreibe keineswegs, wenn ich das sage. Mit der Künstlichen Intelligenz hat sich das sogenannte Overton-Fenster geöffnet.
Frage: Sie meinen den Rahmen der Möglichkeiten, die gesellschaftlich als akzeptiert gelten.
Browdi: Sobald die KI das beste Wissen der Menschheit aufnimmt, beschleunigt sie zugleich den Prozess, in dem wir Dinge erst ablehnen und kurze Zeit später schon als normal hinnehmen. Innerhalb eines einzigen Jahres kann sich, um Ihren Begriff zu verwenden, eine solche Transformation vollziehen. Was uns im vergangenen Jahr noch unmöglich oder wie Science-Fiction erschien, gehört plötzlich zur Normalität.
Wenn wir dieses Phänomen, das ich gerade beschrieben habe, mit der Entwicklung unbemannter und robotergestützter Systeme kombinieren, steht die Menschheit am Ende vor einer Waffe, die schwer zu kontrollieren ist. Wir erleben gerade, dass sich zwei völlig gegensätzliche Welten nicht darauf verständigen können, wie schnell sich KI weiterentwickeln darf.
Auf der einen Seite stehen die USA. Dort treibt der Präsident die rasche Ausbreitung der Künstlichen Intelligenz voran. Es wurde sogar eine „AI Force“ geschaffen. China wiederum, immerhin der zweitgrößte Akteur auf diesem Gebiet, äußert sich dazu überhaupt nicht.
Bislang werden die KI-Fähigkeiten von Drohnen für unterschiedliche militärische Zwecke eingesetzt. Was danach kommt, möchte man sich kaum ausmalen. Ich will niemandem Angst machen. Ich möchte nur deutlich sagen: Meiner Ansicht nach verliert die Menschheit in dieser Entwicklungsphase die Kontrolle.
Ohne Bart und mit Anzug: Robert Browdi in seinem alten Leben als GetreidehändlerFrage: Russland setzt inzwischen verstärkt Drohnen mit Düsenantrieb gegen die Ukraine ein, die sich nur schwer abschießen lassen. Gibt es Bereiche, in denen Russland im Drohnenkrieg einen Vorsprung hat?
Browdi: Parallel zum eigentlichen Krieg läuft ein technologisches Wettrennen. Dabei öffnen sich immer wieder Zeitfenster: Eine Seite verfügt plötzlich über eine neue Technologie. Die andere entwickelt daraufhin innerhalb kurzer Zeit Gegenmaßnahmen. Solche Phasen gab es in diesem Krieg auf beiden Seiten immer wieder. Meist hat die Gegenseite innerhalb weniger Wochen oder spätestens einiger Monate eine Antwort gefunden. Bei den Shahed-Drohnen mit Strahltriebwerk hat die Ukraine das Fenster bislang nicht geschlossen. Allerdings werden die ersten Gegenmaßnahmen bereits umgesetzt. Ukrainische Ingenieure haben sie in sehr kurzer Zeit entwickelt.
Frage: In den vergangenen Monaten hat Russland seine Angriffe auf Städte weit hinter der Front noch einmal verstärkt und dabei immer wieder zivile Ziele getroffen. Was sagt das über Russlands Lage im Krieg aus?
Browdi: Wladimir Putin versucht damit, seiner eigenen Gesellschaft etwas zu bieten. Auf dem Schlachtfeld kann er seit Ende 2025 keine beeindruckenden Erfolge mehr vorweisen – und das wird ihm auch künftig nicht gelingen. Die Angriffe sind das niederträchtige Mittel eines Tyrannen, der auf dem Schlachtfeld nicht zeigen kann, wozu er angeblich fähig ist. Neu ist das nicht. Aber 2026 hat diese Art der Kriegsführung deutlich größere Ausmaße angenommen, während die Kampfkraft der russischen Armee zunimmt.
Frage: Es wird spekuliert, dass in Russland nach der Duma-Wahl eine neue Mobilmachung bevorsteht. Wie schätzen Sie das ein?
Browdi: Wir rechnen schon ab Oktober mit deutlich mehr russischen Soldaten an der Front. Bis Ende 2026 könnten insgesamt rund 300.000 Mann hinzukommen. Das sind Kräfte, die Putin mobilisieren, ausrüsten und praktisch ohne Ausbildung direkt an die Front schicken kann. Das bedeutet: mehr Tote – und sehr viel mehr Arbeit für die Kräfte für unsere Drohneneinheit.
Schon im September spürten wir, dass die Zahl der russischen Soldaten an der Front steigt. In der ersten Hälfte des Monats lagen die gegnerischen Personalverluste um 25 Prozent höher als im entsprechenden Zeitraum im August. Mit anderen Worten: Die verdeckte Mobilmachung läuft bereits.
Putin hat für die Mobilisierung einen interessanten Zeitpunkt gewählt, denn bald fällt das Laub von den Bäumen. Nach allen klassischen Regeln der Kriegsführung ist es, vorsichtig gesagt, wenig dankbar anzugreifen, wenn die Vegetation keinen Schutz mehr bietet. Aber Putin hat es eilig. Er behauptet, er werde schon bald die Verwaltungsgrenzen des Donbass erreichen.
Seine eigene Bevölkerung bedeutet ihm offensichtlich nichts. Für ihn ist sie lediglich „Biomaterial“, ein Werkzeug. Er wird seine Leibeigenen an die Front schicken. Und sie werden dort in noch größerer Zahl sterben als bisher. Meine Verbände vernichten jeden Tag ein gegnerisches Bataillon. Jeden einzelnen Tag. Wir sind bereit: Wir werden Putins neue Soldaten zu „Schmorfleisch“ verarbeiten.
Während des Interviews lief ein Zähler auf dem Tisch mit. Er zeigt die Zahl der an diesem Tag getöteten russischen Soldaten in Browdis EinheitFrage: Zuletzt ist auch der Gesprächsfaden zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und der Ukraine wieder aufgenommen worden. Glauben Sie an diesen Verhandlungsprozess?
Browdi: Ich bin Soldat, kein Politiker. Militärisch betrachtet glaube ich nicht daran, dass der Krieg endet, selbst wenn ein Waffenstillstand vereinbart wird. Ich sehe auch keine Möglichkeit, diesen Krieg auf dem Schlachtfeld zu beenden. Wir wissen nicht, wie lange dieser Krieg noch dauern wird. Wir wissen zugleich, dass Putin derzeit bei Ressourcen und Mobilisierung im Vorteil ist und dass die Ukraine nur begrenzte Möglichkeiten zur Mobilisierung hat. Deshalb konzentriere ich mich auf drei Dinge.
Erstens müssen wir unsere Soldaten schützen. Zweitens müssen wir unsere Feuerkraft auf taktischer Ebene erhöhen – genau dort, wo Putin nun immer mehr frische Kräfte einsetzen wird. Und drittens müssen wir uns das „offene Fenster“ für Angriffe tief im russischen Hinterland erhalten. Denn weitreichende Angriffe können nur funktionieren, wenn auch die Schläge auf mittlere Distanz Wirkung zeigen.
Frage: Die europäischen Verbündeten der Ukraine warnen inzwischen verstärkt vor russischen Sabotageakten und hybriden Angriffen in ihren Ländern. Reagieren die Nato-Staaten entschlossen genug?
Browdi: Solange es bei besorgter Rhetorik bleibt und man lediglich darüber nachdenkt, was Russland irgendwann tun könnte, bleibt die Nato ein schwacher Akteur. Hinzu kommt, dass das Bündnis in solchen Fragen nur begrenzt flexibel ist – schon wegen seiner Größe und der unterschiedlichen Interessen seiner Mitglieder. Das wird immer ein Problem bleiben.
Die Nato wird immer ihre „Orbáns“ haben. Heute ist es der slowakische Premier Robert Fico, der behauptet, die Nato provoziere Russland seit vier Jahren, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen. Morgen sind es deutsche Interessen, französische Interessen oder irgendeine andere politische Strömung, die gerade in einem Nato-Land Einfluss gewinnt. Diese „Orbáns“ bremsen die Nato. Sie werden auch künftig verhindern, dass das Bündnis den Punkt erreicht, an dem Putin seine Drohungen für nicht mehr durchsetzbar hält.
Frage: Was schlagen Sie vor?
Browdi: Die Nato muss zumindest ihre Verteidigung so schnell modernisieren, dass Putin gar nicht erst auf den Gedanken kommt, mit Provokationen oder konkreten Aktionen in Nato-Gebiet vorzudringen. Wenn Drohnen nahe der rumänischen Grenze, im Baltikum, in Deutschland oder anderswo auftauchen, wird anschließend von Unfällen gesprochen. Dazu muss ich eines klarstellen: Eine Drohne ist ein äußerst präzises Instrument, wenn sie innerhalb eines Ökosystems eingesetzt wird und darauf ausgerichtet ist, Provokationen auszulösen oder Angriffe durchzuführen. Es ist ein großer Fehler, dies als Unfall abzutun.
Zu Beginn des Krieges hat die Welt erst geschmunzelt und dann darüber gelacht, dass Putins Armee angeblich die zweitstärkste der Welt sei. Ich sage Ihnen: Die Zeit für solche Witze ist vorbei. Im Krieg gegen die Ukraine hat Russland seine technologischen, personellen und militärischen Fähigkeiten immer weiter ausgebaut. Irgendwann könnte die russische Armee diesem Anspruch tatsächlich gerecht werden. Deshalb habe ich eine rhetorische Frage an die Nato-Generäle: Sind Sie wirklich sicher, dass Sie damit fertigwerden? Sie müssen nicht antworten.
Dieser Text erschien zuerst beim „Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Sebastian Beug.
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