Eine nie dagewesene Gefahr für die Urteilskraft des Menschen
Während die Debatte über den richtigen oder falschen Einsatz von Künstlicher Intelligenz im medialen Spektrum hochkocht und Politiker wie Journalisten unter Druck setzt, erlaubt sich die Zeitschrift „Lettre International“ – die noch immer auf ein reines Print-Format setzt – in ihrer Sommerausgabe eine Tiefenreflexion über unsere digitale Lebensrealität. Sie fällt naturgemäß düster aus; seit jeher hat technologischer Wandel kulturkritische Angst und Sorge ausgelöst.
Stets geht es um den Verlust des Vertrauten, um unkontrollierbare Veränderungen und den Verfall des geistigen Lebens. Wer sich darüber lustig macht, hat nicht verstanden, dass die KI mit bisherigen Einschnitten der Technikgeschichte nicht vergleichbar ist. „Denn Dampfmaschinen ersetzten Muskelkraft, Computer ersetzten Rechenleistung, Automaten ersetzten Routine. Sie veränderten die Welt, aber sie ließen das Zentrum der Entscheidung unangetastet“, analysiert der Künstler und ehemalige Manager Philipp Humm. Der entscheidende Unterschied: „Künstliche Intelligenz hingegen greift genau dort an. Sie ersetzt nicht ein Vermögen, sondern eine Instanz: Urteilskraft.“
Es geht also nicht um eine Verweigerung, neue Techniken anzuwenden, sondern um die Warnung vor ihrem fahrlässigen Einsatz. Gerade wer Mündigkeit und Eigenverantwortung als Lebenselixier einer freien Gesellschaft betrachtet, sollte alarmiert sein angesichts der Möglichkeit, unsere Verstandeskraft an eine Maschine zu delegieren, über deren weitere Entwicklung wir nicht verfügen können.
Angetrieben durch die Suchtstruktur der Aufmerksamkeitsökonomie, verstärken wir diese Selbstentmachtung freiwillig und komponieren alsbald unsere eigene Science-Fiction, wie die Rechtswissenschaftlerin Marietta Auer in der Juli-Ausgabe des „Merkur“ schreibt. Man muss ihre dystopische Annahme, wir befänden uns bereits im Zeitalter eines „modernen Tech-Totalitarismus“, nicht teilen, um zu erkennen, dass der Kampf gegen „narzisstische Demütigung“ zum Scheitern verurteilt ist.
„Man giert nach Aufmerksamkeit, aber man verhungert daran“, stellt der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt ebenfalls im „Lettre International“ fest. Nie ist es im „digitalen Nihilismus“ genug. Größtmögliche Optimierung verspricht dagegen die KI – doch es ist ein falsches Versprechen. „Effizienz entlastet nicht. Sie verdichtet.“ Jede Einsparung schaffe neue Aufgaben, jede Beschleunigung weitere Verpflichtungen.
Was zu tun ist, wird somit nicht weniger, sondern mehr. Das ist das Kennzeichen der paradoxen Moderne – und das Dilemma der gegenwärtigen Arbeitswelt. Mögen sich dahinter faustische Motive verbergen, wie der Autor meint, oder nicht: Zu Recht sieht er unsere einzige Chance, nicht zu sekundären Steuerungselementen zu verkommen, in dem Vermögen, diese Dynamiken zu unterbrechen und innezuhalten.
Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.
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