Das Ende der Neutralität – Hier entsteht eine neue Front gegen die USA
Die Entführung von Shelly Kittleson gleicht einem Krimi. Seit Jahren kommt die amerikanische Journalistin in den Irak, kennt Land und Leute gut, hat zahlreiche Freunde und Kontakte hier. Wie viele andere ausländische Journalistinnen und Journalisten wohnte sie meistens im Hotel „Palestine“ am Firdaus-Platz, wo am 9. April 2003 die Bronzestatue von Saddam Hussein gestürzt wurde und das Ende seiner Ära begann.
Da das Hotel seit Monaten wegen Renovierung geschlossen ist, wich Kittleson in ein kleineres gegenüber aus. Als sie dort am Dienstagnachmittag mit ihrem Begleiter in der Saadon-Straße in ein graues Auto ohne Kennzeichen einstieg, ahnte sie vermutlich noch nicht, was geschehen würde.
Der Begleiter hatte einen Ausweis der Sicherheitskräfte des irakischen Innenministeriums und setzte sich ans Steuer. Dann stiegen zwei weitere Männer ein und das Auto raste mit hoher Geschwindigkeit in den Süden von Bagdad, überquerte die Provinzgrenze zu Babylon, verfolgt von Polizeiautos.
Dabei überschlug sich der Wagen mit Kittleson. Laut der irakischen Nachrichtenplattform Shafak News wurde sie verletzt, aber sofort in ein anderes Auto gezerrt, das mit ihr weiterfuhr.
Der Fahrer des ersten Wagens blieb zurück und wurde von der Polizei verhaftet. Aus mehreren Quellen heißt es, Kittleson, die frei für Medien wie BBC oder „Politico“ (gehört wie WELT zu Axel Springer) arbeitet, sei von der aus Teheran unterstützten Schiitenmiliz Kataib Hisbollah entführt worden. Die 49-Jährige soll nach Jurf al-Sakhr in der Provinz Babylon gebracht worden sein.
Die kleine Stadt am Euphrat, etwa 60 Kilometer südwestlich von Bagdad, ist im ganzen Irak berühmt und berüchtigt. Einst war Jurf al-Sakhr Waffenschmiede des Saddam-Regimes und beherbergte riesige Militärbasen. Hier wurden auch biologische Kampfstoffe hergestellt, die der Diktator gegen kurdische Aufständische, aber auch im Krieg gegen Iran in den 1980er-Jahren einsetzte. Dort erfuhren die Amerikaner 2003 den härtesten militärischen Widerstand landesweit, als sie den Irak einnahmen.
Heute ist die Stadt eine Hochburg der Volksmobilisierungsfront (PMF), einem Verbund von Schiitenmilizen, die sich 2014 im Kampf gegen die Terrormiliz IS zusammengefunden hatten und vom Iran unterstützt und mit Waffen versorgt wurden. Aber auch die USA halfen der PMF in ihrem Kampf gegen den IS mit milliardenschweren Waffenlieferungen.
Beobachter in Bagdad gehen davon aus, dass heute unter der Führung von Kataib Hisbollah in Jurf al-Sakhr erneut militärische Ausrüstung hergestellt wird, vor allem Drohnen. Seit Ausbruch des Krieges gegen den Iran vor vier Wochen bombardieren Israelis und Amerikaner verstärkt die Stellungen der Milizen im Irak, und fast täglich kam es in den vergangenen Tagen zu Angriffen auf Jurf al-Sakhr. Man kann also vermuten, dass die Geiselnahme von Kittleson etwas damit zu tun hat – wahrscheinlich soll sie als Faustpfand eingesetzt werden, um die Angriffe zu stoppen.
Im Irak vergeht seit Wochen kein Tag und keine Nacht ohne Raketen- und Drohnenangriffe. Mit dem Iran verbundene Schiitenmilizen greifen US-Einrichtungen jeglicher Art an, auch Hotels, in denen Amerikaner und internationale Gäste wohnen.
Drohnenangriffe auf Bagdad
Israel und die USA wiederum fliegen Luftangriffe auf Stellungen der PMF, der diese Milizen angehören. Die westlich von Bagdad liegende Provinz Anbar, Babylon im Süden oder Kirkuk im Norden sind immer wieder Ziele von US-Kampfjets, die zumeist nachts oder am frühen Morgen über den Himmel von Bagdad donnern.
Durch Drohnenangriffe in Bagdads Stadtvierteln Karrada und Jadriya, wo sich die Büros der Milizen und die Wohnhäuser der Milizionäre befinden, werden Kommandeure von Kataib Hisbollah, der Badr-Brigaden oder Asaib Ahl al-Haq getötet. Alle drei Organisationen gelten als verlängerter Arm Teherans und der Revolutionsgarden.
Die Lage wird immer unübersichtlicher, die Situation droht außer Kontrolle zu geraten. In den vergangenen Tagen wurden vom Irak aus Stellungen der Amerikaner in Jordanien und Saudi-Arabien angegriffen. Die Drohnen konnten alle abgefangen werden, wie es heißt; herunterfallende Teile sind dieses Mal zwischen den Häusern oder auf offener Fläche liegengeblieben und haben keinen Schaden angerichtet.
Unterdessen weitet sich die Allianz um den Iran im Krieg mit den USA und Israel aus. Während die Hisbollah im Libanon kurz nach Kriegsbeginn Teheran beigesprungen ist und Israel mit Raketen beschossen hat, haben die Schiitenmilizen im Irak zunächst gezögert. Zwar gab es immer wieder Angriffe innerhalb des Irak auf amerikanische Einrichtungen, wie Flughäfen in Bagdad und Erbil und Militärbasen in Irakisch-Kurdistan.
Von der irakischen Regierung war dies nicht gedeckt, deren erklärtes Ziel es war, den Irak aus dem Krieg herauszuhalten. Im vergangenen Sommer gelang das: Premierminister Mohammed Schia al-Sudani tat alles, um sein Land nicht in den Zwölf-Tage-Krieg zu verwickeln, als Amerikaner und Israelis die Atomanlagen des Iran angriffen.
Aber vergangene Woche hat Bagdad seine Neutralität aufgegeben und den Milizen erlaubt, sich zu verteidigen und Vergeltung zu üben, wenn sie angegriffen werden. Die Geiselnahme der Amerikanerin dürfte aus der Sicht von Kataib Hisbollah eine solche Vergeltungsmaßnahme sein.
Trotzdem sieht Alaa Najah, Professor an der Iraqi University in Bagdad, das Land immer noch in einer eher defensiven Haltung. Die zunehmenden Spannungen dienten vor allem dazu, „die Eskalation zu kontrollieren, anstatt sie weiter anzufachen“. Für ihn erzeugt die Vielzahl internationaler und regionaler Partner eine Form der indirekten Abschreckung, da die Interessen verschiedener Akteure zusammenlaufen, um einen Zusammenbruch der Stabilität zu verhindern.
Die eigentliche Herausforderung, so Najah, liege für ihn nicht im konventionellen Krieg, sondern in der Eskalation mit geringer Intensität und in indirekten Konflikten, die sicherheitspolitische oder wirtschaftliche Formen annehmen könnten. So hat der Iran angekündigt, amerikanische Firmen anzugreifen. Auch Bildungseinrichtungen sollten nicht verschont bleiben. Die Amerikanische Universität in Bagdad hat ihren Betrieb bereits eingestellt.
Muhi al-Ansari hingegen glaubt nicht an eine Deeskalation. Der 34-jährige Iraker und Vorsitzende der Bewegung Irakisches Haus sieht den Einfluss Teherans im Irak eher noch wachsen. Bei einem Besuch im Bagdader Stadtteil Yarmouk vor knapp einem Jahr machte der Bürgerrechtler, der Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungs- und Pressfreiheit dokumentiert, auf die iranische Infiltration in allen Ebenen der irakischen Gesellschaft aufmerksam.
Heute sagt er am Telefon, sein Land sei im Würgegriff Teherans. Der Einfluss des Nachbarn sei nicht nur auf die staatlichen Institutionen, die Regierung oder die politische Elite begrenzt. Er reiche von ganz oben bis ganz unten, bis „zu den einfachen Soldaten oder Polizisten, die ihren Dienst versehen“. Das würde die Verflechtung zwischen den staatlichen Institutionen und den Iran-hörigen Milizen erklären, die bei der Geiselnahme der amerikanischen Journalistin eine Rolle spielt.
„Die Iraker haben große Angst“, sagt Ansari. Die Erfahrungen eines Regimewechsels seien vielen noch sehr präsent. Der Bürgerkrieg, der nach dem Sturz Saddam Husseins ausbrach und al-Qaida und einen starken Islamischen Staat hervorgebracht habe – all das habe die Lage für die Bevölkerung immer schlimmer gemacht. Bei aller Kritik am Nachbarn Iran und dem Mullah-Regime, die viele Iraker teilen, sehen sie einen Regimewechsel in Teheran, der zu den Zielen der USA und Israels gehören soll, skeptisch.
Nach Drohungen wegen seiner Anti-Iran-Haltung, ist Ansari mit seinem Team in das Hotel „Al-Rasheed“ gezogen, wo auch westliche Botschaften untergebracht sind. Vergangene Woche flog eine Drohne in das Dach des Hotels.
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