Sarrazin beklagt „totale Veränderung“ Deutschlands – und kritisiert Höckes AfD-Flügel
Der frühere Berliner Finanzsenator und Ex-SPD-Politiker Thilo Sarrazin hat in einem Interview sein Verhältnis zur AfD erklärt. Vom „Zeit Magazin“ gefragt, was ihn von der AfD trenne, sagte er: „Für alle Parteien gilt, dass es nicht ‚die‘ Partei gibt, also auch nicht ‚die‘ AfD. Die AfD wird stark dadurch, dass bestimmte Fragen, die viele Bürger als wichtig ansehen, in der Politik praktisch nicht vorkommen.“ Ob er die Partei auch wählen würde, ließ er offen.
Problematisch hält er den radikalen Flügel um den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. „Natürlich halte ich von den Überlegungen des völkischen Flügels gar nichts“, sagte Sarrazin. Er betonte aber auch, dass es Politiker in der Partei gebe, die für die Nato und die westliche Wertegemeinschaft seien: „Die sehen den Feind in Russland und sind gar nicht so weit weg von den Positionen von Friedrich Merz.“
Er definierte zudem rote Linien, bei denen er die Debatte einstellen würde. „Wenn jemand kommt und sagt: ‚Die Juden sind unser Unglück‘, dann ist für mich Schluss der Debatte. Oder wenn jemand erkennbar mit Verschwörungstheorien kommt.“
Von der „Zeit“-Autorin darauf angesprochen, dass seine Aussagen zu „kultureller Überfremdung“ in den Ohren mancher nicht weit weg von Höckes Aussagen zur „Umvolkung“ wären, antwortete Sarrazin: „Das ist die Unschärfe von Begriffen. Umvolkung kann man als polemischen Kampfbegriff auffassen, indem man behauptet, die Bilderberger oder George Soros wollten Deutschland umformen. Völliger Quatsch. Aber die totale Veränderung des ‚Volkskörpers‘ – das sage ich jetzt mal bewusst – durch Entwicklungen, die sich aus Migration und Geburtenarmut ergeben, die ist eben Fakt.“
Sarrazin wiederholte seine Thesen, wonach Migration Deutschland unsicherer mache und das allgemeine Bildungsniveau verschlechtere. Diese hatten seinem 2010 erschienenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ sowohl Käufe in Millionenhöhe als auch scharfe Kritik aus Politik und Medien eingebracht.
„Ich sehe den Verfall der Bildungsleistung, der ganz eng mit dem Thema Migration zusammenhängt“, sagte er. „In Berlin erreichen im dritten Schuljahr 50 Prozent der Kinder nicht die Mindeststandards im deutschen Sprachgebrauch, im Lesen und in Mathematik. Hier wächst eine Katastrophe heran.“
Insgesamt stellte er den Folgen der Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre ein verheerendes Urteil aus. Viele Veränderungen fände er „subjektiv schade und objektiv schlecht“. Hätte es keine Einwanderungswelle – außer der aus der EU oder der Einwanderung der Deutschen aus Russland – gegeben, wäre „Deutschland ein besseres Land“, sagte er mit Verweis auf „messbare Faktoren“ wie Wohlstand pro Kopf, Bildung und Gewaltkriminalität. „Homogene Gesellschaften sind spannungsfreiere Gesellschaften.“
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