„Fallschirmtruppe“ – AfD-Abgeordneter bewarb sich mit Falschangabe für den Bundestag
Oktober 2024 in Ulm. Mehr als 850 Mitglieder der baden-württembergischen AfD sind am ersten Samstag des Monats zusammengekommen, um die Landesliste für die Bundestagswahl zu wählen. Gegen 20.20 Uhr tritt Heinrich Koch auf die Bühne, Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Mannheim sowie Vize-Fraktionschef im dortigen Gemeinderat.
„Es freut mich, dass ein Bundeswehr-Kamerad da ist“, sagt Koch im Oktober 2024 in Ulm gleich zu Beginn seiner Rede. „Ich bin Oberstleutnant der Fallschirmtruppe.“ Sofort gibt es den ersten Applaus. „Im Rahmen meiner Bundeswehr-Zeit wurde ich zum Offizier ausgebildet und habe heute den Dienstgrad Oberstleutnant.“ So ist es auf einem WELT vorliegenden Mitschnitt der Rede zu sehen. Am nächsten Tag wird Koch mit knapp 84 Prozent auf den 15. Listenplatz gewählt und zieht im Februar 2026 in den Bundestag ein.
Bereits in der vergangenen Woche hatte der „Politico“-Podcast „Inside AfD“ über mehrere irreführende Angaben in Kochs eigener Darstellung seiner Bundeswehr-Karriere berichtet. Demnach suggeriert der 64-Jährige durch seine Angaben in seinem Lebenslauf eine jahrzehntelange aktive Dienstzeit sowie durchgehende militärische Tätigkeit in der Bundeswehr.
So schreibt er etwa auf seiner Website von einer „Bundeswehrzeit (1981 bis dato)“ und dem „Dienstgrad Oberstleutnant (A15)“. Allerdings war er seit dem Grundwehrdienst zwischen Juli 1981 und September 1982 ausschließlich neben seinem zivilen Berufsleben als Reservist tätig, absolvierte eine Ausbildung zum Offizier über die Reserveoffizieranwärter-Laufbahn und erhielt eine solche Besoldung ausschließlich im Rahmen zeitlich befristeter Reservedienstleistungen. Koch nahm zwischen 1984 und 2024 fast jährlich an Reservedienstleistungen teil und wurde 2004 zum Oberstleutnant der Reserve ernannt.
Die Behauptung aus der Ulmer Bewerbungsrede ist falsch. Koch wurde zu keinem Zeitpunkt in der Fallschirmjägertruppe eingesetzt. „Herr Koch hat die klassische Ausbildung zum Jägeroffizier absolviert“, teilte eine Sprecherin der Bundeswehr auf WELT-Anfrage mit. Koch selbst hatte bereits in der vergangenen Woche bestätigt, nicht in einem Fallschirmjägerverband verwendet worden zu sein. Die Fallschirmtruppe wird häufig als besonders spezialisierte und prestigeträchtige Einheit wahrgenommen.
Bereits in einem Text der Deutschen Presse-Agentur vom Juni 2024 zu einem Messerangriff gegen Koch hieß es: „Koch gab an, er sei Fallschirmjägeroffizier als Oberstleutnant der Reserve und habe eine Ausbildung im Nahkampf genossen.“ Dazu teilte Koch mit, er könne nicht mehr nachvollziehen, „welche konkreten Aussagen unmittelbar nach dem Ereignis gegenüber Dritten getroffen wurden, da ich infolge der Verletzungen über einen längeren Zeitraum beeinträchtigt war“. Er habe eine „Fallschirmsprungausbildung an der Luftlandeschule Altenstadt absolviert“.
Hierzu liegt WELT ein „Antrag auf Ausnahmegenehmigung zum Besuch des Springer-Lehrganges“ vor, den das Territorialkommando Süd im September 1989 an das Personalstammamt der Bundeswehr gerichtet hatte. Koch habe bereits eine „zivil-private Fallschirmspringerausbildung erfolgreich durchlaufen“ und das „US-Fallschirmspringerabzeichen erworben“, heißt es darin. Er gehörte allerdings nie der Fallschirmtruppe an.
„Spontane Darstellung ohne vorbereiteten Text“
„Ich habe nicht in einem Fallschirmjägerbataillon gedient“, teilte Koch nun auf eine erneute Anfrage mit. „Die im Video verwendeten Formulierungen sind vor dem Hintergrund einer frei gehaltenen, verkürzten Rede zu sehen. Es handelte sich um eine spontane Darstellung ohne vorbereiteten Text. Einzelne Begriffe wurden dabei verkürzt wiedergegeben und sind nicht als truppengenaue oder juristisch exakte Begriffsbestimmung zu verstehen.“
Die WELT-Recherche zeigt, dass Koch auch innerhalb der AfD-Bundestagsfraktion mit irreführenden Angaben zu seiner Bundeswehr-Karriere auffiel. Demnach wurden alle Mitglieder des Fraktions-Arbeitskreises Verteidigungspolitik in einer E-Mail vom 8. Juli 2025 von einem Referenten gebeten, „die reine Dienstzeit (aktive Dienstzeit ohne Reservedienst) zu übermitteln“.
Am nächsten Tag sagte der damalige verteidigungspolitische Sprecher der AfD, Rüdiger Lucassen, in einer Bundestagsrede: „Allein die Verteidigungspolitiker der AfD-Fraktion kommen zusammen auf 210 Dienstjahre. Aneinandergereiht reicht das von heute bis ins Jahr 1815. Da war Blücher gerade in Waterloo angekommen.“
Aus Kochs Büro war dem Arbeitskreis die höchste Dienstzeit aller Mitglieder übermittelt worden: 43 Jahre. Lucassen hatte sich auf die Angaben aus den Büros seiner Kollegen verlassen. Tatsächlich beträgt Kochs aktive Dienstzeit ohne Reservedienst 15 Monate. Die fast jährlichen Reservedienstleistungen zwischen 1984 und 2024 umfassen üblicherweise wenige Wochen pro Jahr. Gefragt war explizit nach der „aktiven Dienstzeit ohne Reservedienst“.
Koch gibt hierzu an, von der Abfrage nichts gewusst zu haben. „Von einer internen E-Mail innerhalb der AfD-Verteidigungspolitiker und der Nennung einer Dienstzeit von 43 Jahren habe ich erstmals durch Ihre E-Mail erfahren“, teilte er mit. „Die von Ihnen dargelegten Sachverhalte kannte ich nicht und wurden ohne mein Wissen von meinem ehemaligen Büroleiter, der niemals bei der Bundeswehr gewesen war, aus meinem Büro heraus veranlasst.“
„Inside AfD“ hatte in der vergangenen Woche über ein Social-Media-Posting auf Kochs Kanälen berichtet, in dem es im Juni 2025 zur Einführung des Nationalen Veteranentags hieß: „Als Oberstleutnant a.D., mit 36 Dienstjahren bei der Bundeswehr, begrüße ich diesen wichtigen Schritt ausdrücklich.“ Nach dem Reservistengesetz ist für Reservisten der Zusatz „der Reserve“ („d. R.“) vorgesehen. Frühere Berufssoldaten sind demnach berechtigt, ihren Dienstgrad mit dem Zusatz „a. D.“ („außer Dienst“) zu führen. Koch, der kein Berufssoldat war, sprach hierzu von einer „irrtümlichen Verwendung“ durch die „Social-Media-Betreuung“.
Die Bundeswehr will sich diesbezüglich nicht zu möglichen disziplinarrechtlichen Vorgängen äußern. „Allgemein und ohne Bezug zum Einzelfall können wir Ihnen mitteilen: Werden Tatsachen bekannt, die zum Beispiel den Verdacht eines Dienstvergehens rechtfertigen, ist die jeweils zuständige Stelle nach der Wehrdisziplinarordnung verpflichtet, den Sachverhalt durch die erforderlichen Ermittlungen aufzuklären“, sagte eine Sprecherin.
Nach einem Festakt zum Veteranentag der Stadt Mannheim beschwerte sich Koch in einem WELT vorliegenden Brief beim Oberbürgermeister Christian Specht (CDU), nicht „an herausgehobener Stellung in Ihrer Rede begrüßt“, sondern „ganz ans Ende der Begrüßungsansage gestellt“ worden zu sein. „Ich halte mich für alles andere als eitel oder ‚ehrpusselig‘“, heißt es in dem Schreiben weiter. Koch ist Leiter eines Kreisverbindungskommandos für zivil-militärische Zusammenarbeit und bezeichnet sich daher als „Chef eines Bundeswehrkommandos“ – obwohl es sich nicht um eine klassische Truppeneinheit handelt.
WELT liegen mittlerweile zudem mehrere E-Mails vor, mit denen Koch bei Veranstaltungen der Bundeswehr angemeldet wurde. Sowohl für den Tag der Bundeswehr im Juni 2025 in Köln als auch für den Tag der Infanterie in Hammelburg im Juli 2025 gab Kochs Bundestagsbüro die Bezeichnung „Oberstleutnant a.D.“ an. Die Mails seien ohne sein Wissen von seinem Büroleiter verfasst sowie „ohne i.A. (im Auftrag, Anm. d. Red.) oder i.V. (in Vollmacht, Anm. d. Red.) eigenmächtig unterschrieben und gezeichnet“ worden, teilte Koch hierzu mit. Nicht mit der Materie befasste Personen seien „über die Feinheiten der militärischen Terminologie nicht im Bilde“.
Im Arbeitskreis Verteidigung war die „Inside AfD“-Recherche in dieser Woche Thema. Mehrere Abgeordnete kritisierten Koch für die Darstellungen in seinem Lebenslauf und forderten Aufklärung. Koch selbst verließ die Sitzung zu Beginn des Tagesordnungspunkts. In internen Chatgruppen von Mitgliedern der Südwest-AfD behauptete Koch ohne Konkretisierung, die Vorwürfe seien „im Kern nicht haltbar“. „Weiterer Klärungsbedarf besteht insoweit nicht“, schrieb Koch in einer weiteren Chatnachricht. „Mit diesem Schreiben möchte ich den Vorgang für unseren internen Rahmen abschließen.“
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
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