Grünen-Fraktionschefin tritt nach neuen Vorwürfen in Belästigungsaffäre zurück
Als die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern endlich glaubten, ihre Belästigungsaffäre um einen ehemaligen Fraktionsmitarbeiter hinter sich gelassen zu haben, kehrt das Thema mit voller Wucht zurück. Nur wenige Wochen vor der Landtagswahl hat nun die Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Constanze Oehlrich, ihren Rücktritt erklärt.
Vorausgegangen war ein WELT-Bericht über ein bislang intern gehaltenes Schreiben zweier Fachberatungsstellen aus Mecklenburg-Vorpommern, in dem der Umgang der Partei mit den Vorwürfen eines ehemaligen Mitarbeiters scharf kritisiert wird. Dieser hatte unter anderem in einer eidesstattlichen Versicherung erklärt, von seiner Vorgesetzten verbal sexuell belästigt worden zu sein und immer wieder trotz Zurückweisung unerwünschte Liebesbekundungen erhalten zu haben.
In einer persönlichen Erklärung teilte Oehlrich nun mit, die erneute öffentliche Berichterstattung über ihre Person treffe sie „sehr“. Die gegen sie erhobenen Vorwürfe seien bereits in einem unabhängigen Verfahren geprüft und als unbegründet zurückgewiesen worden. Ein wiederholtes öffentliches Vorbringen bereits entkräfteter Vorwürfe schaffe „keinen neuen Sachstand“, führe aber zu einer anhaltenden persönlichen Belastung. Deshalb habe sie entschieden, den Fraktionsvorsitz niederzulegen. Sie tue dies, um ihre Fraktion, ihre Familie und sich selbst vor weiteren Verletzungen zu schützen. Zugleich betonte Oehlrich, sie halte an ihrer bisherigen Darstellung fest. Der Rücktritt sei ausdrücklich „keine Bestätigung der gegen mich erhobenen Vorwürfe“.
WELT hatte zuvor berichtet, dass in Kreisen der Grünen-Bundespartei der Unmut darüber groß sei, wie die Grünen-Fraktion in Schwerin mit den Vorwürfen umgegangen war. So wurde unter anderem der ehemalige Fraktionsvize Hannes Damm, der sich für den Betroffenen eingesetzt haben soll, aus der Fraktion ausgeschlossen. Dem Mitarbeiter, der die Vorwürfe erhoben hatte, wurde gekündigt.
Neue Brisanz erhielt der Fall durch ein vierseitiges Schreiben zweier Fachberatungsstellen aus Mecklenburg-Vorpommern vom 29. Juli, die sich seit Sommer 2025 mit dem Fall beschäftigen und auch schriftliche Unterlagen ausgewertet haben wollen. Sie erklären darin, der frühere Mitarbeiter habe sich mit unerwünschten Liebes- und Gefühlsbekundungen sowie verbaler sexueller Belästigung durch seine damalige Vorgesetzte konfrontiert gesehen. Aus Sicht der Experten lag aufgrund der Konstellation von Vorgesetzter und unterstelltem Mitarbeiter ein Machtungleichgewicht vor. Die belastende Situation sei durch nicht unterlassene Liebes- und Gefühlsbekundungen sowie psychischen Druck verstärkt worden und habe zu „Einschüchterung, Verletzung und Entwürdigung“ des Betroffenen geführt.
Auszug aus dem Schreiben der FachberatungsstellenAls Beispiel führen die Beratungsstellen unter anderem eine angebliche Äußerung Oehlrichs an, die ihren Mitarbeiter aufgefordert haben soll, Kleidung zu tragen, die „am Hintern enger sitzt“. Die bewerten die Stellen als grenzüberschreitend. Zudem werfen sie Fraktion und Partei vor, den eigenen Kodex zum Umgang mit Grenzverletzungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht ausreichend beachtet zu haben. Das Beschwerdemanagement sei mangelhaft gewesen, dem Betroffenen sei nicht auf Augenhöhe begegnet worden und seinem Schutz sei zu wenig Bedeutung beigemessen worden. Die Beratungsstellen fordern deshalb eine unabhängige Aufarbeitung des Falls, strukturelle Änderungen sowie die Anerkennung des Fehlverhaltens der Vorgesetzten.
Für Oehlrich hatte die Affäre bereits vor dem Rücktritt politische Folgen. Ende September 2025 war sie zunächst auf Platz eins der Landesliste für die Landtagswahl gewählt worden. Im Zuge der parteiinternen Auseinandersetzungen wurde die Liste neu gewählt, auf der Oehlrich nicht mehr vertreten war. Sie blieb aber Fraktionsvorsitzende.
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