„Wir werden bis aufs Blut ausgesaugt“ – Ein grüner Hypnosetherapeut sitzt Nigel Farage im Nacken
Steigende Strom- und Gaspreise als Folge des Iran-Kriegs? Das muss nicht sein. Wem das Losglück hold ist, der kann in Großbritannien nicht nur die Energiekosten im eigenen Haus gezahlt bekommen, sondern gleich die aller Nachbarn in der Straße. So sieht es der Wettbewerb „Nigel cuts my bills“ vor, den Nigel Farage, Parteichef der rechtspopulistischen britischen Partei Reform UK, ausgelobt hat.
Trotz solcher Gimmicks: Die Zustimmung zu Reform UK ist rückläufig. Seit Sommer 2025 hatte die Partei in Wahlumfragen regelmäßig um die 30 Prozent der Stimmen auf sich vereint. Die beiden traditionellen Regierungsparteien, die Konservativen und die Labour-Partei, schafften es gerade noch auf rund 20 Prozent. Doch seit Jahresanfang fallen die Werte für Reform kontinuierlich ab. 26 Prozent sind es aktuell. Profiteur ist eine Partei, die bislang bestenfalls eine Statistenrolle gespielt hat: die Grünen.
Hannah Spencer steht für diese politische Richtungsänderung. Ende Februar hat die 34 Jahre alte Installateurin für die Grünen zum ersten Mal einen Wahlkreis in einer Nachwahl zum Parlament geholt. Ihr Sieg in Gorton und Denton südöstlich von Manchester ist ein Paukenschlag. Spencer hat nicht nur Labour einen der sichersten Wahlkreise abgenommen.
Die Grüne Hannah Spencer unterhält sich mit BürgernDie grüne Parlamentarierin, seit drei Jahren politisch aktiv, hat mit 41 Prozent auch einen erheblichen Vorsprung zum zweitplatzierten Reform-Kandidaten geschafft, der auf 29 Prozent kam. Als sich ihr Erfolg in den frühen Morgenstunden abzeichnete, richtete sich Spencer zuerst an ihre Kunden. „Ich glaube, ich muss die Aufträge absagen, die Sie bei mir gebucht haben, weil ich auf dem Weg ins Parlament bin.“ Dort werde sie sich aber direkt um all jene kümmern, die Jobs wie sie selbst machen. „Wir werden endlich eine Stimme am Verhandlungstisch bekommen.“
Nachwahlen sind in Großbritannien, wo jeder Abgeordnete direkt gewählt wird, eine Sondersituation. Regionale Fragen spielen eine Rolle, Wähler nutzen die Abstimmung jedoch auch, um die Regierung abzustrafen. Spencers Erfolg ist jedenfalls kein Ausreißer. Seit dem Herbst hat sich die Green Party in den Umfragen Schritt für Schritt nach oben gearbeitet, von zehn auf zuletzt 16 Prozent Zustimmung.
Die Konservativen kommen derzeit nur auf 17 Prozent, Labour auf 18. „Die Nachbeben dieses politischen Erdrutsches werden nicht lange auf sich warten lassen“, sagte Rob Ford, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Manchester und verwies auf die Kommunalwahlen, die in Teilen des Landes Anfang Mai stattfinden.
Gut abschneiden dürften die Grünen dabei. Schon bei den Unterhauswahlen 2024 gab es 39 Wahlkreise, in denen die Partei hinter Labour den zweiten Platz belegte. Fast alle liegen in großen Städten, wie Manchester, Bristol, Liverpool, Oxford. „Der mit Abstand größte Preis für die Grünen ist London“, urteilte Ford, wo im Mai in allen Stadtteilen Gemeinderäte gewählt werden.
Solide Erfolge trauen Beobachter auch der Reform-Partei bei den Regionalwahlen zu, auch wenn die landesweite Unterstützung rückläufig ist. „Von ihren jüngsten Höchstwerten sind sie abgerutscht“, sagt Robert Hayward, konservatives Mitglied des Oberhauses und regelmäßiger Kommentator zu Wahlumfragen. Soweit er das beurteilen könne, falle es Reform zunehmend schwer, Unterstützung aus allen Lagern zu gewinnen, sagt auch John Curtice, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Strathclyde.
In Westminster wird mittlerweile diskutiert, ob die Hochphase der Partei überschritten sei. Hayward sieht das als offen. „Wenn das Thema Zuwanderung wieder an Bedeutung gewinnt – gerade stehen Wirtschaftsfragen oben – dann dürfte der Anteil wieder steigen.“ Doch bei den nächsten Wahlen werde sich zeigen, ob sich „ABR“ als Bewegung durchsetze, so Hayward. Für „Anything but Reform“ steht die Abkürzung, alles außer Reform. Taktisches Wählen hat in Großbritannien Tradition. Das einfache Mehrheitswahlrecht führt dazu, dass bei der Wahlentscheidung nicht nur die eigene politische Präferenz eine Rolle spielt, sondern auch die Frage, wie sich ein unliebsamer Kandidat vermeiden lässt.
Zack Polanski kann auf eine wachsende Unterstützerschar zählen„Es gibt eine Alternative“, sei die wichtige Botschaft des Wahlerfolgs in Gorton und Denton, sagte Grünen-Parteichef Zack Polanski. Der Sieg habe den „Würgegriff“ von Labour bei den Wählern beendet. Polanski, der New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani als Inspiration nennt, wurde vergangenen September zum Parteivorsitzenden gewählt.
Mit seinem Versprechen, auf Öko-Populismus zu setzen, begann der Aufstieg in den Umfragen. Polanski betont bei seinen häufigen Medienauftritten soziale Gerechtigkeit mindestens so stark wie den Klimawandel. Das Image der Grünen als Ventil für gut situierte Wähler der Mittelschicht schüttelte er in kürzester Zeit ab. Unter ihm tritt die Partei als kampfeslustige Gruppe auf, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung gegen die Superreichen vertritt.
Zu den zentralen Forderungen der Partei gehören eine neue Vermögenssteuer, eine deutliche Anhebung der Kapitalertragsteuer, dazu eine Abgabe auf den Ausstoß von Kohlendioxid. „Statt für ein schönes Leben arbeiten wir dafür, die Taschen von Milliardären zu füllen, wir werden bis aufs Blut ausgesaugt“, sagte Spencer in ihrer Siegesrede. Auf die hohen Lebenshaltungskosten ging sie ein, auf die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Die Umwelt spielte nur in einem Nebensatz eine Rolle.
Ein grüner Schatzkanzler würde nach den Planungen eine Vermögensteuer von einem Prozent auf Vermögenswerte über zehn Millionen Pfund (11,6 Millionen Euro) einführen. Vermögen über einer Milliarde Pfund würden mit zwei Prozent belastet. Die Kapitalertragsteuer würde an die Einkommensteuersätze angeglichen und damit etwa verdoppelt.
In der Bevölkerung sind die Vorschläge populär, Experten warnen aber vor der Abwanderung von Wohlhabenden. Die Legalisierung und ein regulierter Verkauf von Drogen gehören ebenso zu Polanskis Forderungen wie der Austritt aus der Nato und eine Ausweisung von US-Streitkräften von britischen Militärstützpunkten. In der Migrationspolitik ist die Partei von offenen Grenzen abgerückt.
Das Innenministerium sollte aber durch ein humaner handelndes Migrationsministerium ersetzt werden, das legale Fluchtwege für Asylsuchende ins Land ausbauen soll. Wie gut das grüne Programm ankommt bei den Briten, unterstreichen die Mitgliederzahlen. Als Polanski gewählt wurde, lag ihre Zahl bei 68.000, inzwischen sind es mehr als dreimal so viele. Allein in der Woche nach Spencers Wahlerfolg stieg die Zahl der Mitglieder um zehn Prozent auf 215.000.
Reform-Chef Nigel Farage – immer unter DampfAllerdings haben die Grünen ein Problem mit Antisemitismus. Kritiker werfen ihnen eine Nähe zu islamistischen Kreisen vor. So enthüllte der „Daily Telegraph“ gerade eine interne Chatgruppe, in der grüne Aktivisten Juden als „abscheulich“ bezeichneten und Verschwörungstheorien über Juden und Israel verbreiteten. Der Parteichef hat vor einigen Wochen auch deutlich gemacht, dass er eine grüne Resolution unterstützen würde, die Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, obwohl Polanski selbst jüdischer Herkunft ist.
Mit Farages Reform haben die Grünen auf den ersten Blick nicht viel gemein. Schon die Parteiführer könnten unterschiedlicher kaum sein. Farage hat sich seine Sporen in der City als Börsenmakler verdient. Nach eigenen Aussagen gehören Rauchen, Trinken und die Frauen zu den Vorlieben des 61-Jährigen.
Polanski hat als Schauspieler und Hypnosetherapeut gearbeitet – und vor Jahren einer Undercover-Journalistin angeboten, er könne mittels Hypnose ihre Körbchengröße vergrößern – bevor er in die Politik ging. Der 43-Jährige lebt vegan und sagt, er habe noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt. Farages Politik verabscheue er, so der Grünen-Chef, er säe Hass und Spaltung. Farage wiederum lehnte Polanskis Debatten-Angebot brüsk ab: „Wer sich mit einem Schornsteinfeger anlegt, wird selbst mit Ruß beschmiert.“
Dennoch arbeiten beide am gleichen Ziel: die etablierte Parteienlandschaft auseinanderzureißen. Dabei zehren sie von dem Eindruck, und heizen ihn weiter an, den große Teile des Landes teilen: Großbritannien funktioniere einfach nicht mehr. Beide Parteien kommen besonders gut bei Wählern an, die finanziell zu kämpfen haben und zum Beispiel nicht über Wohneigentum verfügen, belegt eine Analyse der Meinungsforscher von More in Common und dem „Economist“.
Die Grünen ziehen eine eher bürgerliche Wählerschaft an
Doch im Detail unterscheiden sie sich, erläutert Paul Whiteley, Professor für Politikwissenschaft an der University of Essex in Colchester. „Reform UK spricht eher ältere Wähler aus der Arbeiterschicht mit vergleichsweise geringerer formaler Bildung an, die tendenziell zu englischem Nationalismus neigen. Im Gegensatz dazu ziehen die Grünen eine eher bürgerliche Wählerschaft an, die jünger, gebildeter und in ihrer Identität kosmopolitischer geprägt ist.“
Im 2024 gewählten Unterhaus spielen die beiden Parteien am rechten und linken Rand noch eine Nebenrolle. Spencer ist die fünfte Abgeordnete der Grünen. Reform zählt acht Abgeordnete, die Hälfte davon ist von den Konservativen übergelaufen. Die Zustimmung, die beiden Parteien zuteil werde, mache aber deutlich, dass eine zunehmende Fragmentierung im politischen System Großbritanniens zur Norm werde, sagte Hannah White, Direktorin der Denkfabrik Institute for Government. Es sei daher höchste Zeit, das britische Wahlsystem auf ein größeres Parteienspektrum auszurichten.
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