„Sie wollen eine dritte Intifada provozieren“
Die israelischen Siedler kommen immer bei Sonnenuntergang. Ihr Näherrücken versetzt die Bewohner der abgelegenen Gehöfte in leise Panik. Die Siedler kommen auf lärmenden Geländefahrzeugen, zu Fuß, manchmal zu Pferd. Sie werfen Steine, zerschlagen Fenster, legen Feuer. Mitunter landen Bewohner nach brutalen Prügeln im Krankenhaus.
Der britische „Telegraph“, wie WELT Mitglied des Axel Springer Global Reporters Networks, hat sich auf Spurensuche gemacht. In Taybeh, der letzten rein christlichen Ortschaft im Westjordanland, wurde er vergangene Woche Zeuge eines Angriffs, bei dem eine ortsansässige Beduinenfamilie mehr als eine Stunde lang in ihrem Anwesen festsaß.
Der Ort in der Nähe Ramallahs ist nach monatelangen Übergriffen von der israelischen Armee (IDF) zur „geschlossenen Militärzone“ erklärt worden. Der „Telegraph“ hatte zuvor berichtet, wie Siedler mit Laubbläsern die Flammen ihrer Brandsätze anfachten, um die christlichen Einwohner einzuschüchtern. Trotz dieser Anordnung reißen die Angriffe nicht ab, und der Ort wird zunehmend von illegalen Außenposten israelischer Siedler umringt.
Der Klang eines heranrückenden Siedlerangriffs ist immer derselbe – ein Getümmel aus bellenden Hunden und Müttern, die ihre Kinder knapp ins Haus scheuchen, während die Männer „wein, wein“ rufen (arabisch für „wo, wo?“) und versuchen, die Eindringlinge zwischen den Olivenbäumen auszumachen. Es ist der Klang der Angst.
„Vergangene Woche hatten wir noch einen schwächeren Zaun, da sind sie durchgekommen“, sagt Naif al-Kaabneh und deutet auf die frisch verlegten Rollen Stacheldraht, die sein kleines Anwesen bei Taybeh umgeben. „Jetzt werden wir sehen.“ Während die Siedler versuchen, die neue Sperre zu durchbrechen, murmelt der 54-Jährige: „Es gibt keine Gerechtigkeit. Gäbe es sie, müssten wir das hier nicht durchleben.“
Jedes Anwesen muss durch Zäune gesichert werdenAm Ende hält der Zaun stand, und – vielleicht wegen der Anwesenheit von Journalisten – begnügen sich die vermummten Eindringlinge mit Steinwürfen. „Es ist dieser ständige Druck, sie kommen dreimal am Tag“, sagt der Vater. „Nachts schlafen wir nicht. Immer hält jemand Wache.“ Angriffe wie diese sind im gesamten Westjordanland allgegenwärtig.
Wenige Tage vor dem Besuch in Taybeh war der „Telegraph“ in einen weiteren Angriff am Abend geraten – im Dorf Qusra –, den die Bewohner auf wundersame Weise abwehrten. Im vergangenen Jahr hatten vermummte Siedler dort einen Palästinenser erschossen und dessen Bruder mit einem Messerstich ins Bein gelähmt zurückgelassen.
Die Siedlergewalt in Taybeh und Qusra hält an, obwohl die IDF beide Orte zu geschlossenen Militärzonen erklärt hat, angeblich zum Schutz der Palästinenser. Doch die Bewohner sagen, in Wahrheit dienten diese Anordnungen dazu, der Welt den Eindruck zu vermitteln, Israel greife durch – und zugleich internationale Beobachter und Medien fernzuhalten. Mit anderen Worten: um die Siedler zu schützen. Videoaufnahmen, die dem „Telegraph“ vorliegen, scheinen das zu bestätigen: Darauf sagen israelische Soldaten vor der Kamera, sie hätten nicht die Absicht, die Siedler zu vertreiben.
Arik Ascherman, ein israelischer Rabbiner und Leiter der Menschenrechtsorganisation Torat Tzedek-TorahArik Ascherman, ein israelischer Rabbiner und Leiter der Menschenrechtsorganisation Torat Tzedek-Torah, stand vor dem Angriff auf dem Hügel oberhalb des Hauses von al-Kaabneh. „Neu ist jetzt – und das habe ich in 31 Jahren dieser Arbeit noch nie erlebt –, dass der Staat nicht nur die Siedler stützt, sondern die Siedlergewalt, um ihnen bei der Landnahme zu helfen“, sagt er.
„Sie wissen, dass der wirksamste Weg, Palästinenser zu vertreiben, über neue sogenannte Hirten-Außenposten führt, von denen jeder das umliegende Land beherrscht.“
Der Ort, in dem Jesus der Überlieferung nach der Auferweckung des Lazarus verweilte, wurde im vergangenen Jahr wiederholt Ziel von Brandanschlägen, darunter ein Versuch, die byzantinische Kirche in Brand zu setzen. Das jährliche Bierfest der Brauerei von Taybeh wird in diesem Oktober nicht stattfinden – aus Furcht vor Siedlerangriffen.
Madees Khouri, 40, ist die Tochter des Mitbegründers der Brauerei von Taybeh„Sie fahren bis mitten ins Dorf, um uns einzuschüchtern“, sagt Madees Khouri, 40, Tochter des Mitbegründers der Brauerei. „Jeden Monat fragen wir uns: Ist das jetzt das Schlimmste, was passieren kann? Und dann wird es schlimmer. Die Siedler bekommen von der Regierung grünes Licht, zu tun, was sie wollen. Die geschlossene Militärzone schützt uns nicht.“
Seit 2022 hat der extreme Flügel der Siedlerbewegung Freunde an der Spitze der israelischen Regierung. Bezalel Smotrich, Israels Finanzminister, der zugleich einen Posten im Verteidigungsministerium innehat, und Itamar Ben-Gvir, der Minister für nationale Sicherheit, sprechen seit Langem von ihrem Traum, Araber aus dem Westjordanland und aus Gaza zu vertreiben.
Jüngste Zahlen deuten darauf hin, dass sie diesem Ziel ein Stück näher gekommen sind. Die Vereinten Nationen erklärten Anfang dieses Jahres, seit 2023 seien 38 palästinensische Gemeinden vollständig entvölkert worden. Zwischen Januar und Juni dieses Jahres wurden 2200 Palästinenser nach Angriffen vertrieben, die 230 verschiedene Gemeinden trafen; Hunderte weitere suchen wegen behördlich genehmigter Abrisse ein Dach über dem Kopf.
Da die Umfragen für Benjamin Netanjahus rechte Koalition vor der Wahl am 27. Oktober schlecht aussehen, haben viele im Westjordanland den Eindruck, die gewaltbereiten Siedler wollten so viel Boden wie möglich an sich reißen. Denn im Herbst könnten sie womöglich ihre Rückendeckung an der Regierungsspitze verlieren.
„Seit dem 7. Oktober [2023] ist es wirklich schlimm, aber jetzt vor der Wahl legen sie noch einmal zu“, sagt Naif al-Kaabneh. So wie sich das Tempo der Angriffe in den vergangenen vier Jahren erhöht hat, so hat sich auch die Reaktion des israelischen Staates verändert. Deshalb hat das, was inzwischen als „Belagerung von Qusra“ bekannt ist, den Sumpf täglicher Meldungen über Gewalt im Westjordanland durchbrochen und internationale Aufmerksamkeit erregt.
Am 9. August schnitt eine große Gruppe von Siedlern eine Handvoll palästinensischer Häuser vom Rest des Dorfes ab, blockierte die Straße, kappte Strom- und Wasserversorgung und errichtete in der Nähe illegale Bauten. Rund 15 Bewohner saßen in ihren Häusern fest, darunter Kinder. Die Armee rückte an, um Qusra wurde eine geschlossene Militärzone verhängt.
Junge Palästinenser sammeln sich auf der Straße, um ihr Dorf gegen die Siedler zu verteidigenDoch beim ersten Versuch, einige der illegalen Bauten zu räumen, tauchten über hundert Siedler auf und wälzten Felsbrocken auf die Straße, sodass die Soldaten das Feld räumten. Ein Teil der illegalen Außenposten wurde seither entfernt. Doch obwohl die IDF ihre Kräfte um ein frisches Bataillon verstärkt hat, ist es ihr bislang nicht gelungen, alle Siedler zum Abzug zu bewegen.
Sehr wohl aber evakuiert sie mehrere palästinensische Familien aus ihren Häusern und berief sich dabei auf die geschlossene Militärzone. Einige durften zurückkehren – nur um festzustellen, dass ihre Häuser ausgeraubt und verwüstet worden waren.
Vergangene Woche wurde dem „Telegraph“, wie anderen Journalisten auch, der Zugang zu den belagerten Palästinensern in Qusra verwehrt. Während ein IDF-Offizier umständlich den Wortlaut der Anordnung von seinem Handy ablas – eine Verfügung zur Entfernung von Gesetzesbrechern –, waren die Siedler weniger als 200 Meter über ihm auf dem Hügel zu sehen, wo sie umherstreiften. Die Soldaten wirkten nervös in der Nähe der Siedler. Als sie sahen, wie sich einer der SUVs der Siedler innerhalb der Absperrung der Straßensperre näherte, schoben sie die Reporter aufgebracht die Straße zurück.
Israelische Siedler blockieren die StraßeIn den fast drei Jahren seit dem 7. Oktober hat Netanjahu die militärische Schlagkraft der IDF gegen die Hamas, die Hisbollah und den Iran wieder und wieder gerühmt. Doch die Soldaten schienen nicht in der Lage, ein paar Dutzend Zivilisten zu vertreiben, von denen die meisten unbewaffnet waren. Zahlreiche Videos und Bilder, die seither aufgetaucht sind, zeigen IDF-Soldaten und Siedler, wie sie am Hang zusammenstehen und in einigen Fällen gemeinsam beten.
„Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es kein Gesetz mehr im Staat Israel“, sagt ein Vater, der sich Marma nennt und weiter oben am Hang von Qusra lebt. „Wir hielten Israel immer für einen Rechtsstaat.“
Abdul Azim al-Wadi ist der Bürgermeister von QusraAbdul Azim al-Wadi, der Bürgermeister von Qusra, sagt: „Früher redeten wir über gute jaesh [Armee] und schlechte jaesh. Das änderte sich von Tag zu Tag. Heute ist es schlechte jaesh.“ Die Belagerung bekam eine internationale Dimension, als bekannt wurde, dass Louai Abo Ridi, der Besitzer eines der belagerten Häuser, wie viele Palästinenser im Westjordanland auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt.
Mike Huckabee, der US-Botschafter in Israel und ein entschiedener Fürsprecher des Siedlungsprojekts, bezeichnete die Belagerung als „grauenhaften Akt des Terrors“. Er betonte, er hätte auch dann Besorgnis geäußert, wenn keine Amerikaner betroffen gewesen wären, und legte anschließend nach: Die beteiligten Siedler seien „israelische Terroristen“.
Später jedoch unterschied er zwischen „settlers“ und „unsettlers“ – „Siedlern“ und „Ent-Siedlern“, wie es sich im Deutschen wiedergeben lässt: auf der einen Seite die gewöhnlichen jüdischen Bewohner des Westjordanlands, auf der anderen radikale Extremisten, die er als „sehr kleine Minderheit“ abtat.
Sein Befund deckt sich mit einem beliebten Argument der israelischen Mitte-Rechten: Die Gewalt im Westjordanland gehe im Wesentlichen auf höchstens 200 radikalisierte Jugendliche zurück. Palästinenser und einige Beobachter bezweifeln das und weisen darauf hin, dass eine so kleine Gruppe unmöglich die Breite und Frequenz der Angriffe im gesamten besetzten Gebiet bewältigen könnte.
Während des Gesprächs mit Marma an seinem Haus bei Qusra beginnt später am Tag ein Angriff. Ein Geländefahrzeug holpert über das felsige Gelände, und wie aus dem Nichts erscheinen Dutzende Siedler auf der Hügelkuppe, einige vermummt. Im vergangenen Jahr erschossen Siedler Marmas Neffen; sein Bruder blieb behindert zurück, nachdem er vier Messerstiche ins Bein erhalten hatte.
Diesmal traten einige junge Männer aus dem Dorf hervor und begannen, Steine auf die Siedler zu werfen, bis diese schließlich abzogen. Ein riskantes Manöver, denn palästinensische Steinewerfer gelten oft als Terroristen und riskieren, auf der Stelle erschossen zu werden. Am späten Abend rückte eine IDF-Patrouille in das Gehöft ein und verlangte, die Identität der Männer zu erfahren, die es mit den Siedlern aufgenommen hatten.
„Sie sind keine Menschen“, sagt Marma über die Siedler. „Sie können nur töten, zerstören, verbrennen. Sie kommen vermummt, mit Messern und Stöcken.“ Kurz nach Beginn der Belagerung in Qusra bezeichnete ein IDF-Sprecher die Siedlerangriffe als „rechtswidrige, verwerfliche und inakzeptable Handlungen“. Die IDF erklärt, sie habe illegale Außenposten geräumt.
Zu den Aufnahmen, auf denen Soldaten mit Siedlern reden und beten, teilte die Armee mit: „Die Sicherheitskräfte werden weiterhin entschlossen und verantwortungsvoll handeln, um die Lage vor Ort zu verbessern, Recht und Ordnung durchzusetzen und eine Wiederholung solcher Vorfälle zu verhindern.“
Großbritannien hat bereits Sanktionen gegen mehrere Personen verhängt, die mit der Gewalt im Westjordanland in Verbindung stehen, darunter Smotrich und Ben-Gvir. Auch in Deutschland fordern prominente politische Stimmen, die beiden Minister zu sanktionieren. Die EU hat zudem bereits Sanktionen gegen einzelne radikale Siedler und Organisationen verhängt.
Wird Netanjahu abgewählt?
Eine Verschärfung der Sanktionen ist vor der Parlamentswahl in Israel eher nicht zu erwarten. Umfragen zufolge hat Gadi Eisenkot, ein früherer Generalstabschef der IDF, der als Figur der Mitte gilt, die besten Aussichten, Netanjahu zu besiegen. Doch die Ereignisse in Qusra zeigen, wie schwer es Israels Militär fallen würde, die Siedlergewalt zu beenden, selbst wenn es dazu die politische Marschroute erhielte.
Vergangene Woche stellte sich eine kleine Zahl palästinensischer beziehungsweise arabischer Zivilisten der IDF entgegen und zwang die Soldaten zur Wahl: hart gegen sie vorzugehen, womöglich unter Vergießen israelischen Blutes – oder nachzugeben. Die Soldaten wichen zurück. Es gibt Anzeichen dafür, dass die geschlossenen Militärzonen auf Dauer nicht zu halten sind.
Die Gewalt geht mit einer wirtschaftlichen Erdrosselung einher, nicht zuletzt wegen der flächendeckenden Straßensperren, die seit dem 7. Oktober eingerichtet wurden. Wenn einer ihrer Bierlaster die kurze Strecke nach Ramallah und zurück binnen eines Tages schaffe, sagt Khouri, sei das inzwischen ein Sieg. Früher habe ein einziger Lastwagen an einem Tag zahlreiche Städte und Dörfer beliefern können.
Pater Jack-Nobel AbedPater Jack-Nobel Abed von der griechisch-melkitischen katholischen Kirche in Taybeh fürchtet unterdessen eine „dritte Intifada“, sollte die Gewalt anhalten. Unermüdlich mahne er die jungen Männer seiner Gemeinde, vorsichtig zu sein und nicht zurückzuschlagen. „Wir wollen keine Märtyrer in diesem Dorf“, sagt er. „In den umliegenden Dörfern haben sie jeweils fünf oder sechs Märtyrer, hier nicht.“
Und weiter: „Sie wollen eine dritte Intifada provozieren. Aber ich sage den Leuten, sie sollen Geduld haben. Wir warten, ob es ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Und wenn es das gibt – nun, dann wird es vielleicht explodieren. In Frieden oder Krieg.“
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „The Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Eckhard Balfanz und Caroline Turzer.
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