Nach vier Jahren des Krieges steht das System Putin am Scheideweg. Die Machtvertikale des russischen Präsidenten ist zwar unumstritten. Doch zwischen dem Kreml, den Eliten und der Bevölkerung brodelt es – wenige Monate vor den Duma-Wahlen, die Wladimir Putins politische Vision der nächsten vier Jahre festschreiben sollen. Der Kreml muss jetzt eine neue Formel finden, um Putins Machtfülle, den Krieg in der Ukraine und die Regimestabilität gegeneinander auszubalancieren.

Wirtschaftslage

Der Wirtschaftsboom durch den Ukrainekrieg gehört längst der Vergangenheit an. Von den Militärausgaben profitiert nur noch der Rüstungssektor, andere Industrien lahmen. Im Jahr 2025 wuchs die russische Wirtschaft um ein Prozent, und in diesem Jahr kann das Wachstum laut Prognosen des renommierten finnischen Forschungsinstituts Bofit höchstens genauso groß sein.

Die Sperre der Straße von Hormus und die hohen Ölpreise dürften Russland Vorteile bringen, aber keine nachhaltigen, warnt die Zentralbankchefin Elvira Nabiullina. Wenn die Nahost-Krise andauere, könnten die global steigenden Kosten von Gütern die kurzfristigen Vorteile zusätzlicher Öleinnahmen zunichtemachen, sagte Russlands oberste Währungshüterin kürzlich.

Laut Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow hat die russische Wirtschaft ihre Reserven weitgehend aufgebraucht: Der starke Rubel, der hohe Leitzins, Arbeitskräftemangel und Haushaltsdefizite lähmten die Entwicklung der Wirtschaft, so zählte er bei einem Wirtschaftsforum auf.

Dazu kommen Steuererhöhungen, die Konsumenten und Unternehmen spürbar belasten. Die Einkünfte der Haushalte steigen laut Statistik, aber die Konsumbereitschaft ist so niedrig wie lange nicht mehr. Der Grund sind die steigenden Preise und die ökonomische Unsicherheit.

Angriffe der Ukraine

Die häufigen ukrainischen Drohnen-Attacken auf russischem Territorium werden allmählich zu einem ernsten Problem für den Kreml. Im März flogen erstmals mehr unbemannte Flugobjekte aus der Ukraine gegen Ziele in Russland als umgekehrt. Sie treffen Rüstungsfabriken und die Öl- und Gas-Infrastruktur bis zum Ural. Die russische Flugabwehr weist immer mehr Lücken auf.

Die Hafenstadt Tuapse am Schwarzen Meer steht nach drei Wellen von Angriffen auf die örtliche Erdöl-Raffinerie am Rande einer Umweltkatastrophe. Vor der Küste treiben Ölflecken auf dem Meer, es gibt Berichte über schwarzen, ölverseuchten Regen, Schulen sind geschlossen. Kurz vor der Hauptreisezeit ist der bei heimischen Touristen beliebte Süden Russlands zum Gefahrengebiet geworden.

Hunderte Kilometer nördlich, in Sankt Petersburg mit seinen zahlreichen Rüstungsbetrieben, gehören Drohnenangriffe inzwischen zum Alltag. Der Gouverneur der Region bezeichnet diese als „frontnahes Gebiet“. Der Krieg ist überall im europäischen Teil Russlands spürbar. Einzig die Hauptstadt Moskau wird davon abgeschirmt – mit einer immer engmaschigeren Luftverteidigung.

Gesellschaftliche Stimmung

Die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende und die Rückkehr zur alten Normalität hegt in Russland niemand mehr. „Das Leben der Menschen wird schlechter, und es sind keine Perspektiven der Verbesserung zu sehen“, fasst die russische Exil-Politologin Jekaterina Schulmann im Gespräch mit dem Onlinemagazin iStories die Lage zusammen.

Die Zahl der Privatinsolvenzen stieg im vergangenen Jahr um 31 Prozent auf 568.000. Putins Beliebtheitswerte fallen spürbar, selbst in Umfragen staatlicher Institute. Als die Demoskopen von Viziom kürzlich ohne Vorgabe nach den vertrauenswürdigen Politikern fragten, nannten nur 31 Prozent Wladimir Putin. Vor vier Jahren waren es noch 44 Prozent. Wurden Antwortoptionen angeboten, vertrauten Putin immerhin 74 Prozent – sechs Prozent weniger als im vergangenen Dezember. Für einen Autokraten, der die Massenmedien in seinem Land kontrolliert, ist das nicht viel.

Putins Sicherheitsorgane wie der Inlandsgeheimdienst FSB diktieren immer mehr die Regeln. Besonders unpopulär ist dabei die Sperre des Messenger-Dienstes Telegram, die ohne öffentliche Erklärung seit Beginn des Jahres schrittweise ausgeweitet wird. In Umfragen befürwortet nur ein Drittel der Befragten die Blockaden. Telegram ist längst zu einer Art Internet-Betriebssystem Russlands geworden. Werbung, Vertrieb, politische Kommunikation müssen sich nun neue Kanäle suchen – die dann harter staatlicher Zensur unterliegen.

Zaghafte Kritik an den Problemen im Land üben inzwischen selbst kremltreue Influencer wie die Society-Dame Wiktorija Bonja. Bonja, wohnhaft in Monaco, spricht zu einem Publikum von mehr als 13 Millionen Followern bei der in Russland eigentlich verbotenen Plattform Instagram. „Die Menschen haben Angst vor Ihnen, Wladimir Wladimirowitsch“, sagte sie an Putin gewendet in einem Video – und wurde daraufhin vom staatlichen Propagandisten Wladimir Solowjow angegriffen, nur um sich kurze Zeit später mit ihm zu versöhnen. Dem eigenen Selbstverständnis nach ist Bonja „keine Oppositionelle“.

Wladimir Putin

Kritik aus der Duma

Auch Gennadi Sjuganow kann kaum als Putin-Kritiker gelten, auch wenn der 81-jährige Chef der Kommunistischen Partei ist, die offiziell in der Opposition ist. Doch normalerweise äußert sich Sjuganow zuverlässig kremltreu – bis zur vergangenen Woche. Da klagte Sjuganow, man unterstütze mit aller Kraft Putins Ziele und Strategie, aber die Regierung „hört nicht zu“. Wenn der Kreml nicht bald „finanzielle, ökonomische und andere Maßnahmen“ treffe, drohe eine „Wiederholung dessen, was 1917“ passierte.

Eine Neuauflage der Russischen Revolution steht trotz Sjuganows Rhetorik nicht bevor. Dennoch muss sich der Kreml überlegen, wie er die Innenpolitik künftig kontrollieren will. Im Herbst stehen Duma-Wahlen an, die mutmaßlich genauso manipuliert werden wie seit Jahren. Ein allzu deutlich überhöhtes Ergebnis für die Kremlpartei Geeintes Russland wäre konfliktträchtig. In diesem Jahr ist das Rating der Partei in Umfragen zum ersten Mal seit Jahren unter 30 Prozent gefallen.

In Umfragen stehen die „Neuen Menschen“, eine Kreml-treue Partei mit demokratischem Anstrich, teilweise auf Platz zwei hinter Geeintes Russland. Gerüchte über eine bevorstehende Regierungsumbildung oder gar eine Mehrparteien-Regierung nach der Duma-Wahl kursieren in Moskau.

Kriegsverlauf

An der Front behält Russland zwar die Initiative, kann aber nur noch minimale Geländegewinne erzielen. Gleichzeitig wird die Rekrutierung neuer Vertragssoldaten für die Front immer schwieriger, trotz steigender Boni.

Die Zahlungen an Soldaten und an die Familien von Hinterbliebenen belasten den Haushalt immens. Laut Berechnungen des Russlandexperten Janis Kluge von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik fiel die Zahl der neuen Rekruten im ersten Quartal 2026 um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf etwa 800 täglich.

Die traditionelle Militärparade zum „Tag des Sieges“ auf dem Roten Platz wird in diesem Jahr zum ersten Mal seit fast 20 Jahren ohne Panzer, Raketen und Kanonen stattfinden. Eine offizielle Begründung dazu gibt es nicht.

Doch vermutlich kann die Armee angesichts der Lage an der Front keine Militärtechnik für eine Show entbehren – und fürchtet wohl obendrein einen massiven Drohnenangriff der Ukraine auf die Parade.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

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