Carsten Breuer mahnt. Aus Sicht des Generalinspekteurs der Bundeswehr reiche es nicht aus, sich im Konfliktfall auf die Rüstungsindustrie und die militärischen Akteure zu verlassen. „Wie sollten wir hybriden Bedrohungen begegnen, wenn nicht als gesamte Gesellschaft?“, fragte er rhetorisch bei einer Veranstaltung der International Institute for Strategic Studies (IISS), einer britischen Denkfabrik für Militärpolitik und internationale Beziehungen, in dieser Woche in Prag. „Wie sollten wir die notwendige Resilienz fördern, wenn nicht alle gemeinsam? Wir sitzen alle im selben Boot.“

„Kriege werden nicht mit Spekulationen gewonnen. Kriege werden von Soldaten gewonnen“, eröffnete der General seine Rede. Ein Zitat, das passend zu seiner Einbeziehung der Bevölkerung weder von den preußischen Militärstrategen Carl von Clausewitz oder Helmuth von Moltke noch vom chinesischen Philosophen Sun Tzu stammte, sondern der Comicverfilmung „Captain America: The First Avenger“ entnommen war.

Technologische Entwicklungen seien im Verlauf der Geschichte nur langsam erfolgt, führte Breuer bei seinem Vortrag aus. „Eine einzelne neue Entwicklung hat unsere Strategie nie grundlegend erschüttert. Unsere Ausrüstung, Doktrin, Organisationsstrukturen und strategischen Konzepte konnten sich im Zuge dieser Veränderungen weiterentwickeln – das funktioniert heute nicht mehr.“ Der dynamische technologische Fortschritt sei zur Normalität geworden, was das Militärwesen dazu zwinge, sein strategisches Denken zu ändern.

„Eine Strategie ist kein langlebiges Konstrukt mehr. Sie reicht oft nicht einmal für Monate aus, geschweige denn für Jahre“, schilderte der Generalinspekteur. „Meiner Ansicht nach ist eine Strategie bereits veraltet, sobald sie unterzeichnet wird. Man könnte sie als ‚lebendiges Dokument‘ bezeichnen. Ich würde zudem sagen: Es ist ein Dokument, das ständig im Sterben liegt.“ So übersteige „unsere heutige operative Vorstellungskraft“, wie die künftigen Konflikte aussehen könnten. „Wenn es also hart auf hart kommt, können wir unsere aktuellen Konzepte, die auf der heutigen Logik des Friedens beruhen, nicht mehr anwenden.“

Neue Technologien eröffneten zwar neue Wege, um Ziele zu erreichen oder Entscheidungszyklen zu verkürzen, doch gelte es, zu vermeiden, sie zur Strategie werden zu lassen. „Die bloße Bewunderung von Technologie erzeugt die Illusion strategischen Fortschritts. Es ist nur eine Illusion“, warnte er. Russland beobachte etwa den Fortschritt in der Ukraine, ahme nach und passe sich an. „Sie entwickeln Innovationen, die gezielt gegen unsere Stärken gerichtet sind oder diese umgehen. Sie entwickeln Methoden, um unsere Vorteile weniger relevant zu machen. Das bedeutet, dass technologische Überlegenheit nicht von Dauer ist. Der heutige Spitzenreiter kann morgen ins Hintertreffen geraten.“

Er betonte: „Wir müssen weit über die Ukraine hinausblicken.“

„Wenn wir zu langsam sind, bleiben wir in der Beobachtungs-, Orientierungs- oder Entscheidungsphase stecken, bevor wir zum Handeln gelangen“, mahnte Breuer. Konzepte, Fähigkeiten und Strategien gelte es deshalb, laufend und kurzfristig anzupassen. „Aber es wird nicht ausreichen, wenn das Militär dies allein tut, ohne andere Akteure einzubeziehen.“

Es benötige vielmehr „eine Kraftanstrengung unserer gesamten Gesellschaft“, unterstrich der General. Dann richtete er sich an das Publikum, Militärs, Sicherheitsexperten, Vertreter der Rüstungsindustrie und Wissenschaftler: „Ohne Sie sind wir als Soldaten zum Scheitern verurteilt. Doch Scheitern ist keine Option. Denn ein Scheitern würde bedeuten, dass unsere Gesellschaften – so wie wir sie kennen und schätzen – tödlich bedroht wären.“

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