Ein Autofahrer hat am Rande des Christopher Street Day in Berlin mehrere Menschen angefahren. Es gibt ein Todesopfer, bestätigte die Polizei. Dabei handelt es sich um eine Frau. Sie wurde demnach so schwer verletzt, dass sie noch vor Ort starb. 16 weitere Menschen wurden verletzt, darunter laut eines Polizeisprechers drei Personen lebensbedrohlich und acht schwer. Zudem gibt es fünf leicht verletzte Menschen. Die lebensbedrohlich und schwer verletzten Menschen seien alle in Krankenhäuser gebracht worden. Nach Angaben der Feuerwehr werden 30 Menschen psychologisch betreut. Ermittler sprechen von einem Anschlag.

Die Polizei hat inzwischen nach eigenen Angaben einen Verdächtigen identifiziert. „Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet“, sagte Polizeisprecher Florian Nath. Festgenommen sei er aber noch nicht – die Fahndung laufe auf Hochtouren.

Die Polizei leitete am frühen Sonntagmorgen eine Öffentlichkeitsfahndung ein. Demnach handelt es sich bei dem mutmaßlichen Verdächtigen um Abdul B. Die Polizei veröffentlichte ein Foto und beschrieb den Mann wie folgt:

  • schlanke Statur
  • circa 1,90 m groß
  • schwarze Haare
  • schwarzer Hoodie und weiße Hose

WELT hatte zuvor berichtet, dass das Tatauto von Abdul B. gemietet wurde. Der Mann wurde 2005 geboren und ist erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen worden.

Nach WELT-Informationen erfolgte in einem Mietshaus im Berliner Stadtteil Schöneberg durch Spezialkräfte der Polizei ein Zugriff. Um circa 1.10 Uhr war in der Straße Bissingzeile, an der Meldeadresse von Abdul B., ein explosionsartiger Knall zu hören. Vorher hatten Polizeibeamte das Mietshaus betreten. In den darauffolgenden Minuten war zu sehen, wie eine behelmte Person einen Vorhang hinter einem Fenster im ersten Obergeschoss herunterriss. Gleichzeitig rückten auf der Straße weitere Beamte mit Maschinenpistolen an. Um circa 1.25 Uhr verließen die Spezialkräfte das Gebäude.

Eine Festnahme gab es nicht, weil niemand angetroffen wurde. Die Spezialkräfte rückten in einer zivilen Fahrzeugkolonne ab, weitere Polizisten blieben noch länger vor Ort. Zwischen der Adresse Bissingzeile und dem im Tiergarten stehenden Tatauto sind es nur etwa 1,2 Kilometer. Nach WELT-Informationen gab es auch an der Wildenbruchstraße einen Polizeieinsatz. Dort wohnt die Schwester des Tatverdächtigen.

Die Polizei ist in einem Mietshaus in Berlin-Schöneberg im Einsatz

Am frühen Sonntagmorgen warteten einige Teenager und junge Männer mit Migrationshintergrund hinter dem Mietshaus auf Wiedereinlass in das abgesperrte Haus. Einer von ihnen erzählte WELT, B. soll dort mit mehreren Geschwistern und seiner Mutter gewohnt haben. Derselbe Mann behauptete, Abdul B. habe bereits vor Monaten über angebliche Anschlagspläne geprahlt und über Unzufriedenheit mit seiner Situation in Deutschland gesprochen. Andere junge Männer in der Runde wollten den Mann, der das erzählt, offenbar davon abhalten, mit dem Reporter dieser Redaktion allzu offen zu sprechen.

In Berlin waren seit Veranstaltungsbeginn am Samstagmorgen mehr als 2200 Polizeikräfte im Einsatz, auch nach der Tat ist ein „sehr starkes Aufgebot“ präsent. Die Einsatzkräfte seien laut Polizei teils schwer bewaffnet. Auch verdeckte Kräfte seien dabei. Hinzu kämen mehrere Hundert Beamte im gesamten Stadtgebiet. Auch Polizisten aus anderen Bundesländern sowie Spezialeinheiten sind nach Polizeiangaben an dem Einsatz beteiligt. Die Staatsanwaltschaft ist ebenfalls an den Ermittlungen beteiligt. Polizisten leuchteten den Bereich zwischen Potsdamer Platz und der Südseite des Tiergartentunnels aus. Sie suchten nach Spuren.

Die Abschlusskundgebung des Christopher Street Days (CSD) vor dem Brandenburger Tor wurde abgebrochen. Die Veranstalter riefen die Besucher am Samstagabend auf, das Gelände zu verlassen.

Das ist über den Tathergang bekannt

Kurz vor 22 Uhr soll ein Fahrer mit einem weißen Fahrzeug – ein Pkw ähnlich einem Minibus oder einem Minivan – im Großen Tiergarten über den Ahornsteig parallel zur Lennéstraße gefahren sein und mehrere Menschen angefahren und womöglich auch umgefahren haben, teilte die Polizei mit. Das Auto kollidierte dann mit einem Baum. Der Fahrer habe das Fahrzeug verlassen und sich in unbekannte Richtung entfernt. Er ist flüchtig. Die Polizei ging zuletzt nicht davon aus, dass sich der Täter noch im Tiergarten aufhält, sondern anderswo in Berlin ist. Das Gebiet wurde mit Wärmebildkameras abgesucht, wie Polizeisprecher Nath schilderte.

Dieser weiße Minivan ist das Tatfahrzeug – es krachte gegen einen Baum

Weitere Hintergründe sind noch unklar. „Wir haben weiterhin noch keinerlei Hinweise auf seine konkreten Motivationshintergründe oder auch den genauen Ablauf oder seinen Tatbeitrag als solchen“, sagte ein Sprecher. Auch zu einer möglichen Bewaffnung konnte die Polizei noch keine Auskunft geben. „Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab. Ob jemand dann das Fahrzeug verlassen hat und mit möglichen Stichwaffen auf Personen eingewirkt und die verletzt hat“, so Nath. Nach Zeugenangaben sollen einige Menschen durch Stiche verletzt worden sein, manche wollen einen schwarz gekleideten Mann mit einer Machete gesehen haben.

Auch wie das Fahrzeug in den Tiergarten einfahren konnte, sei Gegenstand der Ermittlungen. Es seien den ganzen Tag über mehr als 250 sogenannte „Zufahrtschutzelemente“ rund um den Tiergarten aufgestellt gewesen. „Eigentlich konnte hier gar keiner reinfahren“, sagte Nath.

„Bitte verlasst das Gelände ruhig und geordnet. Bitte meidet die Siegessäule und den Tiergarten. Verlasst das Gelände Richtung Hauptbahnhof“, teilten die CSD-Veranstalter bei Instagram mit. Auf dem großen Bildschirm am Brandenburger Tor stand in Signalfarben das Wort „Evakuierung“. Der Bereich wurde weiträumig abgesperrt. Wo gerade noch Menschen gefeiert haben, waren nur noch Einsatzfahrzeuge und Blaulicht zu sehen. Am Straßenrand saßen am späten Samstagabend Menschen und weinten – in der Nacht war der Tiergarten dann menschenleer.

Auch zahlreiche Rettungskräfte der Feuerwehr sind im EinsatzEin Mann hat eine Rettungsdecke bekommen (l.)CSD-Teilnehmer verlassen das Gelände

Hunderttausende Menschen nahmen am Samstag in Berlin an der diesjährigen Großkundgebung zum CSD teil. Die Demonstration mit rund 80 Trucks führte bis zur Siegessäule und sollte mit der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor enden. Dort trat unter anderem Sängerin Sarah Connor auf. Die für Sonntag geplanten Abschlussveranstaltungen – ein „Breakfast Market“ und das „After-CSD-Cleanup“ wurden abgesagt.

Die jährlich organisierten CSD-Kundgebungen erinnern an den 28. Juni 1969, als die Polizei die Schwulenbar „Stonewall Inn“ in New York stürmte. Es folgten tagelange Zusammenstöße mit Aktivisten, die als Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung gelten.

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