Große Mehrheit bei MDRfragt sieht ländlichen Raum benachteiligt
- Neun von zehn (88%) sind zufrieden mit dem Leben in der eigenen Region, egal ob Stadt oder Land.
- Eine deutliche Mehrheit sieht ländliche Regionen benachteiligt.
- Die meisten MDRfragt-Mitglieder finden die Politik zu sehr auf Städte ausgerichtet und wünschen sich mehr Förderung fürs Land.
Mitteldeutschland ist ländlich geprägt. Das gilt für Sachsen, insbesondere aber für Thüringen und Sachsen-Anhalt. Wenige Menschen leben im Schnitt auf mehr Fläche, die Wege zum Arzt oder zum nächsten Supermarkt sind oftmals weit und das Bus- und Bahnnetz eher dünn. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wird inzwischen stärker politisch diskutiert. Und das hat vor allem einen Grund: Die Landbevölkerung wird zukünftig noch älter werden und schrumpfen, gerade in Mitteldeutschland. Deshalb stellt sich die Frage: Ist der ländliche Raum benachteiligt? Das wollte MDRfragt in der aktuellen Umfrage wissen – von über 20.200 teilnehmenden Menschen. Und die Antwort ist ziemlich eindeutig ausgefallen.
Abstrakte Probleme, aber hohe Zufriedenheit vor Ort
In der aktuellen MDRfragt-Umfrage zeigt sich eine Tendenz, die zuletzt mehrfach in politischen Meinungsumfragen beobachtet wurde: ein deutlicher Unterschied zwischen der Gesamteinschätzung und der eigenen, persönlichen Lage. Beim Stadt-Land-Thema bedeutet das: Die Befragten sehen grundlegende Probleme, sind aber sehr zufrieden mit dem eigenen Leben in ihrer Region, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Knapp neun von zehn Befragten antworten so. Und dieser Wert hat sich im Vergleich zu einer Befragung vor fünf Jahren auch nur geringfügig verändert.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKIn den Kommentaren nennen Landbewohner Ruhe und Naturnähe als Vorteile. Viele schätzen auch den Zusammenhalt im Dorf, so wie Tilo (54) aus dem Landkreis Mittelsachsen: "Wir haben tolle Nachbarn, die echt gute Freunde sind, die sich immer gegenseitig helfen und immer, wenn man jemanden braucht, da sind." Städter freuen sich eher über die kurzen Wege. Friederike (53) aus Dessau-Roßlau schreibt: "Auch die Kinder können alles alleine bewältigen, mit den Öffentlichen oder mit dem Fahrrad, egal ob Sport oder Musik oder Freunde treffen. Das ist für Vollzeit-berufstätige Eltern eine große Entlastung."
Gleichwertige Lebensverhältnisse?
Trotz der persönlichen Zufriedenheit: Auf politischer Ebene sehen die meisten Befragten den ländlichen Raum benachteiligt. Acht von zehn Befragten (81%) finden nicht, dass es gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land gibt. Genau das ist aber ein wichtiges politisches Ziel. Thüringen und Sachsen-Anhalt haben es sogar in ihre Landesverfassungen aufgenommen. Gleichwertige Lebensverhältnisse: darüber gab es zuletzt viele Debatten und 2024 sogar einen umfangreichen Bericht der Bundesregierung. Für die MDRfragt-Gemeinschaft ist dieses Ziel bei weitem nicht erreicht.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDie Befragten nennen in den Kommentaren viele Beispiele: Einrichtungen der Daseinsvorsorge sind auf dem Land oft weit weg. Mancherorts kämpfen Schwimmbäder, Schulen oder Einkaufsläden um ihr Bestehen. Aber kaum ein Thema wird in den Kommentaren zur Stadt-Land-Ungleichheit so häufig genannt wie der öffentliche Nahverkehr.
Zu wenige Busse
Wer auf dem Land wohnt, braucht einfach ein Auto – so wird es oft gesagt. Tatsächlich können aber nicht alle Menschen immer Auto fahren. Das führt zu einer Abgehängtheit im wahrsten Sinne des Wortes, die viele MDRfragt-Teilnehmer aus erster Hand beschreiben.
- Bei Kerstin (66) aus dem Burgenlandkreis wurde der Bus-Takt ausgedünnt. Nun hat sie es schwerer, ihre Kinder zu besuchen oder zu Verantstaltungen zu fahren: "Da bei uns der letzte Bus um 19:15 Uhr fährt und kaum noch ein Taxi unterwegs ist, wurde mir eine Menge genommen. Schade – ändern kann ich es nicht. Es ist aber eine Form der Ausgrenzung, die nicht so offensichtlich ist."
- Pauline (19) aus dem Landkreis Wittenberg schreibt: "Mittlerweile kommen viele Schüler nicht mehr von ihrem Dorf mit dem Bus in die Stadt bzw. fährt der Bus alle 3 Stunden, wodurch die Flexibilität natürlich sehr eingeschränkt ist."
- Marc (35) aus dem Landkreis Harz wünscht sich mehr Busse in den Abendstunden: "Insbesondere im touristischen Harz. Wanderbusse sind in vielen Regionen längst Standard – nur bei uns nicht. Von einer guten Infrastruktur des Tourismus profitiert so auch die lokale Bevölkerung."
- Viele Landbewohner sehen deshalb das Deutschlandticket kritisch, so auch René (45) aus dem Saale-Orla-Kreis: "Ich kann mir ein Deutschlandticket kaufen und es einrahmen, da die sinnvolle Verwendung für den Arbeitsweg, zum Einkaufen und zum Arztbesuch schier unmöglich ist – ganz zu schweigen von Ferienzeit-Aktivitäten."
Mehrheit wünscht sich mehr Geld fürs Land
Das Fazit der MDRfragt-Gemeinschaft fällt ziemlich eindeutig aus: Die Politik ist zu sehr auf die Städte ausgerichtet. So sehen es fast neun von zehn Befragten.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDie Frage, wie viele Einrichtungen sich der ländliche Raum noch leisten kann, stellt sich für die allermeisten Befragten nicht. Neun von zehn finden: Es müsste mehr in den ländlichen Raum investiert werden. Das sehen mehrheitlich auch diejenigen Befragten so, die nach eigener Angabe selbst in einer Stadt leben.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKÜberhaupt unterscheidet sich das Stimmungsbild kaum zwischen denjenigen, die nach eigener Angabe in der Stadt oder auf dem Land wohnen. Das ist interessant, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen in Deutschland in Städten leben. Selbst in ländlich geprägten Ländern wie Thüringen und Sachsen-Anhalt lebt mehr als die Hälfte in Orten über 20.000 Einwohnern. Das MDRfragt-Stimmungbild zeigt, dass sich die meisten dieser Menschen Verbesserungen für den ländlichen Raum wünschen, obwohl sie selbst nicht direkt betroffen sind.
Torsten (58) aus Dresden spricht aus, was viele Befragte in ähnlicher Form denken. Er sieht sich als Städter privilegiert: "In vielen ländlichen Regionen dagegen sind manche Angebote schwerer erreichbar, zum Beispiel durch längere Wege zum Arzt oder weniger öffentliche Verkehrsmittel. (...) Zur Ehrlichkeit gehört aber dazu, dass es in ländlichen Räumen niemals so sein kann wie in großen Städten. Wir machen uns also etwas vor, wenn wir glauben, dass die Stadt-Land-Lebensverhältnisse völlig gleich werden können."
Über diese Befragung
An der Befragung „Stadt oder Land – Leben wir überall gleich gut?“ vom 13. bis zum 16. März 2026 haben 210.208 Menschen teilgenommen.
Bei MDRfragt können alle mitmachen, die mindestens 16 Jahre alt sind und in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt wohnen.
Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Argumente sichtbar zu machen. Die Kommentare der Teilnehmenden helfen uns, die Gründe für unterschiedliche Positionen und das gesamte Meinungsspektrum abzubilden.
Wir ziehen keine Stichprobe, sondern laden alle Interessierten ein, ihre Meinung einzubringen. Deshalb sind die Ergebnisse streng genommen nicht repräsentativ. Aber: An den Befragungen beteiligen sich jeweils zehntausende Menschen aus den drei Bundesländern. MDRfragt wird zudem wissenschaftlich begleitet und überprüft. Die Ergebnisse werden nach bewährten Methoden gewichtet – anhand soziodemografischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad – und so an die tatsächliche Bevölkerungsverteilung in Mitteldeutschland angepasst. Dadurch sind die Ergebnisse aussagekräftig für die Stimmung im Sendegebiet. Durch Rundungen ergeben die Prozentwerte bei einzelnen Fragen nicht immer exakt 100.
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