USA und Deutschland: Immer Ärger mit den Kanzlern
Dieser Tage muss ich gelegentlich an den 23. Mai 2002 denken. Es war ein ziemlich heißer Frühsommertag, und im Kanzleramt hatte man die Pressekonferenz ins Freie verlegt, wo wir Journalisten erst mal in der Hitze schmachteten, ehe Gerhard Schröder und George W. Bush auftraten. Der Kanzler hatte Deutschland nach dem 11. September 2001 mit seiner uneingeschränkten Solidarität als Vorzeigeverbündeten präsentiert. Trotzdem war das Verhältnis nicht spannungsfrei.
„Ich schätze unsere persönliche Freundschaft und unsere offenen Gespräche“, schmeichelte Bush in der Pressekonferenz seinem Gastgeber. „Görhard“ sei „ein Problemlöser“. Und wenn er eines Tages wieder nach Deutschland komme, wolle er mit dem Kanzler angeln gehen.
Friedrich Merz wollte mit Trump auf den Wurstmarkt
Kaum ein halbes Jahr später hatten sich Schröder und Bush entzweit. Der Kanzler warnte, für Abenteuer stehe „das Land unter meiner Führung“ nicht zur Verfügung. Bush schrieb später in seinen Memoiren, Schröder sei „einer der am schwierigsten zu durchschauenden Staatsmänner“ gewesen, mit denen er zu tun hatte.
Von Angeln keine Rede mehr.
Ich finde, gewisse Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar.
Auch Friedrich Merz war trotz transatlantischer Differenzen zuerst eine Art Lieblingseuropäer, mit dem Donald Trump engen Kontakt hielt. Mittlerweile behandelt der Präsident ihn als eine Art Verräter, weil sich der Kanzler einer Unterstützung des Krieges gegen den Iran verweigert. Jüngst stellte Merz noch einen Besuch Trumps auf dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt in Aussicht (dessen Großvater kommt aus der Gegend), wenige Tage später hielt er ihm eine „massive Eskalation mit offenem Ausgang“ im Iran vor.
Von Wurstmarkt keine Rede mehr.
Schröder und Merz blickten zu Beginn ihrer Kanzlerschaft unterschiedlich auf die USA. Der Sozialdemokrat, Alt-68er und Nachrüstungsgegner Schröder eher distanziert, der Christdemokrat und Geschäftsmann Merz eher enthusiasmiert. Schröder war als Kanzler kein Antiamerikaner, aber er bespielte die Klaviatur des Antiamerikanismus ungehemmt, wenn dies ihm nützlich erschien. Merz arbeitete bis zur Kanzlerschaft für ein amerikanisches Unternehmen, bereiste das Land viele Male und pflegte als Vorsitzender des Vereins Atlantik-Brücke die Beziehungen.
Es ist bemerkenswert, dass trotzdem beide Kanzler über politische Differenzen auch persönlich so in Misskredit gerieten. Nur von ihren französischen Amtskollegen sind die jeweiligen US-Präsidenten noch genervter. Bush soll Jacques Chirac wegen dessen Nein zum Irakkrieg „Jackass“ genannt haben (Dummkopf), Trump machte sich jüngst über die Ehe Emmanuel Macrons lustig.
So weit die Parallelen. Es gibt aber einen großen Unterschied. Bush ließ die Nato unangetastet. Sie war ihm wichtig, sein nächster Konflikt mit Deutschland, da schon mit Angela Merkel, drehte sich 2008 um eine Aufnahme der Ukraine. Für Trump hingegen ist die Nato nur ein machtpolitisches Spielzeug. Er hat sie schon jetzt so beschädigt, dass es fast egal ist, ob er drinbleibt oder austritt.
Es war eine Volte der Geschichte, dass ausgerechnet der einstige Pazifist Schröder die Enttabuisierung des Militärischen in Deutschland und für die Nato realisierte. Es ist eine neuerliche Volte, dass ausgerechnet der Transatlantiker Merz den schweren Schaden für das Bündnis moderieren muss.
- Friedrich Merz
- Gerhard Schröder
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