Neue Vetternwirtschaft-Vorwürfe im Umfeld von UN-Funktionär Gerd Müller
Im Amtssitz der Vereinten Nationen in Wien, einem grauen Koloss an der Donau, geht Mitte August ein brisantes Schreiben ein. Der Absender ist eine Organisation, die sich EU Committee for Promotion of Tourism Investment and Development (EUCPTID) nennt. Was klingt wie eine Direktion der Europäischen Union, ist in Wahrheit eine Nichtregierungsorganisation mit Hauptsitz im lettischen Riga.
Der Empfänger der Nachricht ist Gerd Müller. Bis 2021 war Müller Bundesentwicklungsminister. Seither leitet er als Generaldirektor die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO). Müller ist damit der ranghöchste Deutsche im System der Vereinten Nationen.
Zwischen dem Absender der Mail und einem Investment-Büro der UNIDO (ITPO) in Shanghai besteht seit Oktober 2025 eine Partnerschaft. Durch sie sollen Investitionen und der Technologietransfer zwischen Europa und dem chinesischen Markt gestärkt werden. Doch in dem Projekt kommt es zu tiefen Verwerfungen. Sie betreffen auch Müller persönlich – und die Frage, ob Vertraute des Deutschen innerhalb der UNIDO eine Vorzugsbehandlung genießen.
„Systematische Täuschung“ durch ITPO-Mitarbeiterin
Das Schreiben, das EUCPTID nach Wien schickt, ist von bemerkenswerter Schärfe. Die Organisation beobachte mit „tiefem Bedauern und Besorgnis“, dass die UNIDO auf im April erhaltene Hinweise auf Korruption und Missbrauch von Mitteln nicht reagiert habe. „Bis heute haben wir keine offizielle Antwort oder ein Update zu der Ermittlung erhalten“, heißt es. EUCPTID wirft einer Direktorin des ITPO in Shanghai vor, ihre Rolle missbraucht zu haben, um die Organisation in Riga „systematisch zu täuschen“ – und womöglich Gelder zu veruntreuen. Müller lasten die Autoren des Schreibens an, die Chinesin möglicherweise zu schützen – aus angeblicher persönlicher Verbundenheit.
Was genau passiert war, lässt sich nicht bis ins kleinste Detail rekonstruieren. In dem Schreiben schildern die Autoren, bei einer Routinekontrolle innerhalb der Organisation seien finanzielle Unregelmäßigkeiten aufgedeckt worden. Unter anderem soll sich ein EUCPTID-Mitarbeiter selbst auf eine Förderung über 30.000 Euro beworben haben. Das Geld sei schlussendlich auf einem Firmenkonto gelandet, das von der Direktorin des UNIDO-Büros in Shanghai kontrolliert werde. Der leitende Angestellte der Rigaer Organisation habe nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Verantwortung übernommen und sei zurückgetreten.
Im Zuge der internen Ermittlungen habe er aber vor allem die UNIDO-Vertreterin in Shanghai belastet. Diese habe wiederum stets mit ihrer Nähe zu Gerd Müller und dessen Familie geprahlt. EUCPTID warnt in dem Schreiben, die Schilderungen gingen „weit über die Grenzen normaler sozialer Beziehungen hinaus“, und nennt konkrete angebliche Indizien für ein enges Vertrauensverhältnis. Der Tenor: Eine solche Nähe könnte Machtmissbrauch Tür und Tor öffnen. Die Organisation warnt: Sollte die UNIDO die Direktorin auf ihrem Posten belassen, werde man Audio- und Videoaufnahmen publik machen, die den mutmaßlichen Korruptionsfall belegen könnten.
UNIDO dementiert persönliche Nähe
Auf Anfrage von WELT AM SONNTAG bekräftigt EUCPTID die Vorwürfe gegen die Mitarbeiterin. Diese könnte sogar Dokumente gefälscht haben, „um Fakten zu verschleiern und den Kooperationspartner zu täuschen“. Die UNIDO wies eine Nähe zwischen der betroffenen Mitarbeiterin und Müllers Familie hingegen entschieden zurück. Die Fragen dazu seien „schlicht falsch und entbehren gänzlich jeglicher Tatsachengrundlage“. Alle Vorwürfe zu möglichem Fehlverhalten würden geprüft. Zu einem möglichen Ausgang einer internen Ermittlung äußerte sich die Organisation nicht. Das ITPO in Shanghai beantwortete Fragen dieser Zeitung nicht. Die fragliche Direktorin ist auf der Internetseite des Büros weiter als Leiterin aufgeführt.
Der Vorwurf von Nepotismus kursiert innerhalb der UNIDO seit Jahren und hat sogar bereits Einzug in Berichte des unabhängigen Oversight Advisory Committee, einer Prüfinstanz für die UNIDO, gehalten. Unter Mitarbeitern fielen bei internen Befragungen demnach Wörter wie „Vetternwirtschaft“ und „Amtsmissbrauch“. Die hauseigene Abteilung für interne Untersuchungen führte in der Sache in der Vergangenheit sogar Ermittlungen gegen Müller persönlich. Obwohl die Prüfer den Generaldirektor entlasteten, ist sein Ruf im Kreise der Mitgliedsstaaten angeknackst. Sogar innerhalb der Bundesregierung gilt Müller zunehmend als Problemfall, wie eine mit der Sache vertraute Person WELT AM SONNTAG schilderte.
UNIDO wollte Müller-Vertrauten als Berater rekrutieren
Dazu passt eine weitere Anekdote, die auf den Fluren der UNIDO für Kopfschütteln sorgt. So unterschrieb Gunther Beger, seit Jahren einer der engsten Gefolgsleute von Müller, am 15. September einen Beratungsvertrag mit der UNIDO. Beger war bis Juni dieses Jahres einer der am besten verdienenden Mitarbeiter der Organisation. Müller hatte ihn geholt. Aus Altersgründen schied er nun aus. Nur um dann – unter Umgehung der bei der UNIDO eigentlich geläufigen „Cool-off“-Periode für pensionierte Mitarbeiter – als Berater ohne Ausschreibung neu angeheuert zu werden.
In dem Vertrag, der WELT AM SONNTAG vorliegt, ist eine Vergütung von 13.250 Euro für 25 Arbeitstage über sieben Monate vorgesehen. Die UNIDO gab auf Anfrage bekannt, dass das Vertragsverhältnis am Ende nicht zustande kam. Dieses sei „nicht genehmigt worden“. Wer dem Deal einen Riegel vorschob, lässt die Organisation offen. Aus dem Umfeld der UNIDO heißt es, die diplomatische Vertretung eines Mitgliedsstaats bei den UN in Wien habe interveniert. Auch hier lägen die Nerven blank.
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