Trotz deutlicher Kritik der Simson-Nachfahren ist AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Wahlkampf abermals mit einem der Mopeds unterwegs. Nach einer Versammlung auf dem Markt in Weißenfels im Süden Sachsen-Anhalts war am Sonntag eine Ausfahrt mit Anhängern geplant. Laut Polizei verlief die Versammlung vor der Ausfahrt ohne Vorkommnisse.

Insgesamt waren den Angaben nach rund 1500 Menschen gekommen. Einen Vorfall der anderen Art dokumentierte der AfD-Spitzenkandidat dann während der Ausfahrt selbst: Er wurde laut eigener Aussage kilometerweit von einem ZDF-Reporter auf dem Rennrad begleitet.

Auf einem Video auf X ist der Reporter auf dem Rennrad neben Siegmund zu sehen, der auf seiner blauen Simson fährt. „Das ist doch nicht normal“, kommentiert Siegmund die Szene und bezeichnet das Auftauchen des Journalisten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „neuen journalistischen Tiefpunkt“.

Laut Siegmund habe der Journalist wissen wollen, „was er zuhause mit seiner Familie bespreche“. Hintergrund ist offenbar eine „Frontal“-Reportage des ZDF. In dieser will derselbe Journalist herausgefunden haben, dass ein Lehrer aus Stendal, der sich kritisch im Unterricht über die AfD geäußert hatte, deshalb abgemahnt wurde, weil die Lebenspartnerin von Siegmund an besagter Schule arbeitet.

Mit der Wahlkampf-Aktion übergeht Siegmund deutliche Kritik der jüdischen Familie Simson. Die Nachfahren hatten erklärt, geschockt darüber zu sein, dass ihr Name etwa auf T-Shirts oder Postern in Verbindung mit der AfD auftauche. Eine solche politische Vereinnahmung durch Nutzung des Namens, der auch für eine bekannte Moped-Marke steht, müsse vollkommen ausgeschlossen sein, sagte der Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, Dennis Baum. Letztlich versuche die AfD, mit dem Namen der von den Nazis vertriebenen Unternehmerfamilie Werbung zu betreiben.

Hunderte Menschen versammeln sich auf dem Marktplatz in Weißenfels zur Ausfahrt mit dem AfD-Spitzenkandidaten

Immer wieder zeigen sich AfD-Politiker mit den Mopeds oder organisieren Ausfahrten. Die in Suhl produzierten Mopeds der Marke Simson wie „Schwalbe“ oder S50/51 sind bei vielen Jugendlichen Kult und stehen für ostdeutsches Lebensgefühl und Mobilität.

Das Werk, in dem in der DDR Mopeds der Marke Simson gebaut wurden, geht auf die jüdischen Brüder Simson zurück. Es ist damit Teil der jüdischen Geschichte Thüringens. Die Familie war 1936 von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben worden und in die USA geflohen.

Keine Gegendemo

Siegmund hatte bereits in Tangermünde und Bitterfeld zu Ausfahrten geladen. Vor der Veranstaltung in Weißenfels hatten Gegnerinnen und Gegner den Marktplatz mit Kreide bemalt, Gegendemonstrationen gab es während der Reden jedoch nicht. Nach den Redebeiträgen war eine zweistündige Fahrt durch die Region im Saale- und Burgenlandkreis geplant.

Siegmunds Partei ist einer jüngsten Umfrage nach weiter die stärkste. In der repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Insa im Auftrag von „Focus Online“ kommt sie auf 41 Prozent. Auf Platz zwei liegt die CDU mit 24 Prozent, gefolgt von der Linken mit 14 Prozent. Die Wahl findet am 6. September statt.

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