"Phantomdebatte": Starke Ablehnung von "Mini-AKW" in Mitteldeutschland
- 40. Jahrestag: Am 26. April 1986 kam es in Tschernobyl zum Super-Gau
- Sachsens Ministerpräsident Kretschmer: "Mini-AKW" als Alternative prüfen
- Thüringen setzt auf Solar, Wind und Biomasse
- Sachsen-Anhalt: Gas- statt Atomkraft
Das Reaktorunglück von Tschernobyl jährt sich zum nunmehr 40. Mal: Am 26. April 1986 kam es in Block 4 im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum Super-Gau – ein Unglück mit Auswirkungen bis heute. Der folgenschwerste Atom-Unfall der Geschichte ist je nach Schätzung für mindestens 4.000 bis fast hunderttausend Todesfälle verantwortlich. Die Region um das havarierte AKW ist bis heute eine Sperrzone.
Der ARD-Dokumentarfilm "Tschernobyl 86 - Der Super-GAU" (zu sehen in der ARD-Mediathek) blickt mit Archivbildern auf das Unglück zurück. Und stellt die Frage: Was haben wir aus dem Reaktorunfall gelernt?
Und derzeit scheint diese Frage aktueller denn je. 40 Jahre nach dem Unfall wird in Deutschland, in Zeiten einer durch den Nahost-Krieg ausgelösten Energiekrise und explodierender Energiepreise, wieder über einen Wiedereinstieg in die Atomkraft diskutiert. So brachte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sogenannte "Mini-AKW" ins Spiel.
Erneut Debatte über Atomkraft
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen etwa bezeichnete im März die Abkehr von der Atomkraft als "strategischen Fehler". Bundeskanzler Friedrich Merz sagte dazu, er teile von der Leyens Einschätzung. Der Atomausstieg sei jedoch von früheren Bundesregierungen beschlossen worden und "irreversibel". Eine Rückkehr zur Atomkraft sei für die nahe Zukunft keine Option.
Auch in Mitteldeutschland wird das Thema diskutiert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer etwa findet – wie auch sein bayerischer Amtskollege – Gefallen an Mini-Atomkraftwerken, sogenannte Small Modular Reactors. "Wir dürfen in der Energiepolitik keine Denkverbote haben. Wenn neue Technologien wie Mini-Atomkraftwerke sicher, wirtschaftlich und klimafreundlich sind, dann sollten wir sie ernsthaft prüfen", sagte er der "Sächsischen Zeitung".
Kritik: Technik von "Mini-AKW" noch nicht ausgereift
Der Sprecher des sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz, Jens Jungmann, hingegen äußert sich anders: Deutschland habe sich mit dem rechtsverbindlichen Atomausstieg bewusst für einen anderen Weg entschieden. Sachsen setze auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, auf einen Netzausbau und auf den Aufbau von Kraftwerkskapazitäten, heißt es auf MDR-Anfrage. Die Technik der "Mini-AKW" jedoch sei noch nicht ausgereift.
Sachsen wolle den Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch bis 2030 auf 65 Prozent steigern. Das "reduziert auch die Abhängigkeit von Energieimporten wie Öl und Gas und damit die Verwundbarkeit gegenüber geopolitischen Krisen und externen Preissprüngen", sagt der Sprecher.
Thüringen setzt auf Solar, Wind und Biomasse als Alternativen
Im Nachbarland Thüringen will man sich "nicht in energiepolitischen Entscheidungen der Vergangenheit verlieren". Ein Sprecher der Thüringer Staatskanzlei sagte auf MDR-Anfrage, ein Wiedereinstieg in die Atomkraft wäre mit hohen Kosten, langen Planungszeiten und weiterhin offenen Fragen etwa bei der Endlagerung verbunden.
Thüringens Energieminister Tilo Kummer sagte dem MDR, dass mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage AKW in Konfliktfällen leicht zu strategischen Angriffszielen würden. "Ihre Zerstörung könnte großflächige nukleare Kontamination nach sich ziehen. Würde man mehrere kleine AKW installieren, wäre das Problem flächendeckend", sagt Kummer.
Er setze auf Solar, Wind und Biomasse als Alternativen mit deutlich geringerem Risiko und mehr Unabhängigkeit,. Einen Wiedereinstieg in die Atomkraft hält Kummer für nicht realistisch umsetzbar. Er sieht in der dafür nötigen Beschaffung von Uran ein weiteres Risiko für Abhängigkeit. Uran müsse in Deutschland zu 100 Prozent importiert werden, aus Ländern wie Kasachstan, Kanada, Namibia oder Usbekistan. "Sich erneut in eine weitere Energierohstoff‑Abhängigkeit zu begeben, ist angesichts der aktuellen geostrategischen Lage unklug", sagt Kummer.
Sachsen-Anhalt: Gas- statt Atomkraft
Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann sprach von einer "Phantomdebatte", die aktuell geführt werde. "Neue Atomkraftwerke in Deutschland können die aktuell hohen Energiepreise nicht senken. Es müssten erst neue Kraftwerke gebaut werden. Atomstrom wäre dann die teuerste und riskanteste Form der Energiegewinnung und sie würde viele Jahre zu spät kommen", sagte Willingmann dem MDR.
Stattdessen müsse darüber gesprochen werden, die Energiewende weiter umzusetzen. Konkret nannte Willingmann den Ausbau der erneuerbaren Energien, den Ausbau von Stromtrassen und Speichern sowie den Bau wasserstofffähiger Gaskraftwerke.
Kritik von SPD, Grünen und Linken auf Bundesebene
Auf Bundesebene kam aus der SPD, von den Grünen und von den Linken scharfe Kritik an der Idee, die Kernkraft wiederzubeleben. In der heutigen Zeit, die von Abhängigkeiten geprägt sei, ergebe es keinen Sinn, erneut auf Atomenergie zu setzen, sagte etwa die SPD-Abgeordnete Nina Scheer.
Wenn bis 2045 Klimaneutralität gelingen solle, "müssen wir die volle Kraft auf erneuerbare Energien setzen". Kleine Atomreaktoren, über die jetzt viel gesprochen werde, seien auch nicht die Zukunft, sagte Scheer. Sie seien nicht finanzierbar und "machen uns angreifbar, wenn sie in der Serie hochgezogen würden".
Die Doku "Tschernobyl 1986 – der Super-GAU" ist ab dem 13. April in der ARD-Mediathek zu sehen.
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