In der vergangenen Woche sorgte die Berliner Café-Betreiberin Kristiana Elig (53) mit einem Video in den Sozialen Medien für Aufsehen. Darin verkündete sie, einem AfD-Mitglied einen Kaffee verweigert zu haben. Später erklärte sie, der Auslöser dafür sei gewesen, dass der Mann eine Frau rassistisch beleidigt habe. Zahlreiche Hasskommentare hat Elig seitdem bekommen. Unter anderem heißt es auf Social Media: „Ich hoffe du wirst bald scheiße aus der Gosse fressen“ oder „Im ersten Moment habe ich gedacht ich bin im Zoo und da steht ein Nilpferd mit Wintermantel!“

WELT: Frau Elig, könnten Sie einmal beschreiben, was vergangene Woche in Ihrem Café geschehen ist?

Kristiana Elig: Ich habe am Freitag das Café um 9 Uhr geöffnet und wie immer ein paar Dinge vorbereitet. Gegen 9:30 Uhr kam der erste Gast des Tages, ein Mann, konservativ mit Sakko gekleidet. Er hat einen Latte macchiato bestellt, den ich ihm auch gemacht, auf den Tresen gestellt und abkassiert habe. Hinter ihm stand dann eine hübsche junge Frau, vielleicht um die 25. Als er sich umgedreht und sie gesehen hat, meinte er: „Aha, Schwarze kriegen hier auch einen Kaffee. Das ist ja befremdlich.“ Das hat sich wie eine Ohrfeige angefühlt. Ich habe ihn angeschaut und gefragt, was er da gerade gesagt hat. Er erklärte, er sehe das nun mal so – erst in diesem Moment ist mir aufgefallen, dass er einen AfD-Anstecker am Revers trug. Ich habe ihn gefragt, ob er von der AfD sei, woraufhin er meinte: „Ja, selbstverständlich.“ Ich habe ihn gebeten, mir nochmal kurz seinen Kaffee zu geben, was er auch gemacht hat. Dann habe ich ihm sein Geld zurückgepfeffert und ihm gesagt, dass er aus meinem Laden verschwinden soll. Er sagte noch, dass mich das teuer zu stehen kommen würde, ich doch ein unpolitisches Café betreiben müsste, und ist gegangen.

WELT: Wie hat die Frau hinter ihm reagiert?

Elig: Direkt nachdem er sich so rassistisch über sie geäußert hatte, sind ihr die Tränen gekommen. Sie hat wie zum Schutz ihre Tasche vor sich gehalten und ist weggerannt. Im Nachhinein ärgert es mich, dass ich sie nicht zurückhalten und mit ihr sprechen konnte.

WELT: Wie ging es dann weiter?

Elig: Der Tag war für mich nach dem Auftritt des Typen gelaufen. Als ich abends zuhause war, habe ich mir gedacht, dass ich das nicht so einfach stehen lassen kann. Ich wollte den Vorfall in die Welt hinausrufen, was ich auch getan habe. Ich habe mich vor mein Handy gesetzt, das Video gedreht und mich dabei wahnsinnig über das Auftreten des AfD-Mitglieds geärgert. Ich habe erklärt, dass ich an Nazis keinen Kaffee ausschenke und den Typen als AfD-Schmock bezeichnet. Das Posting war vielleicht etwas unbedacht, aber so bin ich als Person. Ich entscheide alles aus dem Bauch heraus und überlege nicht lange. Aber ich stehe nach wie vor zu meinen Aussagen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Nazis keinen Kaffee ausschenken sollten, solange wir selbst darüber entscheiden dürfen.

Ein Schild des Cafés

WELT: Im Video haben Sie lediglich erzählt, dass Sie dem Mann keinen Kaffee ausschenken wollten. Den rassistischen Vorfall zuvor hatten Sie nicht erwähnt und ihn erst nachträglich in die Beschreibung hinzugefügt. Wieso?

Elig: Ich wollte nicht, dass die Frau kompromittiert wird. Es kann ja sein, dass sie gar nicht möchte, dass man über den Fall berichtet. Für mich war das Verhalten des Mannes Wasser auf die Mühlen, wie ich die AfD sehe. Deswegen habe ich das im Video in den Fokus gestellt. Ich halte die Partei für sehr gefährlich und glaube, dass mit denen nichts Gutes auf uns zukommt.

WELT: In den sozialen Medien bezweifeln viele Menschen, dass sich der Rassismusvorfall so zugetragen hat. Auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Ronald Gläser hat in der „Berliner Zeitung“ Zweifel geäußert. Was entgegnen Sie?

Elig: Es ist immer der einfachste Weg zu sagen, die hat das alles erstunken und erlogen. Aber mit welcher Begründung sollte ich mir so einen Shitstorm antun? Die waren alle nicht dabei. Am Ende soll jeder glauben, was er glauben möchte.

WELT: Wie sah der Shitstorm aus?

Elig: Ich habe in den vergangenen Tagen rund 200 Anrufe bekommen, tagsüber und nachts. Manche legen direkt wieder auf, manche röcheln ins Telefon. Heute hat mir einer geschrieben: „Gib Acht!“ Das ist wie im Horrorfilm. Einer hat mir Schriftzeichen geschickt, aus denen ich interpretiere, dass ich sterben soll. Oft haben mich Menschen wegen meines Übergewichts beleidigt. „Fette Sau, fette Kuh“, all sowas. Auf Instagram habe ich die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Thomas Marten vom AfD-Bezirksverband Charlottenburg-Wilmersdorf hatte auf Facebook geschrieben, dass es schade sei, dass man bei mir nicht mehr kommentieren könne. Mittlerweile hat er den Eintrag entfernt, aber solche Aussagen von einem Politiker finde ich krass. Der ruft regelrecht zu Hetze auf. Bei den Google-Rezensionen bin ich innerhalb kürzester Zeit von 4,3 Sternen auf 1,9 Sterne abgesunken. Mittlerweile hat Google das aber korrigiert.

WELT: Was hat das mit Ihnen gemacht, all diese Nachrichten zu lesen?

Elig: Ich fand es vor allem erschreckend, dass die Leute so feige sind und bei ihren Hasskommentaren nicht ihren echten Namen nennen. Es war auch immer derselbe Duktus, dass ich eine Faschistin sei. Es sind auffallend oft viele grammatikalische Fehler in den Kommentaren zu finden. Deswegen gehe ich davon aus, dass die Schreiber eher bildungsfern sind. Und natürlich hat mich auch das Bösartige dahinter erschrocken. Ich führe ein kleines Pippi-Langstrumpf-Café, wie ernst nehmen die mich bitte? Wenn sogar schon die Aussage einer Gastronomin eine solche Bedeutung für die hat, weiß ich auch nicht weiter.

Das Freiluft-Café Eule ist von Februar bis November geöffnet

WELT: Solche Hasskommentare sind verwerflich und durch nichts zu rechtfertigen! Rein inhaltlich betrachtet: Können Sie es denn nachvollziehen, dass sich Menschen dadurch angegriffen fühlen, wenn AfDler pauschal aus einem Café ausgeschlossen werden sollen?

Elig: Als ich die Videos gemacht habe, war ich sehr bauchgesteuert. Mir ging und geht es vor allem darum, dass Rassismus in meinem Café keinen Platz hat. Dabei bleibe ich auch. Und natürlich frage ich mich, wieso die AfD so viele Menschen bei sich hat, die solch ein Verhalten an den Tag legen. Mir fallen viele Beispiele ein, etwa die unbemerkten Handbewegungen, die an den Hitlergruß erinnern, das frauenfeindliche und despektierliche Auftreten im Bundestag und immer dieser Grundtenor von „Wir machen euch fertig“. Das ist auch das, was ich jetzt in den Hassnachrichten an mich herauslese. Niemand hat das Recht, andere wegen der Hautfarbe, der Herkunft oder der Körperform anzugehen.

WELT: Werden Sie denn künftig AfD-Wähler in Ihrem Café bedienen?

Elig: Ich kann sie gar nicht ausschließen, weil ich sie in aller Regel nicht erkenne. Aber grundsätzlich würde ich mich freuen, wenn sie sich andere Cafés suchen. Ich finde Diskussionen gut und wichtig und habe auch schon öfters mit AfD-Wählern über Politik gesprochen. Aber mein Café ist nicht der richtige Ort für die Menschen, die andere ausgrenzen. Und wenn man sich der AfD zugehörig fühlt, nimmt man das in Kauf.

WELT: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie diejenige sind, die ausgrenzt.

Elig: Wer mit mir auf Augenhöhe sprechen möchte, kann mich gerne anrufen. Meine Kontaktdaten sind öffentlich zugänglich. Ich verweigere mich keinen sachlichen Argumenten. Nur bitte nicht im Café. Und der Kerngedanke bei meinem Video war, dass ich keinen Hass in der Eule möchte. Wir alle müssen einen Weg finden, miteinander klarzukommen. Wer sich aber nicht benehmen kann, fliegt raus. Das gilt auch für AfD-Anhänger. Und wer andere rassistisch beleidigt, dabei noch richtig angewidert schaut und das wie eine Waffe verwendet, muss raus aus meinem Laden.

WELT: Das kann ich verstehen. Gleichzeitig ist das ein sehr pauschales Urteil – nicht jeder AfD-Wähler ist ein Rassist. Und auch Sie haben in Ihrem Video eine sehr scharfe Rhetorik verwendet und sind politisch geworden.

Elig: Natürlich fällt nicht jeder darunter. Mir geht es aber auch darum, ein Zeichen zu setzen, dass Menschen aller Kulturen dieser Welt bei uns sicher sind. Den Inhalt des Videos würde ich jederzeit wieder so wiederholen, aber sicherlich etwas länger darüber nachdenken und sachlicher rüberbringen. Ich glaube aber nicht, dass das etwas an den Hasskommentaren geändert hätte.

WELT: Was befürchten Sie, wenn die AfD weiter an Zuwachs gewinnt und in Zukunft an einer Regierung beteiligt wäre?

Elig: Ich befürchte eine Aushöhlung des demokratischen Weltverständnisses. Ich glaube, dass Menschen dann ausgegrenzt werden, beispielsweise Angehörige der LGBTQ-Community, und auch dass die Kunst, in der die AfD eine Gefahr sieht, zurückgeschraubt wird. Wir werden begrenzt in unserem freiheitlichen Lebensstandard. Schauen Sie sich die Geschwindigkeit in den USA an, wie schnell dieses Land umgebaut wurde. Viele haben anfangs darauf hingewiesen, dass das die älteste Demokratie der Welt sei und die nicht so einfach kaputtgehe. Jetzt sieht es aber ganz danach aus. Das befürchte ich auch in Deutschland.

Ich kann verstehen, dass viele Menschen mit der Politik in Deutschland nicht zufrieden sind. Das bin ich auch nicht. Ich stamme aus einem wertekonservativen Haushalt und betrachte viele Entwicklungen kritisch. Die etablierten Parteien haben in den vergangenen Jahren völlig versagt. Aber wenn ich mir das Wahlprogramm der AfD anschaue, weiß ich, dass sie es auch nicht besser machen werden.

WELT: Wie ist die Stimmung in Ihrem Café seit der Veröffentlichung des Videos?

Elig: Es gibt eine so große Solidarität, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Die Hasskommentare finden ausschließlich online statt. Die Menschen, mit denen ich vor Ort spreche, haben mich bestärkt und gesagt, dass es gut ist, dass ich so gehandelt habe. Es sind mehr Menschen als sonst ins Café gekommen und ich habe noch nie so viele Umarmungen bekommen. Auch Ricarda Lang ist vorbeigekommen, hat mich gedrückt und war sehr warmherzig. Ich bin keine Grünen-Wählerin, aber das war wirklich sehr schön.

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