„Während die Europäer Nato-Artikel 5 für den wichtigsten halten, ist es für die USA Artikel 3“
Militärstrategin und Nato-Zukunftsforscherin Florence Gaub hält die Nato für stabiler als häufig behauptet. In einem Gastbeitrag im „Spiegel“ legt sie zusammen mit US-Oberst Jonathan Heist dar, wie das Militärbündnis über die vergangenen Jahrzehnte immer wieder vor Zerreißproben stand, jedoch nie auseinanderbrach.
„In den Archiven der Nato finden sich mindestens 15 Spannungsmomente, die die Nato an den Rand ihrer Existenz gebracht haben“, schreiben die Autoren – darunter „gemeine Beleidigungen über den Atlantik“. Frankreich und Griechenland zogen sich zwischenzeitlich aus der gemeinsamen Militärstruktur zurück.
Diese Krisen würden wie heute einem erkennbaren Muster folgen: „Wenn die Alliierten sich zanken, ist es immer aus einem von zwei Gründen (und oft beiden zugleich): Verteidigungsausgaben und Auslandseinsätze. Und doch finden sie immer wieder zueinander“.
US-Präsident Donald Trump hatte bereits in seiner ersten Amtszeit deutlich gemacht, dass er deutlich größere Anstrengungen von den europäischen Bündnispartnern erwarte. Mehrfach drohte er mit einem Austritt aus dem Bündnis, berichtete etwa der ehemalige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. 2024 sorgte Trump für Aufsehen, als er davon sprach, in seinen Augen säumige Nato-Länder nicht mehr zu beschützen.
USA halten Artikel 3 für wichtiger als Artikel 5
Gaub und Heist schreiben: Schon häufig hätten die Amerikaner von den Europäern höhere Verteidigungsausgaben gefordert, etwa der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy. Die Europäer hätten damals entgegnet, der amerikanische Nuklearschirm mache konventionelle militärische Kapazitäten überflüssig.
Gaub und Heist zitieren auch den Nato-Botschafter Lyndon B. Johnson, der gesagt habe: „Sofern die Europäer kein lebhaftes Interesse an ihrer eigenen Verteidigung zeigen, wird es für eine Regierung in Washington politisch unmöglich, ihrer eigenen Bevölkerung darzustellen, dass wir Partner in einer kollektiven Sicherheitsmission sind.“
Das Fazit: „Während die Europäer Artikel 5 – die Beistandsklausel – für den wichtigsten des Nordatlantischen Vertrags halten, ist es für die USA Artikel 3.“ Jener Abschnitt hält die Entwicklung „gemeinsamer Widerstandskraft“ fest – also militärischer Investitionen. „Harsche Rhetorik“ habe in der Vergangenheit immer den Effekt, „dass die Europäer in Sachen Verteidigungsausgaben in Bewegung kamen“.
Auch Uneinigkeit über militärische Aktionen außerhalb des Bündnisgebiets habe es schon immer gegeben, etwa bei den Angriffen gegen Serbien. Zuletzt hatte Trump den Europäern immer wieder vorgeworfen, ihn nicht bei seinem Krieg im Iran zu unterstützen. Gaub und Heist resümieren: „Diese Fragen wurden nie vollständig gelöst. Aber sie haben das Bündnis letztlich auch nie zerstört.“
Gaub leitet die Forschungsabteilung des Nato Defense College in Rom. Heist dient im Supreme Headquarters Allied Powers Europe.
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