Entwicklungszusammenarbeit steht in der Kritik. Viele fragen sich, ob wir sie uns noch leisten können. Eine Studie zeigt, wie die Wahrnehmung manipuliert wird.

„Heute ist ein Feiertag“, sagte Margarita Simonjan, Chefredakteurin des in Deutschland verbotenen russischen Propagandasenders Russia Today. Dabei war weder Ostern noch Weihnachten. Es war der Tag, an dem sie davon erfuhr, dass die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit USAID geschlossen werden sollte.

Donald Trump hatte kurz nach seinem Amtsantritt Anfang 2025 per Dekret verfügt, große Teile der Entwicklungszusammenarbeit einzustellen. Ein „riesiges Geschenk an die Feinde Amerikas“, kommentierte ein betroffener Beamter die Entscheidung.

Die genauen Beweggründe für Trumps Vorgehen bleiben unklar. Auffällig ist jedoch, wie stark sich seine Argumentationsmuster, mit denen von verschwörungsideologischen Milieus decken. Zunehmend verbreiten sich Falschinformationen über Entwicklungszusammenarbeit in sozialen Netzwerken. Auch in Deutschland erreichen sie ein Millionenpublikum.

Eine Studie der Denkfabrik CeMAS untersucht, welche Narrative dabei dominieren und wer sie verbreitet. Die Spur führt nicht selten nach Russland. 

Entwicklungszusammenarbeit: Über „Deep State“ zu Fahrradwegen in Peru

„Rund um den Zeitpunkt der Auflösung von USAID haben wir plötzlich vermehrt Falschinformationen und Verschwörungsnarrative zum Thema Entwicklungshilfe beobachtet. Zunächst auf Englisch, dann auch auf Deutsch“, sagt Co-Autorin Julia Smirnova. Für die Analyse wertete ihr Team mehr als 36.000 Nachrichten aus rund 1500 Telegram-Gruppen und -Kanälen aus.

Ein besonders häufiges Narrativ: USAID sei Teil eines sogenannten „Deep State“, also einer angeblich im Verborgenen agierenden Machtelite. Solche Erzählungen finden sich auch in politischen Kampagnen, in denen versprochen wird, gegen vermeintlich korrupte Strukturen vorzugehen. In diesem Fall wurde die Behörde selbst zum Symbol eines solchen Systems erklärt. Trump wickelte sie ab.

Im deutschen Kontext drehen sich viele Falschbehauptungen laut Studie um angeblich verschwenderische Ausgaben im Ausland. Immer wieder wird suggeriert, die Bundesregierung finanziere sinnlose Großprojekte, während sich die wirtschaftliche Lage im Inland verschlechtere.

Der Schweizer Verschwörungsideologe Daniel Gugger verbreitete etwa die Behauptung, Deutschland baue für Milliarden ein Fußballstadion in Brasilien. Der Beitrag ist frei erfunden, orientiert sich aber an realen Debatten über Entwicklungsprojekte – etwa Infrastrukturmaßnahmen wie den Ausbau von Radwegen.

Laut CeMAS lässt sich die Spur solcher Inhalte teilweise bis zu russischen Desinformationsakteuren zurückverfolgen, die entsprechende Narrative gezielt streuen und über bekannte deutschsprachige Accounts weiterverbreiten.

„Operation Overload“ und Angelina Jolie

Dass sich solche Kampagnen international verzahnen, zeigt ein weiteres Beispiel aus der Studie: Angeblich hätten die USA Reisen von Prominenten in die Ukraine finanziert und dabei Millionen veruntreut. „Ein entsprechender Post wurde von Elon Musk und Donald Trump Jr. geteilt und erhielt millionenfache Reichweite“, sagt Smirnova. 

Ein besonders prominenter Fall zeigt Schauspielerin Angelina Jolie bei einem Besuch in der Ukraine. Die prorussische deutsche Bloggerin Alina Lipp behauptete, Jolie habe Millionenbeträge von USAID erhalten, um die Popularität von Präsident Wolodymyr Selenskyj zu steigern. Das Narrativ der Bloggerin wiederum sollte mutmaßlich die Unterstützung der deutschen Bevölkerung für Ukrainehilfen mindern. 

Nach Einschätzung der Studienautoren geht diese Falschbehauptung auf eine koordinierte Desinformationskampagne mit dem Namen „Overload“ zurück. Ihr Ursprung: Russland. 

Wie die Narrative verfangen

Die CeMAS-Studie zeigt vor allem, wie gut sich Desinformation an bestehende Narrative andocken kann. Entwicklungszusammenarbeit wird in Telegram-Gruppen gezielt mit Themen wie Krieg, Migration, Klima oder „Elitenkritik“ verknüpft und so in ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Staat und Institutionen eingebettet.

Auffällig ist dabei, dass viele dieser Inhalte nicht originär aus Deutschland stammen. Erzählungen aus russischen Netzwerken oder der US-Verschwörungsszene werden übernommen, übersetzt und an den deutschen Kontext angepasst. 

Brisant wird es dann, wenn diese Erzählungen den Sprung aus der Nische schaffen und von reichweitenstarken Akteuren wie Donald Trump höchstpersönlich aufgegriffen werden. 

  • Entwicklungszusammenarbeit
  • Russland
  • Deutschland
  • USAID
  • Donald Trump
  • Desinformation
  • Angelina Jolie
  • Margarita Simonjan
  • Russia Today

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke