Bei der Parlamentswahl in Ungarn kann die pro-europäische Partei Tisza ​ersten amtlichen Zahlen zufolge mit den meisten Stimmen rechnen. Die Fidesz-Partei von ⁠Ministerpräsident Viktor Orbán, der das Land seit 16 Jahren regiert und mit der Europäischen Union oft über Kreuz liegt, kommt nur auf Platz zwei.

Die Partei Tisza um ihren Chef Péter Magyar kommt nach Auszählung ⁠von knapp ​der ‌Hälfte der Stimmen nach Angaben der Wahlkommission auf 135 Mandate im 199 Sitze umfassenden Parlament. Sie hätte damit auch knapp eine Zweidrittel-Mehrheit sicher.

Beobachter haben darauf verwiesen, eine solche Mehrheit werde wohl nötig sein, um nicht nur einen Regierungs- sondern auch einen ‌echten Politikwechsel zu ermöglichen. Fidesz hat viele ⁠Änderungen ​an der Verfassung vorgenommen, die die Handlungsmöglichkeiten für Tisza einschränken dürften. Um ⁠sie rückgängig zu machen, müsste auch Tisza eine Zweidrittel-Mehrheit haben.

Orbán hat die Niederlage seiner Partei Fidesz eingestanden. Es sei ein „schmerzhaftes“ Wahlergebnis, erklärte Orbán, dessen Amtszeit nach 16 Jahren endet. Orbán habe angerufen, „um uns zu unserem Sieg zu gratulieren“, erklärte sein Herausforderer Magyar am Sonntagabend gut zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale.

Der Wahlausgang ist auch für die Europäische ‌Union von Bedeutung, hat ⁠sich doch ‌Orbán ​wiederholt bei ⁠Brüsseler Beschlüssen quergestellt. ​Orbán pflegt auch gute Beziehungen zum russischen Präsidenten ‌Wladimir ​Putin. Magyar hat erklärt, Ungarns Westbindung wiederherzustellen.

Nach 16 Jahren geht die Ära von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán zu Ende

Der Urnengang, der nach 16 Jahren das Ende der Orban-Ära einläuten könnte, galt als Schicksalswahl. Entsprechend hoch war die Wahlbeteiligung. Eine halbe Stunde vor dem Schließen der Wahllokale hatten 77 Prozent der knapp acht Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben – so viele wie nie zuvor bei einer Wahl seit der demokratischen Wende 1990.

Lange Schlangen vor Wahllokalen

Vielerorts bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. In der südungarischen Stadt Szeged wollten viele Wahlberechtigte nicht länger warten und machten ihre Kreuze kurzerhand außerhalb der Wahlkabinen.

Auch bei ungarischen Vertretungen im Ausland war der Andrang groß. Lange Schlangen bildeten sich unter anderem in Barcelona, Stockholm, Malaga, München, Manchester und Oslo. Vor dem ungarischen Konsulat in Mailand hatte Presseberichten zufolge auch der aktuelle Literaturnobelpreisträger Laszlo Krasznahorkai fast zwei Stunden gewartet, um sein Kreuz zu machen.

Parteien von Orbán und Magyar melden angebliche Unregelmäßigkeiten

Bei der Partei des ungarischen Oppositionsführers Magyar sind nach eigenen Angaben nach Schließung der Wahllokale Berichte über Unregelmäßigkeiten eingegangen. Auch die Partei Fidesz von Ministerpräsident Orbán verwies am Sonntag auf Meldungen von Manipulationen. Die Vorwürfe deuteten darauf hin, dass beide Seiten einige Ergebnisse der Parlamentswahl in Zweifel ziehen könnten.

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