Auch Europas Leitartikler kommentieren den Ansturm Zehntausender Migranten aus Marokko auf die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. Die Kommentare bilden dabei die interne Spaltung der Europäischen Union (EU) bei der Thematik gut ab – es gibt proeuropäisch-solidarische Stimmen, aber auch den Wunsch nach einer stärkeren Abschottung der Gemeinschaft. Alle Medien jedoch sehen in Marokkos Verhalten ein politisches Kalkül – und alle bezweifeln auch unisono, dass Spanien und die EU gut auf die Krise vorbereitet waren.

Auch EU hat in Ceuta-Krise versagt – „El Pais“ (Spanien)

„Die Ankunft von 50.000 Menschen aus Marokko in Ceuta unter den Augen der untätigen Behörden jenes Landes war ein inakzeptabler Angriff auf die spanische Souveränität, der eine entschlossene und geschlossene Reaktion erfordert. (...) Es hat an Weitsicht gefehlt, den unkontrollierten Zustrom von Migranten vorherzusehen – ein Szenario, auf das die Regierung weder vorbereitet war noch das sie kommen sah. Auch die EU hat versagt. Einige Regierungen nutzten die Gelegenheit, um einen unter enormem Druck stehenden Partner zu kritisieren, anstatt Solidarität angesichts eines Angriffs auf den weltweit größten demokratischen Block zu zeigen. (...)

Dennoch darf all dies nicht von der Hauptverantwortung Marokkos ablenken. Denn es ist inakzeptabel, Migration – an einer der Grenzen mit den weltweit größten Ungleichheiten – als Druckmittel zur Erlangung politischer Vorteile zu instrumentalisieren. (...) Es nützt nichts, voreilig die Aussetzung des Schengen-Abkommens anzukündigen, wie es Länder wie Italien getan haben – eine in diesem Zusammenhang sinnlose Maßnahme. Ebenso wenig nützt die plumpe Instrumentalisierung der Tragödie durch fremdenfeindliche Parteien und Gruppen. Spaltung spielt denen in die Hände, die von außen die Grenzen Europas mit hybriden Angriffen verschiedener Art untergraben. In Grönland, an den Grenzen zu Russland und Weißrussland oder in Ceuta wird die Idee der EU und ihre Souveränität verteidigt.“

„Zufall oder politisches Kalkül?“ – „La Repubblica“ (Italien)

„Ceuta hatte eine ähnliche Krise bereits im Mai 2021 erlebt, als innerhalb von zwei Tagen mehr als 10.000 Menschen diese Grenze zwischen Spanien und Marokko überquerten. Damals befanden sich die beiden Länder in einer diplomatischen Krise, nachdem Madrid Brahim Ghali, den Anführer der Polisario, der Front der Sahrauis, die für die Unabhängigkeit der von Marokko beanspruchten Westsahara kämpft, zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte. Die Anlandungen der Migranten in Ceuta waren damals durch die Aussetzung der Kontrollen auf marokkanischer Seite ermöglicht worden – eine Vergeltungsmaßnahme. Bereits Ende 2022 hatte sich Madrid jedoch Rabat wieder angenähert und dessen Plan für die Westsahara unterstützt. Dadurch hatte sich auch die Lage bei der Migration „normalisiert“.

Im gesamten Jahr 2025 war es lediglich sechs illegalen Migranten gelungen, Ceuta zu erreichen, und vom Beginn dieses Jahres bis zum vergangenen 15. Juli keinem einzigen. Wenn die Ankünfte nun wieder eingesetzt haben, dann deshalb, weil – entgegen der von der Regierung hervorgehobenen „vorbildlichen Zusammenarbeit“ mit Marokko – die Kontrollen auf marokkanischer Seite in den vergangenen Tagen gelockert worden sein sollen, wie verschiedene spanische Medien berichten. Doch warum? Am 20. Juli hatte (Spaniens Ministerpräsident Pedro) Sánchez Algier besucht, den Rivalen Rabats und langjährigen Unterstützer der Polisario. War dies aus Sicht Rabats eine Provokation? Madrid weist diese Möglichkeit zurück.“

Spanische Soldaten, gestikulierend vor marokkanischen Migranten

„Trump nutzt Ceuta für Propagandazwecke“ – „The Independent“ (Großbritannien)

„Bei einer Kabinettssitzung sprach er von einer ‚Katastrophe‘ in Spanien. „Es sieht aus wie eine Invasion eines Landes. Hunderttausende Menschen“, sagte er. „Und genau das wird auch uns passieren, sollten die Republikaner nicht gewählt werden.“

Donald Trump macht sich Sorgen um die Zwischenwahlen in drei Monaten, bei denen die Demokraten Umfragen zufolge sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat gewinnen könnten.

Er wird daher alles aufgreifen, was sich für Propagandazwecke so verdrehen lässt, dass der Eindruck entsteht, ein von den Demokraten kontrollierter Kongress würde in der Einwanderungspolitik zu nachgiebig sein. (...)

Dies ist nur das jüngste Beispiel einer Flut von Unwahrheiten über Europa, die von Trump, anderen hochrangigen Republikanern und ihren Anhängern verbreitet werden. Sie stellen Europa als eine Hölle aus Kriminalität und Gewalt dar, die durch eine von linken Politikern begünstigte Masseneinwanderung geschaffen wurde.

Jeder Amerikaner, der Europa schon einmal besucht hat, weiß, dass dies Unsinn ist, doch die meisten Amerikaner waren noch nie dort, und viele sind bereit, einer Propaganda Glauben zu schenken, die darauf abzielt, die Unterstützung für die Demokraten zu untergraben.“

„Spanien versagt beim Schutz der EU-Außengrenzen“ – „De Telegraaf“ (Niederlande)

„Der schockierende Ansturm auf Ceuta stürzt die EU kurz nach dem Inkrafttreten ihres neuen Migrationspakts in eine Krise. In Rekordzeit gelang es rund 60.000 Migranten, in die spanische Exklave einzudringen, viele in der Hoffnung, weiter nach Europa gelangen zu können. (...)

Kritikern in der EU zufolge ist das Chaos in Ceuta auf die linke Politik des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez zurückzuführen, für den Migration kein Problem, sondern eine Notwendigkeit sei. Sie werfen der Regierung in Madrid vor, massenhaft Aufenthaltsgenehmigungen an Menschen verteilt zu haben, die illegal nach Spanien gekommen waren, womit für sie die Tore nach Europa geöffnet worden seien.

Der Ansturm auf Ceuta zeigt, dass Spanien bei der Überwachung der EU-Außengrenzen versagt, obwohl strengere Grenzkontrollen Teil des Migrationspakts sind. Die Forderung, Spanien vorübergehend aus dem Schengen-Raum auszuschließen, ist daher nicht unverständlich. Dieser weitreichende Schritt wäre gerechtfertigt, wenn es Spanien nicht kurzfristig gelingt, die Ordnung wiederherzustellen und die illegal eingereisten Migranten zurückzuschicken.“

EU-Regierungen „besorgt über Andrang auf Ceuta“ – „The Times“ (Großbritannien)

„Ein Auslöser könnten jüngste Spannungen zwischen Spanien und Marokko sein, das bereits in der Vergangenheit unkontrollierte Migration als politisches Druckmittel eingesetzt hat. Auch ein kürzlich ergangenes Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs könnte eine Rolle gespielt haben. Es besagt, dass Migranten, die auf dem Seeweg in Ceuta oder dessen Partnerstadt Melilla ankommen, nicht im Eilverfahren zurückgeschickt werden dürfen, sondern über die regulären Einwanderungskanäle bearbeitet werden müssen. Wie immer standen die Banden der Menschenschmuggler bereit.

Für viele Beobachter haben die chaotischen Szenen die weit verbreitete Wahrnehmung bestätigt, dass die Europäische Union nicht in der Lage ist, ihre eigenen Grenzen gegen illegale Einwanderung zu sichern. Spaniens Beitritt zum Schengen-Abkommen über offene Grenzen im Jahr 1991 beinhaltet die Verpflichtung, alle Personen aus Ceuta und Melilla zusätzlichen Grenzkontrollen unterziehen, bevor sie in das übrige EU-Gebiet weiterreisen dürfen.

Dennoch planen viele der Neuankömmlinge in diesen spanischen Exklaven zweifellos, weiterzuziehen. Das hat die Regierungsparteien anderer EU-Länder beunruhigt, von denen sich viele sehr wohl bewusst sind, dass ihnen einwanderungsfeindliche, weit rechtsstehende Konkurrenten dicht auf den Fersen sind.“

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