• Die Bundeswehr plant einen massiven Ausbau der Reserve – und diskutiert über verpflichtende Übungen für Reservisten.
  • Arbeitgeber zeigen sich offen für eine Pflicht, doch in der Praxis gibt es erhebliche Probleme.
  • Viele Reservisten warten trotz Bereitschaft seit Jahren auf Ausbildung und Einsätze.

Patrick Sensburg, Präsident des Reservistenverbands, fordert eine Übungspflicht für Reservisten schon seit Jahren: "Sonst ist es halt nicht möglich, dass Reservistinnen und Reservisten üben." Arbeitgeber untersagten es gern und der ein oder andere Reservist möge vielleicht auch nicht, sagt Sensburg.

Sicherheitspolitisch benötigen wir eine einsatzbereite und gut ausgebildete Reserve. Dazu sind verpflichtende Übungen meiner Ansicht nach unverzichtbar.

Hans-Jürgen Völz, Reserveoffizier

Überraschenderweise könnten sich auch die Arbeitgeber mit einer Pflicht anfreunden, trotz Fachkräftemangel. Das sagt Hans-Jürgen Völz, Chefvolkswirt des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft und selbst Reserveoffizier: "Wir sind als Mittelstand bislang sehr gut mit der doppelten Freiwilligkeit gefahren. Die Wirklichkeit des Jahres 2026 lässt dies leider nicht mehr zu."

Sicherheitspolitisch benötige Deutschland eine einsatzbereite und gut ausgebildete Reserve, sagt Völz. "Dazu sind verpflichtende Übungen meiner Ansicht nach unverzichtbar. Bei intelligenter Planung ist das wirtschaftlich verkraftbar."

Probleme bei Planung und Organisation

Doch eben diese Planung scheint aktuell das dringendste Problem. Denn viele ehemalige Soldaten wollen sich für die Reserve zur Verfügung stellen. Die Bundeswehr lädt sie aber nicht rechtzeitig zu Übungen ein – oder überhaupt nicht.

So ist es zum Beispiel bei Johannes Wolf. Er hat 2014 nach der Schule freiwillig Wehrdienst geleistet und stellte sich nach der Vollinvasion der Ukraine durch Russland 2022 in der Reserve zur Verfügung. Als Freiberufler müsste er seine Arbeitgeber – darunter einige MDR-Redaktionen – nicht mal um Erlaubnis fragen.

Reservisten warten auf Ausbildung und Einsätze

Doch Wolf wartet, dass seine Weiterbildung endlich anfängt – seit dreieinhalb Jahren: "Jeder, der was mit Reserve macht, sagt dir vorher: Da musst du viel Geduld mitbringen. Also, wenn das dieses Jahr nochmal losgeht, wenn ich im September meinen ersten Lehrgang machen kann, dann bin ich glücklich. Wenn es noch länger dauert, wäre das natürlich sehr schade."

Weitere von MDR AKTUELL angefragte Reservisten schildern ähnliche Erfahrungen. Der Präsident des Reservistenverbands Patrick Sensburg bekommt täglich solche Berichte, sagt er im Gespräch.

Union fordert klarere Strategie der Bundeswehr

In Teilen der Union, in der auch Sensburg Mitglied ist, wundert man sich über das Timing des Vorschlags. Das Ziel, Reservisten für Übungen zu verpflichten, hält auch Jens Lehmann, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Leipzig eigentlich für richtig.

Doch das, so Lehmann, sei der zweite oder gar dritte Schritt vor dem ersten: "Ich glaube, bevor wir eine Wehrpflicht haben – da bin ich bekennender Befürworter –, sollte man nicht mit einer Reservewehrpflicht anfangen. Denn es bleibt die Frage: Wenn es schon bei den 40.000 bis 60.000 aktuell aktiven Reservisten nicht so richtig klappt mit den Übungen, wie soll es dann bei den geplanten 200.000 funktionieren?"

Reservistenverbände wie Verteidigungspolitiker fordern deshalb, dass die Bundeswehr die Planungen für die Reserve endlich konkreter macht – etwa, wie viele Soldaten auf welchen Posten gebraucht werden und welche Übungen sie dafür absolvieren sollen. Verteidigungsminister Boris Pistorius wollte ein entsprechendes Strategiepapier bis Ostern fertig haben, im Verteidigungsausschuss liegt es bislang noch nicht vor.

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