Der Mordauftrag erreicht den 15-Jährigen über Snapchat – eine App, auf der Jugendliche sonst Fotos und Videos teilen. Im August 2025 bekommt der Niederländer dort eine Nachricht: Man suche zuverlässige Leute für einen „Job“ in Deutschland. Es müsse schnell gehen, noch am selben Abend stehe ein Auto bereit. Der Lohn: 3000 Euro.

Kriminelle Banden in ganz Europa rekrutieren immer häufiger gezielt Kinder und Jugendliche für schwerste Straftaten. Nun geht Europol in die Offensive. Die europäische Polizeibehörde baut ihre Ermittlungen massiv aus und setzt auf spezialisierte Einheiten, um den Trend zu stoppen. Gleichzeitig untersucht die Behörde ein zweites Phänomen, das dem der organisierten Kriminalität ähnelt: In sadistischen Online-Netzwerken wird gezielt Jagd auf Kinder und Jugendliche gemacht, um sie zu erniedrigen und im schlimmsten Fall in den Selbstmord zu treiben.

01/06/2025. London, United Kingdom. March for the Children of Ukraine. March for the Children of Ukraineis to mark International Children's Day. Supported by a coalition that includes the Ukraine Solidarity Campaign, President Zelensky's initiative Bring Kids Back , the Trade Union Congress, civil society organizations, and progressive Ukrainian community groups. Organisations such as Save Ukraine, which rescue and rehabilitate abducted children, are also supporting this demonstration. The campaign demands the immediate return of Ukrainian children forcibly abducted by Russia. Since the onset of the invasion, over 19,546 children have been abducted, and a staggering 1.6 million Ukrainian children have had their lives stolen, either trapped in occupied territories or forcibly taken to Russia. Picture by Martyn Wheatley / i-Images / eyevine

Aktuell ermittelt die Behörde gegen rund 1400 Personen wegen Auftragsverbrechen, wie Europol WELT AM SONNTAG in dieser Woche mitteilte. 280 Personen wurden bereits festgenommen – darunter etwa 100 Minderjährige. Ihnen werden Morde und schwere Gewalttaten vorgeworfen. Die Täter werben ihre Helfer oft in abgeschotteten Chatforen oder sogar auf Gaming-Plattformen an.

Auch der 15-jährige Niederländer sagte über Snapchat zu. Später wird die Anklage festhalten, er habe sich in einer „schwierigen familiären und finanziellen Situation“ befunden. Ein 18-jähriger Freund schließt sich ihm demnach an. Noch am selben Abend beginnt die Aktion: Ein 20-jähriger Niederländer fährt die beiden ins Rhein-Main-Gebiet, versorgt sie mit Material für eine Kugelbombe – und hilft beim Bau.

Am frühen Morgen des 5. August setzt er den 15-Jährigen vor einem Café in Frankfurt-Bockenheim ab und fährt davon. Der Jugendliche wirft den Sprengsatz durch die offene Tür des „Omonia“. Das Café steht sofort in Flammen. Der Wirt reagiert geistesgegenwärtig, tritt die Bombe in eine Ecke, vier Gäste retten sich ins Freie.

Die Polizei nimmt den 15-Jährigen wenig später in Tatortnähe fest. Sein 18-jähriger Komplize wird am selben Tag in Taunusstein gefasst, als er einen weiteren Sprengsatz vorbereitet. Ende März verurteilt das Landgericht Frankfurt den 15-Jährigen zu vier Jahren Jugendstrafe. Das Verfahren gegen den 18-Jährigen läuft noch vor dem Landgericht Wiesbaden.

Im Zentrum der Europol-Offensive steht die Taskforce „GRIMM“. Sie geht seit einem Jahr gegen das Geschäftsmodell der „Gewalt auf Bestellung“ vor. „Kinder sind für die kriminellen Netzwerke die perfekten Soldaten“, sagt der Leiter der Einheit Andy Kaag, Experte bei Europol für organisiertes Verbrechen, WELT AM SONNTAG. „Dieses Phänomen verbreitet sich in Europa mittlerweile wie ein Lauffeuer.“ Beteiligt an der Sondereinheit mit Sitz in Den Haag sind elf Länder, darunter Deutschland, Frankreich, Schweden und Großbritannien.

Im Fall der Brandanschläge in Hessen gehen Ermittler davon aus, dass hinter den Taten die Fehde zweier Drogenbanden steht – die Bomben waren wohl ein Warnsignal. Für solche Aufträge setzen die Gruppen gezielt auf Teenager: leicht zu beeinflussen, billig – und austauschbar. Werden sie gefasst, wissen sie kaum etwas über die Auftraggeber. Europol-Experte Kaag sagt: „Wichtiger aber ist, die Hintermänner ins Visier zu nehmen.“ 180 dieser Strippenzieher konnten die Ermittler im vergangenen Jahr festnehmen.

Deren Geschäftsmodell ist erschreckend simpel – und funktioniert weltweit. Rekrutierer, oft selbst kaum älter als ihre Zielgruppe, inszenieren sich in sozialen Netzwerken als Influencer. Sie sprechen die Sprache der Jugendlichen und tarnen Gewalt als „Challenge“, „Mission“ oder „Wettbewerb“. Hintermänner, die häufig im Ausland sitzen, steuern die Operationen aus der Distanz. Ein typisches Szenario: Ein Drahtzieher in Dubai, Rekrutierer in den Niederlanden, Täter, die für Anschläge nach Deutschland reisen.

Springt ein Jugendlicher an, locken ihn Geld, Anerkennung – oder Druck. Logistiker übernehmen den Rest: Sie sorgen für Transport, Unterkunft, Kleidung und Waffen. Am Tatort muss der Jugendliche die Aktion als Beweis filmen. Die Videos dienen später der Abschreckung und als Rekrutierungsinstrument. Danach ist der Täter entbehrlich. Viele werden schnell gefasst, weil sie in einem fremden Land keine Fluchtstrategie haben.

Die Mechanismen ähneln dem Vorgehen von Tätern, die Kinder im Netz gezielt manipulieren. Parallel zu Auftragstaten der organisierten Kriminalität geraten zunehmend sadistische Online-Netzwerke ins Visier von Europol-Ermittlern. In diesen Gruppen werden Minderjährige systematisch beeinflusst, missbraucht und im Extremfall in den Suizid getrieben. Die Ermittler schätzen die Szene auf rund 10.000 aktive Nutzer. Tausende Fälle von Selbstverletzung und zahlreiche Suizide stehen im Zusammenhang mit diesen sogenannten „Com“-Netzwerken, zu denen auch Gruppen wie „764“ zählen.

Einer der mutmaßlichen Köpfe des sadistischen Netzwerks, Shahriar J., steht seit Januar vor dem Hamburger Landgericht. Dem 21-jährigen Hamburger werden mehr als 200 Straftaten vorgeworfen, darunter Mord und versuchter Mord. Unter dem Pseudonym „White Tiger“ soll der Deutsch-Iraner Kinder und Jugendliche über Kontinente hinweg in Onlineforen gezielt manipuliert und missbraucht haben. Laut Anklage gewann er zunächst ihr Vertrauen, erpresste sie anschließend mit intimen Bildern und zwang sie vor laufender Kamera zu immer extremeren Selbstverletzungen – in einzelnen Fällen bis zum Suizid.

Der Fall zeigt, wie skrupellos diese Netzwerke vorgehen. Doch Ermittler fürchten, dass die Strukturen, die Kinder und Jugendliche instrumentalisieren, längst weiter reichen. „Dieses System funktioniert erfolgreich für die organisierte Kriminalität. Das bleibt nicht unbemerkt“, sagt GRIMM-Leiter Andy Kaag. Europol prüft inzwischen, ob auch staatliche Akteure wie Russland das Geschäftsmodell der „Gewalt auf Bestellung“ gezielt für eigene Zwecke nutzen.

Bereits bekannt ist der Einsatz schwedischer Drogenbanden durch den iranischen Geheimdienst, etwa bei Anschlägen auf jüdische und israelische Einrichtungen in Skandinavien. Sicherheitskreise sprechen von einer neuen Qualität der Bedrohung: Kriminelle Netzwerke werden zur verlängerten Werkbank geopolitischer Interessen.

Weapon silhouettes.

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