Netanjahus riskanter Besuch bei Trump – und der hohe Preis, den er womöglich dafür zahlen muss
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird an diesem Dienstag im Weißen Haus erwartet – nach monatelangem Warten auf eine Einladung. Das Treffen findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem das Verhältnis zwischen den langjährigen Verbündeten äußerst angespannt ist. Seit Beginn des Iran-Krieges im Februar ist Netanjahu nicht mehr in Washington gewesen. Dabei hatte er mindestens seit April auf ein Gespräch mit Donald Trump gedrängt, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen „Politico“, das wie WELT zu Axel Springer gehört.
Die Trauerfeier für Netanjahus engen Vertrauten, den republikanischen Senator Lindsey Graham, bot schließlich eine Gelegenheit. Die Modalitäten des Besuchs wurden aber erst in letzter Minute festgezurrt. „Zunächst gab es überhaupt kein Treffen. Sie haben es in den vergangenen Tagen auf die Schnelle arrangiert“, sagte am Freitag einer der Insider, denen wegen der Sensibilität der Gespräche Anonymität gewährt wurde. Netanjahu wolle sich mit Präsident Trump vor allem über die Eskalation im Konflikt mit dem Iran und über das US-Nuklearabkommen mit Saudi-Arabien abstimmen.
Öffentlich bestätigt hatte den Termin am Dienstag zuerst die israelische Seite; Trump erwähnte den Besuch am späten Freitagabend beiläufig in einer ausschweifenden Rede beim traditionellen Korrespondenten-Dinner im Weißen Haus. Auf Anfragen, warum die Einladung so lange auf sich warten ließ und worüber die beiden sprechen würden, reagierte das Weiße Haus nicht. Netanjahus Büro betonte, die beiden Regierungschefs hätten sich seit Trumps Rückkehr ins Amt bereits mehrfach getroffen. „Wenige Verbündete sind so oft zusammengekommen, und wenige Allianzen haben in so kurzer Zeit so viel erreicht“, hieß es in der Erklärung.
„Präsident Trump und der Ministerpräsident werden die entscheidenden Fragen unserer Zeit erörtern und darüber sprechen, wie unsere große Allianz genutzt werden kann, um den Krieg zu gewinnen und einen dauerhaften Frieden zu schmieden.“
Zu Netanjahus Bemühungen um den Termin und den Gründen für die Verzögerung äußerte sich sein Büro nicht. Bemerkenswert sind die Spannungen zwischen den beiden vor allem deshalb, weil die Trump-Regierung derzeit genau jene aggressive Militärkampagne gegen den Iran führt, auf die Netanjahu seit Langem gedrängt hatte.
Über weite Strecken der vergangenen zwei Wochen starteten die USA täglich Angriffe gegen iranische Ziele. Über das Wochenende, so die Regierung, seien die Schläge zwar ausgesetzt worden. Doch die USA bereiten unüberhörbar eine massive Eskalation gegen den Iran vor. Flugzeugträgerverbände werden in die Region verlegt und Amerikaner in mehr als einem Dutzend Ländern der Region zur Ausreise aufgerufen. Auch eine Wiederaufnahme großangelegter gemeinsamer Kampfoperationen mit Israel wird geprüft.
Donald Trump und Benjamin Netanjahu bei einem Treffen 2025 – ihr Verhältnis hat seitdem gelittenDie Regierung Trump scheint ihre Angriffe nach wie vor als Hebel zu betrachten, um Teheran an den Verhandlungstisch zurückzuzwingen. „Wir werden ihnen sämtliche Brücken sprengen, wenn sie nicht an den Tisch kommen und verhandeln“, sagte Trump Anfang des Monats dem US-Sender Fox News.
Es war Netanjahu, der im Februar mit dazu beitrug, Trump zu den ersten Schlägen gegen den Iran zu bewegen. Sollte diese jüngste Kampagne Teheran weder an den Verhandlungstisch zurückbringen noch die freie Schifffahrt durch die Straße von Hormus wiederherstellen, könnte bei der Suche nach Schuldigen der Blick auf Netanjahu fallen.
Je länger sich der Krieg zieht, desto härter fallen Trumps Worte über Netanjahu aus. Beim G-7-Gipfel im Juni in Frankreich nannte Trump den israelischen Regierungschef „verrückt“ und benutzte einen Kraftausdruck, um dessen Urteilsvermögen zu beschreiben – nur um im nächsten Atemzug zu erklären: „Ohne mich gäbe es kein Israel.“ Netanjahus letztes persönliches Treffen mit Trump fand im Februar statt, im Vorfeld eines Krieges, dessen Dauer Trump damals auf vier bis fünf Wochen eingeschätzt hatte. Das ist nun fast fünf Monate her.
Trumps Ziele im Iran-Krieg haben sich geändert
Seither haben sich Trumps Kriegsziele mehrfach verschoben. Zunächst wollte er nicht nur das iranische Atomprogramm stoppen, sondern gleich das Regime stürzen. Nachdem der Streit um die Kontrolle der Straße von Hormus die Kämpfe neu entfacht hatte, verengte sich der Fokus auf die Wiederöffnung der lebenswichtigen Wasserstraße. Eine im Juni zwischen Washington und Teheran ausgehandelte Absichtserklärung, die eine Waffenruhe und Verhandlungen für ein Ende des Krieges vorsah, platzte bereits einen Monat später.
Angesichts der unerreichten Ziele hat sich in Trumps Maga-Basis die Stimmung gegenüber dem Krieg verschlechtert – zumal die Zahl der gefallenen US-Soldaten gestiegen ist. Nachdem Anfang des Monats zwei Soldaten bei einem iranischen Angriff in Jordanien getötet worden waren, ließ Marjorie Taylor Greene – die frühere Kongressabgeordnete und Trump-Loyalistin, die zur Kritikerin des Präsidenten geworden ist – auf X ihrer Wut freien Lauf: „Ihr Tod nährt eure Blutlust in einem sinnlosen Krieg“, schrieb sie.
Selbst in Trumps eigenem Stab wächst die Ernüchterung darüber, wie gering die Aussichten auf ein Ende der Kämpfe sind. Zugleich driften die amerikanischen und israelischen Kriegsziele immer weiter auseinander. Während Israel weiterkämpfen wollte, hatte Trump bis vor Kurzem eher auf die Diplomatie gesetzt.
„Viele der jüngsten Entscheidungen der Regierung Trump liegen nicht unbedingt im Interesse Israels“, sagte Dana Stroul vom Washington Institute for Near East Policy, die unter der Regierung Biden ranghöchste zivile Nahost-Verantwortliche im Pentagon war, „Politico“.
Sie verwies auf eine Reihe von Schritten in Washington, die man in Israel mit Unbehagen zur Kenntnis nahm: Etwa die Zustimmung zum Verkauf von F-35-Kampfjets an die Türkei oder ein ziviles Nuklearabkommen mit Saudi-Arabien, dem bestimmte Kontrollmechanismen fehlen.
Weiterhin nannte Stroul den Druck auf Israel, sich aus dem Libanon zurückzuziehen, ohne dass die Zerschlagung der Hisbollah gesichert wäre, und schließlich eine Syrien-Politik, die Israel angesichts der Ausrichtung der neuen Regierung in Damaskus mit wachsendem Argwohn beobachtet.
Netanjahu bräuchte das Treffen mit Trump, um die Beziehungen zu seinem wichtigsten Verbündeten zu stabilisieren. Doch für den angeschlagenen Regierungschef, der im Oktober zur Wiederwahl steht, könnte der Termin einen hohen Preis haben. Wahrscheinlich werde Trump Zustimmung zu einer amerikanischen Linie verlangen, gegen die Israel sich bislang gesperrt habe – im Libanon, in Gaza und andernorts in der Region, sagte Elisa Ewers „Politico“.
Die Nahostexpertin hat in verschiedenen Ressorts der US-Regierung sowie im Kongress hochrangige Positionen bekleidet und ist heute Fellow am Council on Foreign Relations. „Bibi (Netanjahu, Anm. d. Red.) geht ein Risiko ein, wenn er ins Weiße Haus kommt. Es könnte sein, dass Präsident Trump ihn mit einer Forderung unter Druck setzt – und nicht umgekehrt“, erklärte Ewers weiter. „Aber der Besuch im Weißen Haus an sich ist schon ein Gewinn für ihn.“
Dieser Text erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Politico“ unter Mitarbeit von Alex Gangitano. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Lara Jäkel.
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