Philipp Amthor und eine Tragödie namens CDU
Das verschmitzte Lächeln ist aus seinem Gesicht gewichen. Philipp Amthor sitzt am Tag nach der Wahlniederlage seiner Partei in Sachsen-Anhalt auf dem Rücksitz eines Wagens. „Es geht für die CDU ums Ganze – und wir dürfen uns da über die AfD überhaupt keine Illusionen machen“, schildert der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit. Das Ziel der Konkurrenz sei „eine komplette Veränderung des Systems“. „Und wenn wir so dumm sind, uns da einzulassen – entgegen der Grundprinzipien der CDU –, dann ist das existenzgefährdend“, mahnt der sonst so zuversichtliche Abgeordnete eindringlich.
In der zweiten Staffel der Doku-Reihe „Inside CDU“ zeichnen die Filmemacher Steffen Haug und Denise Jacobs das Wahljahr 2026 aus Sicht der Union nach – als Tragödie. Dabei stimmt die Exposition noch so hoffnungsvoll. Auf dem Stuttgarter CDU-Parteitag im Februar wird Friedrich Merz mit 91,2 Prozent erneut zum Parteivorsitzenden gewählt.
Carsten Linnemann, damals noch CDU-Generalsekretär, rechnet sich beste Chancen für die kommende Landtagswahl in Baden-Württemberg aus. „Die Stimmung ist wirklich richtig, richtig gut. Die Buden sind voll, wie man so schön sagt“, berichtet er vom Wahlkampf seines Spitzenkandidaten Manuel Hagel. „Dann hätten wir zehn Ministerpräsidenten im Frühjahr, wenn das klappen sollte.“
„Inside CDU“ verdeutlicht, wie inszeniert und wenig glaubwürdig viele Elemente von Hagels Wahlkampf wirken. Wahlspots, in denen er sich wie zufällig mit Mitarbeitern über Heimatliebe unterhält, öffentliche Auftritte, bei denen er stets denselben Gag unterbringt, Auftritte, bei denen er vermeintliche Vertraulichkeiten ausplaudert, und Bühnenkonzepte, die der Zuschauerschaft eine private Atmosphäre suggerieren sollen. „Den Leuten soll es suggerieren, als wäre man zu Hause auf dem Sofa“, erklärt er seinem Parteikollegen Michael Kretschmer. „Ein lockerer Talk und die Leute sind irgendwie zufällig dabei.“
Endgültig ins Rutschen gerät der CDU-Wahlkampf, als ein acht Jahre alter Interview-Ausschnitt mit Hagel auftaucht, in dem er von den rehbraunen Augen einer Schülerin schwärmt, mit denen sie ihn bei einem Realschulbesuch in seinem Wahlkreis gemustert habe. „Das war zwar der Manuel Hagel von vor acht Jahren, aber es gab eben kein neues Hagel-Bild, das die CDU erfolgreich etabliert hatte“, kommentiert die Journalistin Melanie Amann von der Funke-Gruppe rückblickend. Linnemann zeigt sich zunehmend konsterniert. „Jetzt müssen wir nur noch gewinnen“, sagt er mit hängendem Kopf am Rande einer CDU‑Veranstaltung. „Die Partei braucht mal wieder ein Erfolgserlebnis.“ Doch bekanntermaßen stellt sich dieses im einstigen CDU-Stammland nicht ein.
Besser läuft es zwei Wochen später bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Gordon Schnieder wird zwar ein provinzieller Habitus nachgesagt, zugleich behauptet er sich in der „SWR Wahlarena“ kämpferisch gegen den AfD-Kandidaten Jan Bollinger, der sich in Beleidigungen gegen den CDU-Kontrahenten verliert.
In der Dokumentation fungiert die Landtagswahl als retardierendes Moment. Eine trügerische Zuversicht breitet sich aus. „Es ist noch nicht alles verloren“, sei die Botschaft für die Partei gewesen, erklärt „Stern“-Autor Veit Medick. Und auch Linnemann zeigt sich gelöst: „Jetzt gibt’s gleich noch ein Radler – und dann geht’s ins Bett.“
„Jetzt gibt’s gleich noch ein Radler – und dann geht’s ins Bett“, sagt Linnemann nach einem Interview-MarathonSpätestens mit dem Rücktritt von Jens Spahn wegen der Leihmutteraffäre vergeht Linnemann augenscheinlich die Freude. Merz installiert ihn als Bundesgesundheitsminister. „Dann hat er mir keine Wahl gelassen. Es war ein sehr faires Gespräch, er war sehr klar und hat gesagt: ‚Ich trau‘ dir das zu‘“, erinnert sich der CDU-Politiker, als habe er vor Gericht ein drakonisches Urteil entgegennehmen müssen. Amthor ist dagegen obenauf. „Natürlich ist das jetzt auch ein Karrieresprung“, sagt er hochzufrieden über seinen parallel vollzogenen Aufstieg ins Kanzleramt. „Mein Optimismus rangiert immer irgendwo zwischen acht und zehn“, heißt es an anderer Stelle.
Ungeachtet seiner Zuversicht steuert der folgende Wahlkampf in Sachsen-Anhalt auf eine Katastrophe zu. „Sven Schulze wäre in Nicht-AfD-Zeiten ein idealer Kandidat. Er ist bürgerlich, bodenständig, der Typus ehrliche Haut“, sagt Amann über den Spitzenkandidaten. Wäre da nicht dessen Gegenspieler Ulrich Siegmund, „der Albtraum jedes CDU‑Politikers“. „Inside CDU“ zeigt geradezu unheilvolle Aufnahmen.
Da blickt Schulze in seinem Dienstwagen sorgenvoll Richtung Wahltermin. Auf einer vertrockneten Wiese unterhält er sich mit zwei Frauen im gesetzten Alter. Ein Gehstock gerät in den Kamerafokus. „Das kannst du doch nicht alles immer negativ reden – wir müssen auch mal positiv sein. Das ist das, wie ich arbeite“, erklärt er ihnen. Mit hartem Schnitt wechselt die Dokumentation von der trostlosen Szenerie zu AfD-Spitzenkandidat Siegmund, der auf den Marktplätzen zu Technomusik Autogramme gibt und beste Laune versprüht.
Sven und Kati Schulze bei der Auswahl der Motive seiner WahlkampfplakateOb die Brandmauer zur AfD weiterhin hält? „Viele in der CDU sitzen immer noch dem Irrtum auf: Die AfD ist im Grunde eine Variante von uns – und das ist nicht wahr“, kommentiert „Zeit“-Journalistin Mariam Lau. Vielmehr sei sie ein „Todesgegner“. „Die meinen es echt ernst mit der Vernichtung der CDU.“ Im ergänzenden Film „Machtbeben: CDU im Abstiegskampf“ mahnt auch Hauptakteur Amthor abermals vehement vor einer Zusammenarbeit.
„Wenn ich dann immer höre, man solle mal mit der AfD den Austausch suchen, dann frage ich mich: Wer ist denn da eigentlich gemeint? Ist das die Elon-Musk-AfD von Alice Weidel? Ist es die Pro-Putin-AfD von Chrupalla? Ist es die völkische AfD von Höcke?“, fragt er. „Die AfD, die will das Gegenteil unserer liberalen, wertebasierten Demokratie. Sie will eine autoritär-populistische Wende.“
Und die CDU? Sie schlingert unterdessen orientierungslos von einer Niederlage zur nächsten.
Die zweite Staffel von „Inside CDU“ und die Dokumentation „Machtbeben: CDU im Abstiegskampf“ sind in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke