Rentenreform: Warum übernimmt die Politik keine erfolgreichen Modelle aus Europa?
- Österreich gilt als Rentenvorbild, ist aber wegen höherer Beiträge und günstigerer Altersstruktur nur bedingt vergleichbar.
- Nach niederländischem Vorbild gilt verpflichtende private Vorsorge als sinnvoll, ist kurzfristig jedoch finanziell belastend.
- Laut Wirtschaftsforscher Geyer hinkt Deutschland bei Rentenreformen vor allem wegen fehlendem politischem Konsens hinterher.
Unser Hörer nennt als Beispiel Österreich. Das Rentensystem unseres Nachbarlandes wird oft als mögliches Vorbild für Deutschland genannt. Dort ist die durchschnittliche Rente nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung monatlich etwa 500 Euro höher als hier. Außerdem fließt in Österreich deutlich mehr Geld aus dem Staatshaushalt in die Rentenkasse.
Vergleich mit Österreich hinkt
Bei solchen Ländervergleichen müsse man aber vorsichtig sein, meint Alexander Kemnitz. Er ist Professor für Wirtschaftspolitik an der TU Dresden. "Man muss auch das Gesamtsystem anschauen. Zum Beispiel Österreich und Frankreich haben erheblich höhere Beitragssätze zur Rentenversicherung. Das heißt, man zahlt vorher mehr ein", sagt Kemnitz.
Außerdem habe Österreich eine günstigere Altersstruktur, sagt der Professor. "Wenn man sich das Verhältnis der Personen im Ruhestand zur Erwerbsbevölkerung anschaut, liegen die Österreicher besser als wir. Das ist etwas, was wir in Deutschland nicht verändern können."
Trotzdem sei es wichtig, sich einzelne Maßnahmen aus anderen Ländern genauer anzuschauen, meint Kemnitz. Ein Beispiel ist der Inflationsausgleich – also dass Renten steigen, wenn die Preise steigen. Mehrere europäische Länder orientieren sich schon teilweise daran.
Private Vorsorge wie in den Niederlanden
Sinnvoll findet der Wissenschaftler auch eine verpflichtende private Vorsorge – wie etwa in den Niederlanden. "Die haben relativ früh darauf gesetzt, dass man eine private Vorsorge dazu nehmen muss und das funktioniert langfristig."
Kurzfristig stelle das allerdings viele Erwerbstätigen vor Probleme, denn dadurch entstehe eine zusätzliche finanzielle Belastung, wenn sie neben den bisherigen Beiträgen zur gesetzlichen Rente auch noch eigenständig privat vorsorgen sollen, erklärt Kemnitz.
Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nennt ebenfalls die verpflichtende private Vorsorge den besten Weg. Und, wie in Österreich, auch Gruppen wie Selbstständige und Beamte in die Rentenversicherung einzahlen zu lassen.
Kein Konsens für die Rente?
Doch warum passiert dann – aus Sicht unseres Hörers – so wenig? Warum steht Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin eher schlecht da? Geyer meint: Es fehle am politischen Konsens.
Zwar sei bekannt, dass das Rentensystem in Deutschland "unfertig" sei, aber es fehle der politische Wille, um ein einheitliches Konzept umzusetzen, sagt Geyer. "Das Problem bei solchen Rentenreformen ist, dass man einen relativ breiten Konsens braucht. Und dass man versucht, ein Rentensystem aus einem Guss zu haben, was dann nicht in der nächsten oder übernächsten Legislatur wieder abgewickelt wird."
Viel Hoffnung liegt deshalb auf der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission. Sie soll bis Ende Juni Vorschläge für eine Reform der Alterssicherung vorlegen. MDR AKTUELL hat einzelne Mitglieder angefragt – die Kommission hat jedoch vereinbart, sich zunächst nicht öffentlich zu äußern.
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