Andris Spruds ist seit 2023 Verteidigungsminister Lettlands. Der 54-Jährige war Universitätsprofessor in Riga sowie Direktor des Lettischen Instituts für Auswärtige Angelegenheiten. 2022 wurde er für die pro-europäischen Progressiven in die Saeima, das lettische Parlament, gewählt. 

WELT: Herr Spruds, zwei Drohnen sind in der Nacht auf Mittwoch in den Luftraum der baltischen Länder eingedrungen. Eine ist in Estland gegen den Schornstein eines Kraftwerks geflogen, die andere in Lettland abgestürzt. Niemand wurde verletzt. Dennoch: War das eine gezielte Aktion? Was hat es damit auf sich?

Andris Spruds: Nach vertiefter Untersuchung des Ereignisortes sowie Auswertung der aufgefundenen Trümmerteile haben die Nationalen Streitkräfte Lettlands festgestellt, dass es sich bei dem in den lettischen Luftraum eingedrungenen Objekt um eine Drohne ukrainischen Ursprungs handelt. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass es sich um keinen vorsätzlichen Vorfall handelt.

WELT: Die baltischen Länder sind aufgrund ihrer Lage besonders stark von Russlands hybrider Kriegsführung betroffen. Der ehemalige litauische Militärangehörige Vaidotas Malinionis sagte in einem Interview für das polnische Fernsehen, man solle diese Aktionen als Teil einer größeren russischen Strategie verstehen. Fürchten Sie sich vor einer Eskalation?

Spruds: Wir sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden. Sie sagen es ganz richtig, wir spüren jeden Tag Russlands hybride Kriegsführung: Migration als Waffe, Desinformationskampagnen, Cyber-Attacken, die Schattenflotte, Aktionen gegen kritische Infrastruktur, Sabotage. Ja, es gibt eine Strategie hinter alledem. Diese Dinge geschehen nicht zufällig. Es handelt sich um orchestrierte Aktionen, die das Vertrauen unserer Gesellschaften in den Staat und dessen Handlungsfähigkeit schwächen sollen. Wir dürfen nicht in Panik verfallen und davon ausgehen, dass Russland so etwas Größeres vorbereitet. Aber wir sollten die Lage auch ernst nehmen. Wir müssen als Europäer resistenter werden und unsere Zusammenarbeit ausbauen. Das tun wir auch. Der Effekt russischer hybrider Kriegsführung ist mehr europäische Zusammenarbeit. Das ist eigentlich nicht in Russlands Interesse. Ich gehe dennoch nicht davon aus, dass Moskau seine Aktionen einstellt.

WELT: Die Redaktion von WELT hat zusammen mit der Universität der Bundeswehr in Hamburg ein sogenanntes War Game, ein Planspiel, durchgeführt. Dabei ging es um einen möglichen russischen Angriff auf das Baltikum. Ausgerechnet aus den baltischen Ländern aber kam Kritik daran – Russland werde größer gemacht, als es sei. Teilen Sie diese Kritik?

Spruds: Ja, aber wir sollten Russland auch als Gefahr wahrnehmen. Das steht so übrigens auch im strategischen Konzept der Nato. Das ist ganz klar. Wir müssen Verteidigungsanlagen aufbauen – das ist eine militärische Aufgabe, aber es betrifft auch unsere Gesellschaften. Wobei es Unterschiede zwischen unseren Gesellschaften gibt. Bei uns in Lettland müssen wir den Menschen nicht erklären, dass Russland eine Gefahr ist. Die Leute wissen das, darin besteht Einigkeit. Anders sieht es in anderen europäischen Gesellschaften aus. Stark in Verteidigung zu investieren, ist nicht kontrovers bei uns. In Deutschland, vermute ich, geht all das mit kontroversen Diskussionen einher und die Menschen im Land sind sich uneins. Wir Politiker müssen offen sein und sagen, was vor sich geht. Aber mit Blick auf das Baltikum sollten wir mit Planspielen nicht zusätzlich ein Gefühl von Unsicherheit erzeugen, indem wir bestimmte Dinge nach außen tragen oder überbetonen. Anders verhält es sich vielleicht in Deutschland, wo den Menschen deutlicher bewusst gemacht werden muss, in was für einer Lage wir in Europa sind.

WELT: Die Bedrohungswahrnehmung in Lettland ist eine andere als in Deutschland. Dennoch sind sich die meisten Europäer, auch Letten und Deutsche, einig darüber, dass in Verteidigung investiert werden muss.

Spruds: Ja, das ist sehr wichtig. Wir müssen alle mehr tun, das sind praktische Dinge. Gleichzeitig aber – und das möchte ich betonen – sollten wir nicht in Panik verfallen und uns von russischen Kampagnen irritieren lassen. Das ist unnötig. Planspiele oder ähnliche Übungen sind gut, weil sie Schwächen offenlegen können, das kann produktiv sein. Aber ich denke, wir sollten unsere möglichen Schwächen nicht überbetonen. Wir sollten bitte nicht unterschätzen, wer wir sind und wozu wir Europäer fähig sind. Das kommt mir manchmal etwas zu kurz.

WELT-Reporter Philipp Fritz (l.) im Gespräch mit Andris Spruds in Berlin

WELT: Welche Bedeutung hat der Iran-Krieg für die Ukraine und die Sicherheitslage an der Ostflanke der Nato?

Spruds: Der Iran-Krieg hat globale Folgen. Eine Konsequenz ist, dass der Ölpreis steigt und die Aufmerksamkeit von der Ukraine weg auf den Iran gerichtet wird, das betrifft vor allem die USA. Umso wichtiger ist es, dass wir Europäer die Ukraine weiter konsequent unterstützen. Was die Ostflanke angeht, sehe ich keine negativen Folgen: Die Vereinigten Staaten sind mit zehntausenden von Soldaten in Europa engagiert, es gibt eine permanente US-Stationierung an der Ostflanke und es gibt keine Anzeichen, dass sich das ändert.

WELT: Sie sprachen davon, wie wichtig es sei, die Ukraine weiter zu unterstützen. Was konkret benötigt die Ukraine jetzt?

Spruds: Mir geht es um strategische Unterstützung. Wir bleiben an der Seite der Ukraine, so lange das nötig ist. Das ist auch für uns die beste Sicherheitsstrategie. Einen Waffenstillstand in der Ukraine unterstützen wir nur, wenn dieser im Sinn der Ukraine ist. Auch sollte die Ukraine so bald wie möglich der EU beitreten. Es geht um eine spezifische, konkrete Unterstützung des Landes: finanziell, makroökonomisch und natürlich militärisch. Lettland ist stark engagiert, aber auch Deutschland. Deutschland ist der größte europäische Unterstützer der Ukraine, das ist zentral. Wir sehen, wie stark und zuverlässig sich Deutschland engagiert, und wir wissen das zu schätzen. Das ist wichtig, weil die Partnerschaft mit den USA heute eine andere ist, darauf müssen wir uns einstellen und Antworten finden.

WELT: Sie haben also keine Vertrauensprobleme gegenüber Deutschland wegen des Baus der Nord-Stream-Pipelines und allgemein wegen der gescheiterten deutschen Russlandpolitik? Einige ihrer Architekten bekleiden heute immer noch hohe Ämter in Berlin.

Spruds: Vertrauen wird durch Taten geschaffen. Das ist nicht abstrakt. Wir schätzen sehr, was Deutschland tut. Berlin will eine führende Rolle bei der gemeinsamen Verteidigung Europas einnehmen. Das ist gut. Deutschland ist stark an der Ostflanke engagiert, nicht zuletzt mit dem Aufbau der deutschen Brigade in Litauen. Schon jetzt ist Deutschland die einzige EU-Führungsnation im Rahmen der Nato-Mission „Enhanced Forward Presence“ an der Ostflanke. Deutschland zeigt, dass das geht.

Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.

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