Eine neue Studie bricht mit einem Klischee: Sie zeigt, dass Frauen genauso anfällig für Rechtsextremismus sind wie Männer. Der Studienleiter erklärt den Trend. 

Männer tendieren stärker nach rechts, Frauen nach links – so lautet das Klischee. Ein Naturgesetz? Eine unumstößliche Wahrheit? Eine neue Studie stellt das infrage. Der Motra-Monitor („Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“) hat auf Basis von 4000 Befragungen rechtsextreme Überzeugungen in der deutschen Bevölkerung untersucht. Das Projekt wurde von verschiedenen Bundesministerien gefördert. Auch das Bundeskriminalamt gehört zu den Verbundpartnern.

Das überraschende Ergebnis: 6,5 Prozent der befragten Frauen zeigten „manifest rechtsextreme Einstellungen“. Ein Rekordwert im Vergleich mit den vergangenen fünf Jahren, und ein Wert, der höher liegt als bei Männern (4,2 Prozent). 

Wie kommt es zu dieser Zahl? Und wie groß ist das Problem Rechtsextremismus bei Frauen?

Rechtsextremismus bei Frauen: „Für die Politik ist das besorgniserregend“

Prof. Dr. Peter Wetzels, Studienleiter und Kriminologe an der Universität Hamburg, nennt die Ergebnisse „möglicherweise besorgniserregend für die Politik, herausfordernd für die Wissenschaft“. Seit der Veröffentlichung analysiert er die zugrunde liegenden Mechanismen. Zwei Faktoren stechen seiner Ansicht nach hervor: die Wahrnehmung der deutschen Migrationspolitik und die Reaktionen auf die Konflikte im Nahen Osten, insbesondere nach dem 7. Oktober 2023. 

Vor allem nichtmuslimische Frauen äußern laut Wetzels eine starke Sorge vor Überfremdung. „Sie stimmen doppelt so häufig wie Männer der Aussage zu: ‚Es gibt zu viele Ausländer in Deutschland.‘“ Gleichzeitig zeige die Studie erstmals seit Beginn der Erhebung im Jahr 2021, dass muslimische Frauen in Deutschland auf politische Entwicklungen vehement reagieren. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dessen Vergeltungsschlägen steige die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen wie „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss“.

Wetzels betont eine Besonderheit des Motra-Monitors: „Wir befragen Menschen aller Hintergründe zu rechtsextremen Einstellungen. Auch Migranten und Musliminnen können solche Überzeugungen vertreten.“ Das zeige sich nicht nur beim Antisemitismus, sondern auch bei chauvinistischen Haltungen: Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Nation oder die Sehnsucht nach einem starken Führer sei unter Migrantinnen und Migranten verbreitet. Wenn es um Intoleranz gegenüber anderen Gruppen gehe, bildeten Frauen keine Ausnahme. 

„Tradwives“: Rückkehr des Biedermeier

Ein weiterer Erklärungsansatz: Zukunftsängste. Frauen empfinden sie stärker als Männer. So sorgen sich 56 Prozent der Frauen vor einer möglichen deutschen Beteiligung an militärischen Konflikten. Antworten auf solche Ängste bietet nicht nur die AfD, die sich als Friedenspartei inszeniert, sondern auch ein kulturelles Phänomen: die „Tradwives“. Diese Bewegung propagiert den Rückzug ins Private. Auf Social Media zeigen Influencerinnen ein Ideal aus langen Kleidern, selbst gebackenem Brot und Kindern, die im Garten spielen – eine heile Welt ohne Krisen. 

Doch hinter der Sehnsucht nach Einfachheit steckt oft eine Abkehr von der modernen, gleichberechtigten Gesellschaft. Der Studie zufolge fühlen sich viele junge Frauen von den heutigen Rollenanforderungen überfordert: beruflicher Erfolg, Attraktivität, Familiengründung – alles gleichzeitig. 

Der Vergleich mit anderen extremistischen Ideologien ist aufschlussreich. Auch islamistische Gruppen wie der sogenannte „Islamische Staat“ warben gezielt um Frauen, indem sie klare Rollen, Gemeinschaft und Sinn versprachen.

„Ohne Frauen verliert die rechte Szene auch die Männer“

„Rechtsextremismus ist gerade salonfähig, fast schon trendig“, sagt Silke Baer vom Verein Cultures Interactive. Das sei vor zehn Jahren noch anders gewesen. Die Pädagogin war an der Forschungsarbeit beteiligt, ihr Interesse galt möglichen Erkenntnissen für die Prävention. Baer beobachtet seit einem Jahrzehnt gezielte Strategien, um Mädchen und Frauen für die rechte Szene zu gewinnen. „Die Ansprache erfolgt über lebensnahe Themen wie Mode, Fitness oder Alltag. Nach und nach werden diese Inhalte mit nationalistischen und ausgrenzenden Botschaften aufgeladen.“ 

Frauen spielten dabei eine Schlüsselrolle. „Ohne sie verliert die rechte Szene langfristig auch die Männer“, erklärt Baer. „Gehen Männer Beziehungen mit nichtrechten Frauen ein, entzieht das der Szene potenziell Mitglieder.“ 

Gleichzeitig habe sich die rechtsextreme Jugendkultur gewandelt. „Für manche ist sie heute das Coolste“, sagt Baer. Hakenkreuze, Hitlergrüße, NS-Verharmlosung – was früher als randständig galt, wirke heute auf einige rebellisch und anziehend. 

„Die politische Mitte wird dünner“

Ein weiterer Faktor: die offen gelebte Fremdenfeindlichkeit. „Es gibt direkte Appelle an junge Frauen“, sagt Baer. „Zum Beispiel die Behauptung, sexuelle Gewalt gehe vor allem von Migranten aus.“ Solche Botschaften schürten Angst und böten einfache Schuldzuweisungen. Viele junge Menschen treibe das entweder stark nach rechts oder in andere Extreme. „Die politische Mitte wird dünner“, beobachtet Baer. 

Ist das ein unaufhaltsamer Trend? Werden künftig noch mehr Frauen ins rechtsextreme Spektrum abdriften? Der Motra-Monitor zeigt: Einstellungen sind nicht in Stein gemeißelt. So ist der Anteil manifest rechtsextremer Männer ohne Migrationshintergrund zuletzt gesunken.

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