Vom Nawalny-Helfer zum Abschiebefall in Deutschlan
llja Shkolny wurde vor 26 Jahren in einer Moskauer Vorstadt namens Dserschinski geboren, benannt nach Felix Dserschinski, dem Gründer der berüchtigten Tscheka, der bolschewistischen Geheimpolizei. Die Stadt heißt bis heute so.
Shkolny gehörte nach eigener Darstellung zu den Helfern des Oppositionellen Alexej Nawalny, der 2024 in einem russischen Straflager starb. Shkolnys Name findet sich demnach in einer Datenbank der russischen Geheimdienste. Und doch wollte Deutschland ihn vor wenigen Wochen in sein Heimatland abschieben. Sein erster Asylantrag wurde abgelehnt; der zweite ist noch in Arbeit.
WELT trifft Shkolny im bayerischen Bayreuth. Dort lebt seine Ehefrau, eine deutsch-österreichische Doppelstaatlerin. Er studiert Soziologie und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent an der Uni. Im März saß er zwei Wochen in Abschiebehaft. Am 1. April sollte er nach Russland abgeschoben werden. „Es gab Momente von der vollen Verzweiflung bis zur vollen Hoffnung“, sagt er. Eine neue Anwältin habe bis in die Nacht Schriftsätze geschrieben und die Abschiebung in letzter Minute verhindert.
Vergangenes Jahr haben 11.106 Russen in Deutschland Asyl beantragt. Nur 0,6 Prozent der Anträge waren erfolgreich, nur 0,3 Prozent erhielten wegen Gefahr für Leib oder Leben den sogenannten subsidiären Schutzstatus. 64,1 Prozent der Asylanträge von Russen wurden als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt – wie im Fall Ilja Shkolny.
Seine Eltern – beide Chemiker – seien mit ihm von Dserschinski nach Moskau umgezogen. „Als ich Jugendlicher war, mit 14 oder 15, war ich ein bisschen stalinistisch“, sagt er. Im „Massenbewusstsein“ des heutigen Russlands gelte Stalin als so etwas wie „der gerechte Zar“. „Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass das nur so ein mythisches Bild von ihm ist, das nicht der Wirklichkeit entspricht.“
Er habe sich für Literatur interessiert. Der Umgang mit Sprache habe ihn zum Journalismus gebracht. „Dann bin ich im Internet auf die sogenannte Schule des jungen Journalisten gekommen“, erinnert sich Shkolny. Dort habe er Vorbereitungskurse für das Studium an der Moskauer Universität besucht.
Das war auch die Zeit, als Putin zum ersten Mal die Ukraine überfiel und die Halbinsel Krim eroberte. „Die Mehrheit meiner Familie stammt aus der Ukraine“, sagt Shkolny. „Ich habe auch einen Großvater, der aus der Westukraine kam.“
„Ich habe angefangen, viele Blogs zu lesen und die Informationen zu vergleichen.“ Dabei sei er auf Videos von Nawalny gestoßen, etwa die mit den Enthüllungen über Korruption und Putins Reichtümer. Nach elf Schuljahren habe er den Abschluss geschafft und sich an der Uni eingeschrieben. Da sei er auf Gleichgesinnte getroffen. „Die journalistische Fakultät war eigentlich schon ziemlich liberal.“ Im Sommer 2017 habe Nawalny Helfer für seinen Wahlkampf gesucht. „Ich habe mich für seine Kampagne angemeldet, vor allem für die Verteilung der Flugblätter.“
Er habe auch viele Protestkundgebungen Nawalnys besucht. Eine der größten habe in besagtem Sommer stattgefunden. „Es gab ein Festival damals im Stadtzentrum.“ Zu sehen, dass er nicht allein gegen Putin war, habe Mut gemacht. „Es gab die Hoffnung für die bessere Zukunft, für das sogenannte wunderschöne Russland der Zukunft.“ Die Wortschöpfung „Wunderschönes Russland der Zukunft“ sei ein geflügeltes Wort und ein Meme geworden, entstanden in dieser Zeit.
Im Jahr danach sei er gereist und in Archangelsk gelandet, der nordrussischen Hafenstadt am Weißen Meer. „Wenn ich nicht in Archangelsk gewesen wäre, dann wäre ich jetzt auch nicht hier“, sagt Shkolny. Mit „hier“ meint er die Stadt Bayreuth in Bayern.
„Schicksalhaft“ sei gewesen, dass er einen Mann auf einem Platz getroffen habe, der eigentlich mit seinen Enkeln in den Zoo gehen wollte. Mit dem sei er ins Gespräch gekommen und habe volle drei Stunden verplaudert. Gleich danach die nächste Begegnung: „Ich habe so ein interessantes, nettes Mädchen auf der Straße gesehen. Ich dachte erst, dass sie eine Einheimische war, und wollte sie bitten, mir die Stadt zu zeigen oder davon zu erzählen.“
Shkolny beim Grillen in der Wilhelminenaue in Bayreuth mit Ukrainern und weiteren oppositionellen RussenIm Gespräch habe sich herausgestellt, dass sie Deutsche sei, als Praktikantin an einer Schule in Archangelsk arbeite und Schülern Deutsch beibrachte. Auf Russisch und Französisch – seiner ersten Fremdsprache – hätten sie miteinander geredet, eine „wunderschöne Zeit“ verbracht. Die nächsten beiden Tage hätten sie sich wiedergesehen und nur geredet. Dann sei er nach Moskau heimgefahren.
Dort habe sie ihn besucht, als ihr Dienst in Archangelsk endete. „Ich habe ihr angeboten, bei mir einen Halt zu machen, damit wir in Moskau spazieren könnten. Und dann ist es so passiert, dass wir angefangen haben, uns zu treffen.“ Kurze Denkpause: „Zu daten.“ Dann sei sie heimgeflogen nach Deutschland. Die beiden blieben in Kontakt.
„In Russland sagt man nicht einfach ‚Glückwunsch‘“
In Moskau kühlte das politische Klima derweil weiter ab. Die Polizei sei allgegenwärtig gewesen, sagt Shkolny. Er sei in die Libertäre Partei eingetreten und in den Vorstand des Moskauer Stadtverbandes gewählt worden. Bei Wahlen in den Jahren 2018 und 2021 sei er Wahlbeobachter gewesen.
Dann folgte am 24. Februar 2022 die Invasion Russlands in der Ukraine. „Ich war zutiefst schockiert. Ich konnte an gar nichts anderes mehr denken.“ Am Tag darauf habe er Geburtstag gehabt. „In Russland sagt man nicht einfach ‚Glückwunsch‘, sondern man wünscht sich etwas.“ Sein Wunsch sei „Slawa Ukrajini“ gewesen, „also der Wunsch, dass die Ukraine siegt“.
Im März 2022 sei er auf einer Demonstration gewesen. „Das ganze Stadtzentrum war mit der Polizei verstopft“, erinnert er sich. „Sie haben mich zwei Mal durchsucht.“ Es sei still gewesen. Dann hätten einige angefangen, die ukrainische Nationalhymne zu singen. „Die wurden sofort in die Polizeiwagen gebracht.“ Er habe nicht mitgesungen, sagt Shkolny – er habe nicht festgenommen werden wollen, um weiter Flugblätter drucken zu können. Vielleicht hat er sich auch einfach nicht getraut.
Außerdem hätten ihn immer drängendere Einberufungsbescheide erreicht. Zum Militär habe er auf keinen Fall gewollt, erzählt Shkolny. Im Juni 2022 sei er nach Minsk (Weißrussland) geflogen, von da mit dem Bus nach Vilnius (Litauen) gefahren und von dort nach Nürnberg geflogen – mit Ziel Bayreuth und mit gültigem Visum. Im Januar 2023 stellte er seinen Asylantrag. Die Bearbeitung zog sich hin. Sein Visum verlängerte er mehrmals. Im August 2023 hatte er seine Asyl-Anhörung. Im Jahr 2024 passierte von Behördenseite gar nichts. Im April heiratete er seine Verlobte.
Im Februar 2025 erhielt er den Ablehnungsbescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Er beantragte ein Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis – alles abgelehnt. Im Oktober stellte er einen Folgeantrag auf Asyl, der bis heute nicht entschieden ist. WELT konnte seine BAMF-Akte einsehen.
Am 11. März 2026 sei er wie jeden Monat zum Sozialamt Bayreuth gegangen, um per Unterschrift seine Anwesenheit zu bekunden. Der Termin sei anders verlaufen als die vorherigen. „Die Mitarbeiter dort meinten, ihr Chef wolle mit mir reden.“ Mit dem habe er dann „gequatscht, also das war Geplauder. Dann hat er angefangen, etwas im Computer zu schreiben. Ich dachte mir, okay, ich warte so ein bisschen.“
Dann seien Polizisten ins Zimmer gekommen. „Sie fragten mich: ‚Sind Sie Shkolny?‘ Ich sagte: ja. Dann sagten sie: ‚Sie sind festgenommen.‘“ In Handschellen hätten sie ihn zuerst zum Polizeipräsidium in Bayreuth gebracht und dann an Händen und Füßen gefesselt in die Abschiebehaft nach Hof.
Da sei er zwei Wochen geblieben. Seine neue Anwältin sei ihm von der Organisation InTransit vermittelt worden. Die Anti-Kriegs-Initiative habe herausgefunden, dass Shkolnys Name als Oppositioneller in einer Geheimdienstdatenbank namens Himera gelistet sei. Davon habe er bis dahin nichts gewusst, sagt Shkolny. In einem Eilverfahren stoppte die Anwältin die Abschiebung. Die war für den 1. April geplant, wie die Bezirksregierung Oberfranken auf WELT-Anfrage mitteilt.
„Herr Shkolny ist derzeit in einer staatlichen Gemeinschaftsunterkunft in Wunsiedel untergebracht“, schreibt eine Sprecherin. Privat in Bayreuth wohnen darf er nicht. Er habe einen „Antrag auf Umverteilung gestellt“, über den noch nicht entschieden sei.
Aus dem BAMF ist zu hören, dass Shkolny seine Anträge „zu naiv“ gestellt habe. Formal sei es in Ordnung gewesen, sie abzulehnen. Für Shkolnys Folgeantrag auf Asyl „sieht es gut aus“. Die Entscheidung werde schon bald fallen.
Christoph Lemmer berichtet für WELT als freier Mitarbeiter vor allem über die Politik und Gerichtsprozesse in Bayern.
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