„Teddybär mit Kern aus Stahl“ – Der General, der Netanjahu gefährlich wird
Auf den ersten Blick dürfte Gadi Eisenkot keine Chance haben, Benjamin Netanjahu bei der Wahl im Oktober aus dem Amt zu drängen. Er ist schroff, gilt als unbeholfener Redner und politisch ist er ein Neuling. Dennoch ist der 66-jährige frühere Generalstabschef der israelischen Armee zum gefährlichsten Herausforderer des altgedienten Ministerpräsidenten aufgestiegen.
Eine aktuelle Umfrage der Zeitung „Maariv“ sieht Eisenkot in der Wählergunst erstmals vor Netanjahu – wenngleich keiner von beiden Kandidaten es derzeit schaffen würde, eine Regierungsmehrheit hinter sich zu versammeln. 41 Prozent der wahlberechtigten Israelis sehen Eisenkot, dessen Sohn als Soldat in Gaza fiel, als geeigneten Regierungschef. Amtsinhaber Netanjahu kommt derzeit auf 40 Prozent.
Eisenkot ist längst nicht der erste hochrangige Militär, der Netanjahu ablösen will. Der Premierminister führt Israel inzwischen seit 18 Jahren nahezu ununterbrochen, dazu kommt noch seine dreijährige Amtszeit Ende der 1990er-Jahre. Aber immer mehr politische Kommentatoren in Israel glauben, dass Eisenkot den Zugriff des 76-jährigen Netanjahu auf das Amt des Ministerpräsidenten brechen kann – mit einem Angriff aus der sicherheitspolitisch geprägten politischen Mitte.
Seit fast drei Jahren befindet sich Israel im Krieg an mehreren Fronten. Aber das iranische Regime ist nicht kollabiert, die Hamas kontrolliert weiter den bewohnten Teil des Gazastreifens, die Hisbollah erstarkt im Libanon, und US-Präsident Donald Trump demütigt Netanjahu auf offener Weltbühne. Netanjahu befindet sich im politischen Kampf seines Lebens.
Das größte Risiko für den Likud-Vorsitzenden besteht darin, dass Wähler des Mitte-Rechts-Spektrums zu dem Schluss kommen könnten, dass seine gewohnt großen Worte nicht mehr zu dem passen, was sie im Alltag erleben. In einer solchen Stimmung wird Netanjahu angreifbar – gerade gegenüber einer Figur wie Eisenkot, dessen betonter Verzicht auf Selbstinszenierung viele glauben lässt, hier stehe endlich eine authentische, strategisch denkende Führungsfigur.
Maoz Rosenthal, Politikwissenschaftler in Jerusalem, formuliert es so: „Viele, die Netanjahu satthaben, haben auch seine Gesten und seinen Stil satt. Sie mögen diesen alten General, der zögert, bevor er spricht, und der sich seiner Worte sicher sein will.“ Eisenkot, sagt Rosenthal, erinnere die Wähler an Jitzchak Rabin, den verehrten Kriegerstaatsmann.
Als Ministerpräsident hatte Rabin sein Land Anfang der Neunziger auf einen Kurs der Verständigung mit den Palästinensern geführt, bevor er 1995 von einem jüdischen Extremisten ermordet wurde. Ein anderer Kommentator beschrieb den Politik-Neuling Eisenkot als „Teddybär mit einem Kern aus Stahl“.
Ein Aufsteiger
Eisenkot, aufgewachsen in den Randstädten Eilat und Tiberias, entstammt jener israelischen Arbeiterschicht, aus der der Likud seit jeher einen Großteil seiner Wählerschaft schöpft. Er trat als einfacher Soldat in die Golani-Infanteriebrigade ein – eine der traditionsreichen Kampfeinheiten Israels – und arbeitete sich hinauf bis zum höchsten Offizier der Streitkräfte.
Netanjahu hingegen ist der Sohn eines prominenten Akademikers und verbrachte einen Großteil seiner Jugend in den privilegierten Zirkeln der Vereinigten Staaten; er studierte am Massachusetts Institute of Technology. Auch Netanjahu diente mit Auszeichnung in der Armee, in der Spezialeinheit Sajeret Matkal – doch seine militärische Laufbahn wirkt für viele blasser als Eisenkots Aufstieg von weit unten.
Ob berechtigt oder nicht: Einige Kommentatoren verbinden den Klassenunterschied zwischen Eisenkot und Netanjahu mit den grundverschiedenen persönlichen Opfern, die beide im Krieg gegen die Hamas erbringen mussten.
Keiner der beiden Söhne Netanjahus leistete nach dem 7. Oktober 2023 Militärdienst, obwohl ihr Vater diesen Krieg zu einem biblischen Kampf der Kulturen erklärt hatte. Eisenkot dagegen erfuhr zwei Monate nach Beginn des Konflikts, dass sein jüngster Sohn Gal, 25 Jahre alt, in Gaza gefallen war. Zwei Neffen verlor er ebenfalls. Das ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als er kurzzeitig der Regierungskoalition angehörte.
Vor zehn Tagen, beim Auftakt zum Wahlkampf seiner Partei Jaschar – hebräisch für „gerade“ oder „aufrichtig“ –, vermied Eisenkot es, den Namen seines Sohnes zu nennen. Aber er verwob die Tragödie seiner Familie mit sicherer Hand in die Erzählung des heutigen Israels: „Der Schmerz dieses Krieges wird nie ausgelöscht. Doch ich bin überzeugt, dass wir die Kraft in uns tragen, wieder aufzubauen und zu blühen.“
Das hat den Ministerpräsidenten offenbar aufhorchen lassen. Der Likud und seine Anhänger haben in den vergangenen Tagen eine ganze Welle politischer Angriffe gestartet. „Ohne Tibi kein Gadi“, heißt es in einem der Slogans, gemünzt auf Ahmad Tibi, den Vorsitzenden einer der arabischen Parteien, mit denen Eisenkot, so behaupten es die Kritiker, koalieren müsste, wollte er Ministerpräsident werden.
In einem Israel nach dem 7. Oktober, wo Misstrauen gegen die arabischen Mitbürger gewachsen ist, könnte das ein wirksamer Schlag sein. Es ist ein Angriff, den Netanjahu schon gegen andere Herausforderer geführt hat – etwa gegen die früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett und Jair Lapid, die auf einer gemeinsamen Liste antreten, in den Umfragen aber inzwischen weit hinter Eisenkot liegen.
Dass der Likud sein Feuer nun beinahe ausschließlich auf Eisenkot richtet – ein Insider erzählte dem US-Sender CNN, man habe Hunderte entsprechender Video-Spots für Social Media in der Schublade –, kommt in den Augen israelischer Kommentatoren einer inoffiziellen Bestätigung gleich: Er ist der Hauptgegner.
Populäre Reizthemen
Trotz seines tastenden Duktus geht Eisenkot programmatisch klug vor. Er umwirbt jene Wähler der Mitte und der gemäßigten Rechten, die von Netanjahu abgerückt sind – wegen des Versagens der Sicherheitskräfte am 7. Oktober und wegen seines Politikstils, der das Land spaltet. Dazu gehören scharfe Kritik am persönlichen Auftreten des Ministerpräsidenten und ein Fokus auf populäre Reizthemen, etwa Netanjahus Weigerung, die ultraorthodoxen Männer zum Wehrdienst heranzuziehen, obwohl der Armee die Soldaten ausgehen.
Ebenso wichtig für den Wahlkampf ist jedoch, worüber Eisenkot schweigt. Experte Rosenthal formuliert es so: „Er hat bei dieser Wählerschaft ein offenes Ohr gefunden, und er arbeitet hart daran, dass es offen bleibt – indem er die Themen meidet, mit denen dieser Teil des Elektorats nichts anfangen kann: Rückzug aus dem Westjordanland, Zweistaatenlösung. Er weiß, dass diese Leute Araber nicht mögen.“
Eisenkot hat erklärt, er werde keine Koalition mit arabischen Parteien bilden. Analysten glauben allerdings, dass er ohne sie kaum eine Regierung zusammenbekommen dürfte – selbst wenn es ihm gelingt, ein breites Bündnis jüdisch-israelischer Parteien von Mitte-Links bis Mitte-Rechts zu schmieden. Denkbar wäre eine stille Übereinkunft: Die arabischen Parteien blieben formal draußen, würden eine solche Regierung aber bei Misstrauensvoten stützen.
Wie eine Regierung Eisenkot in der Praxis aussähe, lässt sich kaum vorhersagen. Als Soldat war er dafür bekannt, methodisch auf klar definierte strategische Ziele hinzuarbeiten. So warf er Netanjahu dann auch vor, in Gaza taktischen Siegen ohne strategischen Zusammenhang hinterherzujagen. Im Jahr 2024 verließ Eisenkot sichtlich verärgert Israels Kriegsregierung.
Persönlich, so heißt es, lege er strikten Wert auf Integrität. Ins Amt des Generalstabschefs wurde er ausgerechnet von Netanjahu berufen; er hatte es von 2015 bis 2019 inne. In dieser Zeit unterstützte er die strafrechtliche Verfolgung von Elor Asaria. Der Soldat hatte einen palästinensischen Angreifer erschossen, der bereits verwundet am Boden lag und keine Gefahr mehr darstellte. Der Fall wurde zum Politikum; Netanjahu kritisierte den Ausgang des Verfahrens. Viele erwarten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er die Sache gegen Eisenkot in Stellung bringt, um seine Likud-Stammwähler zu mobilisieren.
Eine Taube ist der Ex-General deshalb noch lange nicht. Er war maßgeblich an der Formulierung der Dahiya-Doktrin beteiligt – jener Militärstrategie, die den massiven Einsatz zerstörerischer Feuerkraft gegen zivile Wohngebiete befürwortet, in denen sich Infrastruktur von Terroristen befindet, zur Abschreckung.
Im Jahr 2019 verfasste er zudem eine sicherheitspolitische Schrift mit, die sich unumwunden auf das Denken Ze'ev Jabotinskys stützt – jenes Vordenkers des revisionistischen Zionismus, aus dessen Strömung auch Netanjahus Likud hervorgegangen ist.
Es ist möglich, dass eine Regierung unter Eisenkot Israels militärische Härte an den bekannten Brennpunkten nicht spürbar zurückfahren würde. Was sich unter ihm aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ändern würde, ist etwas anderes: die politische Kultur, von Grund auf. Und wenn die Umfragen nicht trügen, ist es das, was viele Wähler wollen – nicht einen anderen Kurs, sondern einen anderen Ton.
Dieser Text erschien zuerst beim britischen „Telegraph“ und wurde aus dem Englischen übersetzt. Aktualisiert und redaktionell bearbeitet von Philip Volkmann-Schluck.
Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, Business Insider, WELT, „Bild“, Onet und Fakt – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke