Rund 40 Prozent der geschätzten Lithium-Vorkommen auf der Welt schlummern im sogenannten Lithium-Dreieck, das Argentinien (28 Millionen Tonnen), Bolivien (23 Millionen) und Chile (13 Millionen) umfasst. Zwar verändern sich durch regelmäßige Funde in den USA, Australien oder China die Kräfteverhältnisse auf dem Weltmarkt, doch das südamerikanische Dreieck bleibt für die Versorgung mit dem Rohstoff essenziell.

Lithium ist für die Mobilitätswende von großer Bedeutung. Das Leichtmetall wird für die Herstellung von Batterien für Elektroautos benötigt. Auch in Handyakkus ist Lithium verbaut.

Doch die zuweilen rücksichtslose Förderung der Vorkommen löst zunehmend Protest und Widerstand aus. Nicht nur im südamerikanischen Dreieck, auch in den USA mehren sich die Stimmen, die sich von der rasanten Entwicklung übergangen fühlen und auf ihre Rechte pochen.

Vor wenigen Tagen machten Vertreter indigener Gemeinschaften aus Bolivien, Chile und Argentinien im Rahmen des 25. Ständigen Forums der Vereinten Nationen für indigene Fragen in New York ihrem Ärger Luft und berichteten über die Verletzung „ihrer kollektiven Rechte im Zusammenhang mit der Lithiumgewinnung“. Man sehe mit großer Besorgnis, dass die Energiewende „die Fehler des traditionellen extraktivistischen Modells wiederholen könnte“, sagte William Colque, Vertreter indigener Gemeinschaften aus dem Umfeld des lithiumreichen Coipasa-Salzsees in Bolivien.

Colque meint damit vor allem die Förderung von Öl und Gas, die in den vergangenen Jahrzehnten Umweltschäden hinterlassen hat, gleichzeitig aber nur wenig zur ökonomischen Entwicklung der Gesellschaften beigetragen. Nun drohten sich die Muster beim Lithiumabbau zu wiederholen.

Boliviens Regierung legt Verträge auf Eis

Die Kritik richtet sich vor allem gegen russische und chinesische Konzerne. Peking will zur Weltmacht für Elektroautos aufsteigen. Dafür braucht China die Lithiumvorkommen in Bolivien.

Doch die Verträge über die Rohstoffgewinnung seien ohne die eigentlich vorgeschriebenen Konsultationen mit den vor Ort lebenden indigenen Völkern zustande gekommen, kritisiert Colque, der die Selbstbestimmung der Völker dadurch eingeschränkt sieht.

Inzwischen hat die neue bolivianische Regierung die Verträge auf Eis gelegt. Colque fordert: „Wir sollten an diesem Prozess beteiligt sein, um zu erfahren, welche Umweltschäden verursacht werden und wie viel Wasser für die Lithiumgewinnung benötigt wird.“

Auch aus Chile berichteten Umweltschützer, welche Konsequenzen der Lithiumabbau für die Region hat. Im Atacama-Salzsee erfolgt dieser durch die Verdunstung der Sole, die aus dem Untergrund gefördert wird. Dieses Verfahren sei umstritten, da es enorme Wassermengen verbrauche, berichtet die Biologin und Aktivistin Faviola Gonzáles Soto. Die Atacama-Wüste gilt als die trockenste der Welt.

Gonzáles Soto stammt selbst aus einer betroffenen Gemeinde. In einem Interview mit dem Portal „Sumando Voces“ kritisiert sie: „Die Hauptfolge ist, dass die Lagunen am Rande des Salar de Atacama immer mehr an Größe verloren haben. Das Grundwasser ist zurückgegangen.“ Betroffen seien auch Brutgebiete verschiedener Vogelarten, wie die des Andenflamingos.

Die Konsultationen in Chile kritisiert sie als unzureichend: „Die Idee ist, dass die Projekte im Voraus unter Beteiligung der indigenen Gemeinschaften ausgearbeitet werden, aber das geschieht nicht. Das Projekt kommt fertig ausgearbeitet an, und die meisten Anmerkungen der Gemeinschaften werden nicht berücksichtigt.“

Jüngste Funde großer Lithiumvorkommen in den USA haben dort inzwischen eine ganz ähnliche Debatte angestoßen. Allein im Bundesstaat Nevada gibt es drei riesige Abbauprojekte. Doch auch dort fühlen sich die indigenen Gruppen überrumpelt.

Shelley Harjo vom „Stamm der Paiute und Shoshone von Fort McDermitt“ blickt mit Sorge auf die Lithium-Projekte. Die Mine werde Heimat und Lebensweise des Stammes zerstören, fürchtet er. „Die Tatsache, dass wir und Generationen unserer Nachkommen für grüne Energie geopfert werden – warum muss das auf Kosten der indigenen Bevölkerung gehen? Wir sind Menschen, wir zählen genauso wie alle anderen auch.“

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke