Zeitgleich schlagen Polizisten in den frühen Dienstagmorgenstunden an mehreren Adressen zu. Auch eine bekannte anarchistische Bibliothek in Berlin-Kreuzberg wird durchsucht. Allein in Berlin finden Razzien an 15 Orten statt. Die Aktion richtet sich gegen mutmaßliche Drahtzieher eines Anschlags auf die Berliner Strominfrastruktur im September vergangenen Jahres im Südosten der Stadt.

Bei dem Stromausfall waren rund 50.000 Haushalte betroffen. Kurz nach dem Vorfall tauchte auf der Plattform „Indymedia“ ein Bekennerschreiben auf. Darin stilisierten sich die Verfasser als anarchistische Gruppe, die gezielt Infrastruktur und Unternehmen aus dem Technologie- und Rüstungsumfeld angreift. Unterzeichnet war das Schreiben mit „Einige Anarchist:innen“. Der Anschlag markierte bis zum Angriff auf das Stromnetz im Südwesten Berlins im Januar dieses Jahres den größten Blackout der jüngeren Stadtgeschichte.

Der Anschlag auf die Strommasten, das wurde schnell klar, war ein gezielter Angriff auf Europas größten Technologiepark in Berlin-Adlershof und die dortige Infrastruktur. Der Stromausfall sei zwar ein „Kollateralschaden“ für Anwohner, aber im Verhältnis zur „Zerstörung von Natur und Leben“ durch ansässige Firmen hinnehmbar. Namentlich genannt wurden damals Unternehmen wie Atos, Astrial, DLR, Edag, Vinci, Jenoptik, Rohde & Schwarz, Siemens und Trumpf.

Ein weiterer Einsatz in Berlin-Wedding

Der Stromausfall hatte im Technologiepark Adlershof Schäden in zweistelliger Millionenhöhe verursacht. Der Geschäftsführer des Betreibers Wista, Roland Sillmann, bezifferte die Summe damals auf 30 bis 70 Millionen Euro, eine genauere Einschätzung, so hieß es damals, sei wegen der unterschiedlichen Auswirkungen auf die mehr als 1300 Unternehmen nicht möglich.

Die Razzia an diesem Dienstag ist ein Achtungserfolg für die Sicherheitsbehörden bei ihren Ermittlungen in der linksextremen Szene – nach Jahren der Misserfolge und losen Enden. Der Einsatz kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Angriffe auf kritische Infrastruktur zunehmen: Stromanlagen brennen, Autos gehen in Flammen auf, Bahntrassen werden manipuliert. Der Staat gerät ins Visier und oft bleiben die Täter unbehelligt.

Der Frust darüber hat längst auch die Politik erreicht. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will den Linksterror entschiedener bekämpfen als seine Vorgänger. Seit 2011 verüben sogenannte Vulkangruppen Anschläge – Festnahmen gibt es bis heute nicht. Dobrindt fordert Ergebnisse – vom Bundeskriminalamt bis zum Verfassungsschutz. Den heutigen Ermittlungserfolg dürfte er auch für sich reklamieren, auch wenn die Täter des Anschlags nicht den „Vulkangruppen“ selbst zugeordnet werden. Anschläge wie der Angriff auf das Berliner Stromnetz im Januar sind bis heute nicht aufgeklärt.

Ermittler nehmen Anarcho-Primitivisten in den Fokus

Auch wenn die Ermittler die Anschläge im Januar dieses Jahres im Südwesten und im Südosten vergangenen Jahres getrennt sehen, kommen die Täter mutmaßlich aus einem Ökosystem, dem relativ kleinen Feld der Anarcho-Primitivisten. In dieser Szene kursieren seit Jahren Texte, die wie ein ideologischer Unterbau für solche Angriffe wirken. Eine zentrale Rolle spielte dabei immer wieder das anarchistische Magazin „Zündlumpen“ (später „Zündlappen“), das Ermittler einer klandestin agierenden Gruppe aus Bayern zuordnen.

Berlin-Adlershof: Der beschädigte Strommast im Königsheideweg

Mindestens einer der Verdächtigen des Anschlags auf den Technologiepark Adlershof hat nach WELT-Informationen direkte Verbindungen ins Umfeld des „Zündlappen“. In den Schriften der Anarchisten wird die moderne Infrastruktur als „Nervensystem“ einer kontrollierten Gesellschaft beschrieben. Der Verfasser leitet daraus ab, dass dieses Nervensystem, zu dem etwa Stromtrassen und Mobilfunkmasten gehören, als legitimes Ziel gilt. Besonders die Themen Überwachung durch Technologie und Militarisierung gehören zu den Hauptagitationsfeldern der Szene.

Auch das Bekennerschreiben nach dem Angriff in Berlin-Johannisthal nahm diese Rhetorik auf. „Jedes denkbare Geschäftsmodell aus den genannten Bereichen der Hightech-Industrie, das im Technologiepark Adlershof angesiedelt ist, fungiert, auf die ein oder andere Weise, systemstabilisierend und ist unter anderem ein Produkt militärischer Interessen“, heißt es darin. „Ihre Machenschaften sind der Garant für das Fortbestehen der kapitalistischen Todesmaschine.“

Zahlreiche Polizisten mit schwerem Gerät

Vor dem Zugriff in Berlin war bereits die Generalstaatsanwaltschaft München gegen das „Zündlappen“-Umfeld vorgegangen. Sie hat im März 2025 Anklage gegen zwei mutmaßliche Herausgeber erhoben, die auch an einer Brandserie im Raum München beteiligt gewesen sein sollen. Die Anklage gegen ein drittes mutmaßliches Mitglied hat das Landgericht München abgewiesen. Die Ermittlungsbehörde hat Beschwerde beim Oberlandesgericht eingelegt.

Zudem hat die Staatsanwaltschaft Anfang des Jahres im Zusammenhang mit einem Ermittlungskomplex namens EG Raute Anklage gegen einen 32-jährigen deutschen Staatsangehörigen wegen Brandstiftung und Billigung von Straftaten erhoben. Er soll 2024 ein Schienenfahrzeug und mehrere Baumaschinen im Münchner Norden in Brand gesetzt und einen Sachschaden von rund einer Million Euro verursacht haben. Weiterhin soll er im September 2024 versucht haben, ein Windkraftwerk in Berg in Brand zu setzen. Der Verdächtige soll derartige Sabotage-Akte in einem Artikel namens „Rage against the Forstmaschine“ gebilligt haben.

Über Kennverhältnisse zwischen der Münchner und der Berliner Szene spekulieren die Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren. Auch die Vernetzung ins Ausland ist innerhalb des anarchistischen Milieus stark.

Polizeigewerkschaft: Phänomen jahrelang kleingeredet

Der Berliner Sprecher der Gewerkschaft der Polizei Benjamin Jendro sagte WELT: „Die Gefahren durch Linksextremisten werden in unserem Land seit Jahren kleingeredet, in den Verfassungsschutzämtern und beim BND genießt der Bereich bei der personellen Zuordnung kaum Priorität, sodass die Beschäftigten zwar engagiert sind, sie oft leider nur an der Oberfläche kratzen können.“ Es gehe um eine heterogene Szene, die aber international vernetzt sei, gut organisiert und durchaus intelligent vorgehe. „Dabei profitieren sie weiterhin von fehlenden rechtlichen Anpassungen wie der überfälligen Ausweitung der Quellen-Telekommunikationsüberwachung, Mindestspeicherfristen für IP-Adressen oder Nutzung KI-basierter Technik“, kritisierte Jendro. 

Die Sicherheitsbehörden würden die Protagonisten des harten Kerns kennen, weil sie anders als Rechtsextremisten keinesfalls zur Passivität übergehen, wenn rechtsstaatliche Maßnahmen ergriffen werden. „Aber nach wie vor ist es unglaublich schwer, ihnen Brandanschläge wie den in Johannisthal oder Zehlendorf nachzuweisen. Umso höher ist es einzustufen, was unser LKA da auf die Beine gestellt hat, um die heutigen Durchsuchungsbeschlüsse zu erwirken.“

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