„Wenn ich was länger mache als zehn Minuten, kann ich zusehen, wie die Lampen ausgehen“
Lange wurde um den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule gerungen. In diesem Schuljahr 2026/27 startet er nun, zunächst für die neuen Erstklässler. Flächendeckend müssen die Grundschulen ihren Schülern jetzt in ganz Deutschland acht Stunden am Tag Bildung und Betreuung garantieren. Es ist eine der größten bildungspolitischen Reformen der vergangenen Jahre.
Doch ob damit wirklich die „ganztägige Förderung von Kindern im Grundschulalter“ erreicht wird, wie der Titel des Gesetzes es verspricht, oder doch nur eine mehr oder weniger gut organisierte Nachmittagsaufsicht, ist fraglich. Derzeit sind gerade einmal 20 Prozent der Grundschulleitungen überzeugt, unter den derzeitigen Bedingungen an ihrer Schule eine hochwertige Ganztagsbildung anbieten zu können. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Cornelsen-Schulleitungsstudie, für die das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) bundesweit 2066 Schulleitungen verschiedener Schulformen befragt hat.
86 Prozent der Befragten verstehen den Ganztagsanspruch vor allem als Betreuungs- statt als Bildungsangebot. Nur 38 Prozent erwarten durch den Ganztag mehr Chancengerechtigkeit für Schüler, und lediglich 34 Prozent fühlen sich in die Ausgestaltung ausreichend einbezogen. „Der Rechtsanspruch wird damit weniger als pädagogisches Versprechen gelesen, sondern mehr als zusätzliche Betreuungspflicht, die verwaltet werden muss“, heißt es in der Studie.
Die Voraussetzungen sind zudem regional sehr unterschiedlich: In Ostdeutschland, Berlin und Hamburg werden schon heute deutlich mehr als 80 Prozent der Grundschulkinder ganztägig beschult oder im Hort betreut, während das Angebot in Süddeutschland deutlich geringer ist. „Entsprechend groß ist die Spreizung bei der erwarteten Nutzung ab dem Schuljahr 2026/27“, heißt es weiter. Sie reiche von rund 44 bis 94 Prozent.
„Ein guter Ganztag bedeutet nicht einfach, dass Kinder einige Stunden länger in der Schule bleiben. Er bietet die Chance, Schule neu zu denken: Unterricht und individuelle Förderung, Bewegung und Spiel, kulturelle Bildung und soziales Lernen können stärker miteinander verbunden werden“, sagt der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, der das FiBS als Experte berät. Schule könne so zu einem „umfassenden Bildungs- und Entwicklungsraum“ werden.
Entscheidend sei aber, ob ausreichend Personal und Räume zur Verfügung stünden und genügend Zeit bleibe, um aus neuen Vorgaben gute pädagogische Konzepte zu entwickeln, so Hurrelmann. „Die Ergebnisse dieser Studie sind deshalb mehr als ein Stimmungsbild. Sie sind ein Realitätscheck für die Bildungspolitik.“
Und der fällt ernüchternd aus. Die größten Hürden sind aus Sicht der Schulleitungen praktischer Natur: 74 Prozent führen unzureichende Räumlichkeiten und 53 Prozent Mangel an qualifiziertem Personal an. 37 Prozent wünschen sich konkrete Unterstützung und bemängeln fehlende verbindliche Vorgaben und unklare Zuständigkeiten. Durch den Ganztagsanspruch landeten zudem knapp zwei zusätzliche Wochenstunden auf dem Arbeitszeitkonto der Schulleitungen, so die Studie.
Das Fazit: „Der Ganztag ist ein zweischneidiges Schwert. Eigentlich soll er individuelle Förderung, soziale Integration und den Ausgleich sozialer Herkunft unterstützen. Unter den aktuellen Bedingungen droht er jedoch, die Unterschiede zwischen Schulen, die hinsichtlich Räumlichkeiten, Personal und Strukturen gut ausgestattet sind, und jenen, die aufholen müssen, zu vergrößern.“ Bildungsgerechtigkeit als Ausgleichsversprechen funktioniere nur, wenn die Voraussetzungen dafür gerecht verteilt seien – „und genau daran zweifeln Schulleitungen“.
Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist aber nicht die einzige Reform, die dieses Schuljahr prägen wird. Mit dem 2024/2025 gestarteten Startchancen-Programm soll die enge Verbindung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufgebrochen werden, mit dem Digitalpakt 2.0 die digitale Modernisierung der Schulen weiter vorangetrieben werden. Gleichzeitig hält Künstliche Intelligenz Einzug in die Schulen. In der Schulleitungsstudie wurde erhoben, wie diese Veränderungen in der Praxis gemanagt werden.
So sind sich die Schulleiter zwar weitgehend einig, dass sie die Digitalisierung weiter vorantreiben wollen. Für den Einsatz und Umgang mit Künstlicher Intelligenz fordern aber fast alle (99 Prozent) eine „medienkritische Begleitung“. Satte 91 Prozent der Schulleiter von allgemeinbildenden Schulen befürworten ein ganztägiges Smartphone-Verbot. Und knapp 80 Prozent befürchten, dass KI das eigenständige Denken der Schüler gefährdet.
Auch die Problemlagen verschieben sich. 88 Prozent der Schulleiter berichten von psychischen Problemen in der Schülerschaft, 81 Prozent von familiären Herausforderungen und 79 Prozent von sozialen Auffälligkeiten. Lernschwierigkeiten bezeichnen 74 Prozent der Befragten als größte Herausforderung. „Die Aufmerksamkeitsspanne von Schülern, die ist so lang wie ein TikTok-Video. Und wenn ich dann was länger mache als zehn Minuten, kann ich zusehen, wie die Lampen ausgehen“, berichtete eine Schulleiterin.
Hurrelmann bezeichnete diesen Befund als „besonders bedrückend“. „Nicht die Kinder sind schwierig, sondern sie haben schwierige Lebensbedingungen. Und das tragen sie auf der Stirn.“ Das hänge mit der völlig unkontrollierten Nutzung von digitalen Medien zusammen, so Hurrelmann. „Hier den Dreh- und Angelpunkt zu sehen, halte ich für das Entscheidende.“
Mit einigem Optimismus blicken die Schulen auf das Startchancenprogramm der Bundesregierung, das 4000 Schulen in herausfordernder Lage gezielt unterstützen soll. Die Zustimmung unter den betroffenen Schulleitungen ist hoch: 92 Prozent halten das Programm für sinnvoll, 93 Prozent erwarten, dass ihre Schule davon profitiert.
Mit den Fördermitteln bauen die Schulen vor allem die Förderung in Deutsch und Mathematik aus (89 Prozent), schaffen zusätzliche Lernmaterialien an (79 Prozent), investieren in die individuelle Förderung (74 Prozent), Räumlichkeiten (68 Prozent) sowie schulische Konzepte und Strukturen (67 Prozent). Dass sie damit das Ziel des Programmes erreichen, binnen zehn Jahren den Anteil der Kinder zu halbieren, die die Mindestanforderungen in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, glauben trotzdem die wenigsten. Nur 36 Prozent sind zuversichtlich, dass das hochgesteckte Ziel für ihre Schule tatsächlich erreichbar ist.
Wichtig sei, dass Schulen in herausfordernden Lagen wirklich das beste Personal bekommen, sagte Studienleiter Dieter Dohmen. „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wenn wir bei Pisa bis 2040 wieder auf dem Niveau von 2015 sein wollen, müssen wir heute anfangen und den Turnaround schaffen, nicht erst in zehn Jahren.“
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
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