„Dramatische“ Verluste – Frederiksen steht vor schwieriger Regierungsbildung
Gedämpfte Stimmung bei der Wahlparty der dänischen Sozialdemokraten auf Schloss Christiansborg: Laut der ersten Hochrechnung des Senders DR wird die Partei von Premierministerin Mette Frederiksen bei den vorgezogenen Parlamentswahlen zwar stärkste Kraft, kommt aber nur noch auf 21,9 Prozent der Stimmen.
Bestätigt sich das Ergebnis im Laufe des Abends, hat die Partei im Vergleich zur letzten Wahl 2022 knapp sechs Prozentpunkte eingebüßt. Auch die beiden anderen Regierungsparteien, die zentristischen Moderaten und die rechtsliberale Venstre, verlieren demnach an Boden und haben gemeinsam künftig keine Mehrheit mehr im Parlament.
„Für die Sozialdemokraten sieht es nach einem dramatischen Rückgang der Zustimmung aus. Man muss wohl 100 Jahre zurückgehen, um etwas Vergleichbares zu finden“, sagt der dänische Meinungsforscher Sune Steffen Hansen am Wahlabend zu WELT. Während die Koalition abgestraft wurde, konnten Parteien auf beiden Seiten des politischen Spektrums profitieren.
Gedrückte Stimmung: Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei betrachten die Ergebnisse der WahlausgängeDer größte Wahlgewinner ist überraschend die rechtsnationale Dänische Volkspartei (DF), die ihr Ergebnis von 2022 auf über neun Prozent verdreifachen konnte. Aber auch die links der Sozialdemokraten stehende Sozialistische Volkspartei (SF) hat deutliche Zugewinne erzielt und kommt mit 11,6 Prozent voraussichtlich auf Platz zwei.
Ein endgültiges Ergebnis wird erst im Lauf der Nacht erwartet, doch schon jetzt steht fest: Dänemark stehen schwierige Koalitionsverhandlungen bevor. Keiner der beiden traditionellen Parteiblöcke kommt der Prognose zufolge auf die Mehrheit von 90 Sitzen im Parlament. Der „rote Block“ – die Parteien links der Mitte – liegt derzeit mit 84 Sitzen vorne, der rechte „blaue Block“ steht bei 77 Sitzen.
Grönland-Krise schwebt über der Wahl
Ob am Ende der Verhandlungen Mette Frederiksen erneut als Regierungschefin hervorgeht, ist daher alles andere als sicher. Das Kalkül der seit 2019 regierenden Premierministerin, die Wahlen um ein halbes Jahr vorzuziehen, hat sich damit nur bedingt ausgezahlt. Im dänischen Wahlrecht kann der Regierungschef den Zeitpunkt innerhalb der vierjährigen Legislaturperiode frei bestimmen; eigentlich wäre dafür noch bis Oktober dieses Jahres Zeit gewesen.
Dass nun schon im März gewählt wurde, begründete Frederiksen mit der unsicheren weltpolitischen Lage. Anfang des Jahres hatte US-Präsident Donald Trump erneut gedroht, die zu Dänemark gehörende Insel Grönland notfalls mit Gewalt zu einem Teil der USA machen zu wollen. Frederiksen wies die Provokationen eisern ab, es gelang ihr, eine geeinte Front mit der grönländischen Regierung zu zeigen und die Unterstützung europäischer Partner zu sichern.
Diese unnachgiebige Haltung unter den Augen der gesamten Welt untermauerte ihren Ruf als routinierte Krisenmanagerin und brachte die Sozialdemokraten aus einem Umfragetief Ende letzten Jahres zurück über die 20-Prozent-Marke. Die Hoffnung der Premierministerin war offenbar, diesen Aufschwung auch in ein gutes Wahlergebnis ummünzen zu können.
Das ist zumindest zum Teil aufgegangen. Nach dem historisch schlechten Ergebnis der Sozialdemokraten bei den Kommunalwahlen im November 2025 konnte zumindest ein noch schlimmerer Absturz verhindert werden. Für einige Dänen war es womöglich tatsächlich ausschlaggebend, in der angespannten Grönland-Lage eine erfahrene, führungsstarke Regierungschefin zu wählen.
Doch von vielen anderen einstigen Wählern wurde Frederiksen merklich abgestraft. Im kurzen Wahlkampf ging es vor allem um innenpolitische Fragen, etwa die gestiegenen Lebenshaltungskosten, den schwierigen Wohnungsmarkt oder das Renteneintrittsalter. In der blockübergreifenden Koalition hatte Frederiksen wirtschafts- und sozialpolitisch einen eher liberalen Kurs gefahren – was ihr Kritik vom linken Parteiflügel, aber auch aus der Bevölkerung eingebracht hat.
Während die Premierministerin auf der weltpolitischen Bühne glänzte, habe sie den Kontakt zu den Sorgen und Wünschen der Dänen verloren, hieß es immer wieder. Besonders unpopulär war die Entscheidung der Regierung, einen nationalen Feiertag abzuschaffen, um die höheren Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Von dem darauf folgenden Absturz in den Umfragen hat sich die Koalition bis heute nicht erholt.
„In Umfragen und Interviews mit Wählerinnen und Wählern sehen wir, dass diese sich zwar Sorgen machen um die Lage in der Welt, und die Premierministerin für die stärkste Führungsfigur in dieser Situation halten“, sagt Meinungsforscher Hansen. „Andererseits haben sie das Gefühl, dass sie nicht auf sie vertrauen können, wenn es um andere Themen geht.“
Kurz vor der Wahl versuchte Frederiksen noch nach links umzusteuern, schlug etwa eine Wiedereinführung der 1997 abgeschafften Vermögenssteuer vor, um größere Investitionen in Bildung zu finanzieren. Gleichzeitig blieb sie in der Migrationspolitik bei ihrer harten Linie und versprach weitere Verschärfungen etwa bei den Abschieberegeln.
Doch ihr einstiges Erfolgsrezept – das vielen in Europa als Vorbild für die Sozialdemokratie galt, weil es erfolgreich Wähler von den Rechtspopulisten zurückgeholt hatte – scheint sich abgenutzt zu haben. So ist eine der großen Überraschungen der Wahl die Rückkehr der Dänischen Volkspartei.
Das liege nur begrenzt am Thema Migration, sagt Hansen, bei dem es in Dänemark inzwischen weitgehenden Konsens gebe. „Der wichtigste Faktor für die Wähler der Dänischen Volkspartei ist vielmehr das Misstrauen gegenüber dem politischen System. Sie haben das Gefühl, die Politiker würden sie und ihre Sorgen nicht verstehen. Die Partei hat diese Gefühle sehr erfolgreich angesprochen“, so der Analyst.
Außenminister Rasmussen als Königsmacher
Trotz des historisch schlechten Ergebnisses könnte Frederiksen aber durchaus im Amt bleiben. Sowohl eine linke Minderheitsregierung als auch eine blockübergreifende Koalition unter ihrer Führung sind denkbar – oder aber eine Regierung aus dem „blauen Block“. Königsmacher dürften in jedem Fall die Moderaten von Außenminister und Ex-Premier Lars Løkke Rasmussen werden, die keinem der beiden traditionellen Blöcke zugeordnet sind.
Trotz leichten Verlusten schnitten die Moderaten mit knapp acht Prozent deutlich besser ab als erwartet. Rasmussen hatte sich im Vorfeld der Wahl in keine Richtung festgelegt, schloss lediglich eine Zusammenarbeit mit den Parteien an den äußersten Rändern aus. Sein erklärtes Ziel ist es, die bisherige blockübergreifende Zusammenarbeit – womöglich in anderer Konstellation – fortzusetzen.
Der dänische Außenminister und Vorsitzende der Moderaten, Lars Løkke Rasmussen, in einem Wahllokal in GræstedOb und welche Parteien links und rechts der Mitte in eine solche Koalition eintreten würden, ist allerdings offen. Hansen hält eine Zusammenarbeit der Sozialdemokraten und Moderaten mit der Sozialisten Volkspartei und der sozialliberalen Radikal Venstre für eine der wahrscheinlichsten Optionen. Sollten diese allerdings zusammen auf keine Mehrheit kommen, wäre die Unterstützung weiterer Parteien nötig. „Das wäre ein sehr instabiles Szenario“, sagt er.
Zugutekommen könnte Frederiksen, dass die andere Seite des Spektrums zerstritten ist und sich keine klare Führungsfigur abzeichnet. Venstre-Chef und Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen, der als wahrscheinlichste Alternative zu Frederiksen gehandelt wurde, gilt als wenig charismatisch und hatte nur zögerlich seine Bereitschaft erklärt, sich für das Amt zur Verfügung zu stellen.
Die deutlichen Verluste seiner Partei dürften ihm wenig Rückenwind für mögliche Verhandlungen geben. Der Vorsitzende der Liberalen Allianz, Alex Vanopslagh, hatte ebenfalls seine Ambitionen auf das Premierministeramt geäußert. Er gilt wegen fehlender Regierungserfahrung und nach Bekanntwerden seines Kokainkonsums während seiner Amtszeit als Parteichef aber als unwahrscheinlicher Kandidat.
Der Vorsitzende der Liberalen Allianz, Alex Vanopslagh, kommt zur Wahlparty in KopenhagenIn welche Richtung sich die Verhandlungen entwickeln, dürfte auch außerhalb Dänemarks gespannt beobachtet werden. Immerhin ist Mette Frederiksen zu einer der prominentesten Stimmen Europas in der Welt geworden, insbesondere bei der Unterstützung der Ukraine. Und auch wenn sich Trump derzeit anderen Themen zugewendet hat – in der Grönland-Krise ist sicher noch nicht das letzte Kapitel geschrieben.
Lara Jäkel ist Redakteurin im Ressort Außenpolitik. Für WELT berichtet sie unter anderem über Nordeuropa und die USA.
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