„Das hilft uns Palästinensern nicht weiter. Ich verachte diese Leute“
Im Jahr 2005 verließ Ahmed Fouad Alkhatib seine Heimat Gaza und ging als Austauschschüler in die USA. Als er ein Jahr später zurückkehren wollte, waren die Grenzen geschlossen, weil die Hamas einen israelischen Soldaten entführt hatte. Bei israelischen Bombenangriffen auf Gaza kamen 31 seiner Familienangehörigen ums Leben. Heute ist Alkhatib Senior Fellow beim Atlantic Council, wo er das Projekt „Realign For Palestine“ leitet. Kürzlich veröffentlichte er das Buch „Hamas und ihre zwei Millionen Geiseln“. WELT: Sie haben vor einem Jahr ihre Heimat Gaza wieder gesehen. Von Bord eines Flugzeuges, das Hilfsgüter abgeworfen hat. Was haben Sie dabei empfunden?
Ahmed Fouad Alkhatib: Es war schwer, die Verwüstung, das Leid, den schieren Fußabdruck des Krieges zu sehen. Aber es war eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Gazas Luftraum geöffnet werden kann, wenn Israels Sicherheitsinteressen berücksichtigt werden. Unser Konvoi bestand aus Flugzeugen aus Deutschland, den Emiraten, Indonesien und Jordanien. Das macht deutlich, welches Potenzial pragmatische Ansätze für Hilfe und Wiederaufbau haben.
Ahmed Fouad Alkhatib, Senior Fellow beim Atlantic Council und Leiter von „Realign For Palestine“WELT: Was hören Sie derzeit von Ihren Kontakten in Gaza?
Alkhatib: Seit dem weitgehenden Waffenstillstand von Oktober 2025 hat sich zwar manches verbessert. Die schweren Bombardierungen haben größtenteils aufgehört. Es gibt einen Zustrom von Hilfsgütern und kommerziell gehandelten Waren, die von einem kleinen Kreis einflussreicher Händler verkauft werden. Das ermöglicht der Hamas aber auch, Steuern zu erheben und Ressourcen anzuhäufen, um ihren Apparat zur Unterdrückung und Herrschaft zu festigen. 70 Prozent der Bevölkerung im Gaza-Streifen leben in Zelten oder Behelfsunterkünften. Witterung, Ratten, fehlende sanitäre Anlagen, kein Abwasser, kaum Privatsphäre. Unter den Menschen, die unter diesen Bedingungen eingesperrt sind, häufen sich zudem Aggressionen und häusliche Gewalt. Auf einen Weg zur Erholung wurde Gaza nicht gebracht.
WELT: Die Situation ist festgefahren: Israel lehnt einen Abzug ab, die Hamas weigert sich, die Waffen abzugeben.
Alkhatib: Mein schlimmster Albtraum ist ein anhaltender Stillstand, der aus Gaza das nächste Mogadischu oder Somalia macht. Allerdings könnte die Hamas selbst Schritte zur Entwaffnung unternehmen, ohne auf Israel zu warten. Nur ein Narr glaubt, dass Israel nach dem hohen diplomatischen Preis, den gefallenen Soldaten und den wirtschaftlichen Kosten des Krieges seine Kontrolle über Gaza leichtfertig aufgibt – ohne belastbare Sicherheiten, dass die Hamas ihr Arsenal und Tunnelsystem nicht wieder aufbaut. Ja, Israels Regierung positioniert sich mit Blick auf die Wahlen unnachgiebig für das heimische Publikum. Aber nach 20 Jahren Hamas-Herrschaft und mehreren großen Kriegen ist ein Teil dieser Haltung nachvollziehbar.
WELT: Was muss passieren?
Alkhatib: Ich sehe auch einen klaren Weg nach vorn. Es braucht einen parallelen Pfad, der eine Alternative stärkt, die Gaza sichern und vorübergehend verwalten könnte. Eine Kommission aus Technokraten, palästinensischen Sicherheitskräften und internationalen Stabilisierungstruppen. Das Vakuum in Gaza muss gefüllt werden.
WELT: Sie sagen, dass nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober und dem Beginn des Krieges in Gaza eine historische Chance für die Palästinenser vergeben wurde. Von wem, und was wurde versäumt?
Alkhatib: Es gab weltweit eine so große Aufmerksamkeit für die palästinensische Sache, wie sie nur einmal pro Generation entsteht. Die Chance wäre gewesen, eine überzeugende palästinensische politische Szene aufzubauen, etwas Konkretes anzubieten. In Zusammenarbeit mit Israel, wo sie nötig ist, aber auch für Trennung zwischen den Völkern, wo sie sinnvoll ist. Statt für eine Zwei-Staaten-Lösung einzutreten gegen die gewaltsame Expansion der jüdischen Siedler wurde ganz Israel als besetztes Land bezeichnet und Terror zum Widerstand verklärt. Es gibt zwei Hauptschuldige an der Verschwendung dieses Potenzials. Erstens die kriminelle Hamas selbst, weil sie die Geiseln nicht freigab, sich hinter Zivilisten versteckt, Hilfsgüter raubt. Zweitens der globale und industrielle Komplex der Pro-Palästina-Aktivisten.
WELT: Sie werden für Kritik an der Hamas aus pro-palästinensischen Kreisen bedroht, sogar körperlich, obwohl Sie ebenso Israels Vorgehen kritisieren.
Alkhatib: Ein Großteil der pro-palästinensischen Aktivisten ist verantwortlich für die Vertiefung der Spaltungen. Sie waren berauscht von ihrem Einfluss – und haben ihn vollkommen vergeudet. Die Zeltlager, die Demonstrationen, der Online-Aktivismus: Das war peinlich, kontraproduktiv und nicht wirksam. Mir ist egal, ob sie meinten, sich für eine gute Sache einzusetzen. Das hilft uns nicht weiter. Ich verachte diese Leute.
WELT: Was hätte aus Ihrer Sicht geholfen?
Alkhatib: Eine klare Abgrenzung der palästinensischen Bevölkerung von der Hamas und eine eindeutige Verurteilung des 7. Oktober als abscheuliche, katastrophale Tat. Stattdessen waren Rechtfertigungen zu hören. Der gesamte Diskurs drehte sich um die Delegitimierung Israels. Sie haben die palästinensische Sache radioaktiv gemacht.
WELT: Israel steht international in der Kritik wie noch nie. In den USA, dem wichtigsten Bündnispartner, hat die Unterstützung in der Bevölkerung stark abgenommen. Hilft das nicht?
Alkhatib: Israel mag bei vielen jungen Menschen unbeliebt sein, aber die Fakten vor Ort sehen anders aus. Israel ist mächtiger, wirtschaftlich stärker und überlegener als je zuvor. Selbst wenn Washington seine Militärhilfe in Höhe von jährlich 3,8 Milliarden Dollar streichen würde – Israel produziert längst viele seiner Waffen in seinem eigenen, wachsenden Rüstungskomplex und kauft viele Waffen mit eigenem Geld, darunter aus Deutschland und den USA. Ich möchte die Bedeutung der amerikanischen Rolle nicht kleinreden. Aber man muss anerkennen: Israel existiert und bleibt, es hat ein Recht auf Sicherheit. Erst dann kann man sagen: Die Palästinenser haben ebenfalls das Recht auf Sicherheit; sie haben das Recht, nicht von einer aggressiven Militärbesatzung oder von Siedlern im Westjordanland terrorisiert zu werden.
WELT: Im Jahr 1999 sind Sie mit Ihrer Familie aus Saudi-Arabien nach Gaza geflogen, dort gab es damals einen internationalen Flughafen. Sie hatten frisch gedruckte Pässe der Palästinensischen Autonomiebehörde. Warum schienen zwei Staaten damals so nah – und heute so fern?
Alkhatib: Ein Teil des Problems war Jassir Arafats Entscheidung, im Jahr 2000 die Zweite Intifada auszulösen. Aber ob es sich um die nationalistische Führung oder um Hamas handelte: Es wurden konsequent Fehler gemacht. Ein wesentlicher Teil davon ist die Unwilligkeit, das Problem auf der Ebene der Narrative anzugehen. Der Erzählung, was Palästina sein soll. Bisher ist das alles ungeheuer destruktiv. Nehmen wir das vermeintliche Rückkehrrecht: Die Millionen von Nachkommen palästinensischer Flüchtlinge werden niemals auf das heutige Staatsgebiet Israel zurückkehren. Im Privatgespräch sagen einem dann auch 90 Prozent der Palästinenser in Gaza, dass sie selbst nicht wirklich daran glauben. Aber öffentlich ist es für Palästinenser nicht zulässig, das infragezustellen.
WELT: Allerdings gibt es in Israel so gut wie keine einflussreichen Politiker mehr, die eine Zwei-Staaten-Lösung befürworten.
Alkhatib: Es herrscht kein Mangel an berechtigter Kritik an den Faschisten in Israels Regierung wie den Ministern Ben-Gvir und Smotrich, der Kriegsführung, der Besatzung. Ich kann dazu nichts Neues beitragen und bin es auch leid, mich immer zu beiden Seiten äußern zu müssen. Ich konzentriere mich auf die palästinensische Sache. Wir müssen Selbstkritik üben. Warum gibt es diese nie endende Widerstandskultur? Dazu sind Palästinenser in viele Gruppen zersplittert, auch innerhalb von Gaza und dem Westjordanland, weltweit auf viele Länder verteilt. Es muss einen internationalen Kongress geben, so wie vor Israels Staatsgründung unter Theodor Herzl, um Ziele festzulegen. Ich nenne es „Palästina 2048“. Was wollen wir sein, wenn Israel 100 Jahre alt wird?
WELT: Sind die für Herbst angekündigten Wahlen in den Palästinensischen Gebieten eine Chance?
Alkhatib: Ich glaube nicht, dass wir bereit sind für Wahlen, davon würden die falschen Kräfte profitieren. Länder in Europa sind viel zu fokussiert darauf, Geld für die Palästinensische Autonomiebehörde zu geben oder für das Hilfswerk UNRWA. Aber wirklich unterstützen könnte die internationale Gemeinschaft woanders: Es muss eine neue politische Kultur aufgebaut und mit Leben erfüllt werden. Das wäre sinnvoll. Aktivisten, die Kufiya tragen, signalisieren in 99 Prozent der Fälle nur künstliche, hohle Solidarität. Als Palästinenser möchte ich nicht, dass andere in meinem Namen sprechen.
WELT: Was würde den Menschen in Gaza denn konkret helfen, um sich von der Herrschaft der Hamas zu befreien?
Alkhatib: Die verbreitete Erzählung, die Hamas erfahre als Widerstandsbewegung weiter Unterstützung, muss widerlegt werden. Dann würde ich Menschen dabei unterstützen, Gaza zu verlassen. In jedem Krieg fliehen Millionen. Aber in Gaza werden sie eingesperrt mit der Behauptung, das sei sonst ethnische Säuberung. Dabei will etwa die Hälfte der Bevölkerung weg. Die Schaffung einer neuen intellektuellen, unternehmerischen und politischen Klasse jenseits von Palästinensischer Autonomiebehörde, Fatah und Hamas setzt aber voraus, dass Menschen reisen, studieren, arbeiten, mit Juden und Israelis und allen möglichen anderen in Berührung kommen. Ihre Überweisungen werden ein Teil des Wiederaufbaus sein – so wie über zehn Millionen Ägypter im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken, und wie Lateinamerikaner in den USA Milliarden in ihre Heimatländer überweisen. 70 Prozent der Bevölkerung im Gaza-Streifen haben ihre Heimat nie verlassen. Wer sein ganzes Leben dort verbringt, ist weniger frei in seinen Überzeugungen.
WELT: Würde Israel sie überhaupt zurück nach Gaza lassen?
Alkhatib: Wir wollen die Hamas loswerden – aber Israel hat kein Recht, zu bestimmen, wer in Gaza sein darf. Jedenfalls solange Sicherheitsbedürfnisse erfüllt sind, keine iranischen Generäle einreisen, Waffen geschmuggelt oder Tunnel gegraben werden. Die Bewegungsfreiheit von Palästinensern geht Israel nichts an. Dafür hat es keine Legitimität, keine Zuständigkeit, kein Mandat. Das kann in einer Reihe von Vereinbarungen verankert werden – damit Faschisten wie Ben-Gvir und Smotrich nicht ihren Willen durchsetzen.
Philip Volkmann-Schluck, Leitender Redakteur im Ressort Außenpolitik, berichtet für WELT über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf den Nahen Osten, China und Südosteuropa.
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